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Wie Philosophen interpretieren

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Vorbemerkung

Der folgende Austausch fand im Juni 2005 auf der deutschen Hegel Liste (Hegel-Ger) zwischen mir (als Antwortgeber) und (als Frager) einem Anhänger der neueren Universitätsphilosophie statt (die Zitate unten sind von ihm).

ein Vorschlag, wie Philosophen (incl. Hegel) produktiv und sinnvoll zu interpretieren sind

Wenn Autor X problematisch
ist, weil wir etwas nicht verstehen 
(z.B. Sein = Nichts, sagen wir mal), wie
können wir beurteilen, ob eine Interpretation 
von Y mit X übereinstimmt?

Was ich anbiete, ist sozusagen ein "schlachten" der heiligen Kuh der Hermeneutik, zumindest was die Philosophie angeht (Ich propagiere da, sozusagen als therapeutisches Gegenmittel, genau das Gegenteil von dem, was an der Uni hier üblich ist ;-) ).

Wenn Philosophie wirkliche Wissenschaft ist, dann ist ihr Kriterium die Wahrheit. Dann kommt es nicht wirklich darauf an, was x uber y gesagt hat, sondern ob das Gesagte stimmt, und auch da nicht als Selbstzweck, weil es das Ziel sein muss, etwas über y zu erfahren, zur Wahrheit zu kommen, nicht über x (Wie Budha sagte: schaut auf den Mond, nicht auf den Finger der auf den Mond zeigt).

In der Mathematik oder in der Naturwissenschaft ist das selbstverständlich:

Ich interessiere mich für, sagen wir mal, die Planetenbewegungen. Dann lese ich Keppler, Newton, Einstein dazu, um darüber etwas zu erfahren, nicht um etwas über die Autoren zu erfahren. (Hegel sagte dementsprechend einmal sinngemäss: was nur von mir persönlich in meiner Philosophie ist, ist falsch).

Und darum ist auch die Frage falsch, ob die heutigen Wissenschaftler Kepplerianer, Newtonianer oder Einsteinianer sind (alles Wortschöpfungen, die es aus gutem Grunde nicht gibt, oder zumindestens nicht verbreitet sind), sie haben nicht die Lehren dieser Menschen als ihr Maß, sondern ihren Gegenstand, (meinetwegen noch die Wahrheit/Wissenschaft).

Darum müssen sie sich auch nicht von diesen abgrenzen oder diese verhimmeln. Sondern: insofern hier jemand die Menschheit weitergebracht hat und hierzu Grundlegendes gesagt hat, ist er studierenswert.

Wissenschaftsgeschichtlich gibt es natürlich auch ein Interesse an den großen Persönlichkeiten selbst, aber gerade wegen ihrer Entdeckungen.

Interessant ist wissenschaftsgeschichtlich (aus philosophischer Perspektive) also zunächst einmal, das hier jeweils Menschen bestehende Begrenzungen / Voraussetzungen überschritten haben, Neues entdeckt haben (das mag man vielleicht durch ein Studium dieser Menschen, ihres Lebens- und Forschungsweges teilweise lernen können)

Zum zweiten, weil sich diese Menschen dabei noch nicht auf ein vorgegebenes Dogma verlassen konnten, ist bei deren Darstellunegn meist besser das "Warum des Warums" zu sehen, warum sie zu ihrer neuen Theorie, neuen Perspektive kommen, was uns ein vertieftes Verständnis bringt.

(In beiden Fällen ist aber die unterstellte Grundlage die Objektivität des Erkentnisvorganges, bei dem es um den Gegenstand der Erkenntnis geht).

Zurück zur Philosophie und zu Hegel:

Dementsprechend ist in der Philosophie unser Gegenstand etwa die Logik, und unser Interese ist nicht, was Hegel dazu gesagt hat per se, sondern nur insofern wir meinen, dass er hierzu Wichtiges, Grundlegendes gesagt hat, dass bis heute noch nicht in der neueren Forschung "aufgehoben" ist (um eine hegelsche Terminologie zu benutzen).

Wenn man umgekehrt nicht meinen würde, dass bei Hegel etwas relevantes zum Thema steht, warum ihn dann lesen?

OK, wenn ich ihn also in dem Sinne lesen will, ist es selbstverständlich, dass ich ihn verstehen muss.

Dazu gibt es inzwischen eine ganze Reihe guter Buecher, das Buch von Thomas Soeren Hoffmann wurde dazu hier immer wieder -auch von mir - lobend erwähnt (Weiss aber nicht, ob es nach dem Geschmack eines Liebhabers der analytischen Philosophie ist).

Aber das Verständnis von Hegel ist nicht das Ziel selbst (War ja auch nicht das Ziel von Hegel), sondern das Verständnis des Gegenstandes (der Gegenstände). Darum reden wir hier auch von dem Ziel der Reproduktion von Hegels kreativen Geist als Ziel.

Aber vielleicht ist dies nicht genau der Punkt. 
Manche meinen, eine Interpretation von X ist 
um so besser, je mehr Thesen von X-Corpus gerettet
werden (das nannte N. L. Wilson "Prinzip der Nachsicht").

Kommt darauf an, was unter "gerettet" zu verstehen ist.

Zum einen ist es sicherlich naheliegend davon auszugehen, dass sich die grossen Denker etwas vernünftiges bei dem dachten, was sie geschrieben haben, dies wäre also auf jeden Fall erst einmal für sich zu rekonstruieren.

Man kann dabei nachvollziehen, das etwas vernünftig ist, aber dennoch daran Fehler finden, z.B. weil der Autor etwas übersehen hat oder etwas noch nicht wusste, was wir heute wissen (sozusagen der Unterschied zwischen einem lokalen Optimum und einem - aus unserer Perspektive - absoluten Optimum).

Umgedreht kann es aber auch durchaus gerade in der Philosophie sein, dass sich herausstellt, dass unser "Optimum" sich im Vergleich mit dem älteren Autor als das lokale, kleinere erweist, so dass wir bei einer Differenz zu dem Autor keienswegs unterstellen dürfen, dass dies bedeutet, das der Autor unrecht hat - sondern dies ist inhatlich zu beweisen.

Tote Autoren sind oft wie Fremdsprachen, 
die man begreifen will. Eine Interpretation 
ist wie eine Übersetzeung, wodurch man 
die Referenz knackt (die Referenz de dicto 
wird zu Referenz de re, z. B.)

Ja, kann schon sein. Wie ich schon sagte, jedes Wissen, jede Theorie usw, alles Geistige (egal ob von totem oder lebendem) erfordert den individuellen Nachvollzug/Begreifen, das bleibt einem nicht erspart (jemand Lebendes kann einem dabei natürlich eher direkte Fragen dazu beantworten, auf einen eingehen usw). Das Phänomen ist auch nicht nur auf die Philosophie beschränkt, es gilt für alle Gebiete.

Es ist ein Gemeinplatz, daß Plato kein Platonist war, 
Thomas kein Thomist usw. Lustig wird es, wenn seine Schüler, 
in Höhepunkt der Nachahmung, uns beteuern, sie selber seien 
keine Platonisten und keine Thomisten! was sind sie?

Philosophen? (s. meine Ausführungen weiter oben)

Siehe auch: