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Ist Logik Luxus und schlicht ŁberflŁssig

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Frage

In der Logik versucht Hegel das Denken selbst zu untersuchen. Anders: Das Denken wird sich √ľber sein eigenes Tun klar. (Das ist der Sinn der Dialektik.)

Dieser Prozeß - wenn man ihn denn durchläuft - hat nichts zu tun mit irgendwelchen "Lebenswegen" und deren Optimierung.

Vielmehr ist er der vollkommene "Luxus"! (= schlicht √ľberfl√ľssig!!)

Antwort

a) Nach der Seite "Luxus":

Bist du mit mir einig, dass die benutzen Kategorien usw. auch Einfl√ľsse auf den Inhalt des Denkens haben?

Und bist du weiter mit mir einig, dass ich g√§ngige Fehler in den √ľblichen Erkl√§rungen und Theorien (oder gar Ideologien) sich - nur vom Logischen her gesehen - zumindest teilweise der Anwendung von bei Hegel in seiner Logik kritisierten Kategorien vedankt?

Dann hat eine solche Untersuchung des Denkens (nicht im psychologischen, sondern im logischen Sinne), wie es Hegel in seiner Logik macht (bei der herauskommt, wie also richtige Wissenschaft geht und auch umgekehrt, was f√ľr Fehler man dabei machen kann, was die Kategorien und Konzepte der Logik dabei leisten, insbesondere auch die Grenzen ihrer Leistungsf√§higkeit, ihrer M√§ngel) auch Konsequenzen f√ľr die Inhalte dessen, was wir im Kopf haben, dann werden n√§mlich auch diese an dem in-der-Logik-herausgefunden kritisiert und/oder verbessert werden.

Insofern ist so eine Untersuchung auch h√∂chst n√ľtzlich, weil all das, was es dazu (jenseits des spezifischen Inhaltes des Faches) zu wissen gibt, hier zentral gekl√§rt wird, zum Positiven wie zum Negativen hin.

b) Nach der Seite √ľberfl√ľssig:

Ich nehme an, du denkst hier an den letzten Absatz der Erläuterung von Paragraph 2 in der Enzyklopädie:

Es ist dabei geschehen, und noch √∂fters hat der Mi√üverstand obgewaltet, da√ü solches Nachdenken als die Bedingung, ja als der einzige Weg behauptet worden, auf welchem wir zur Vorstellung und zum F√ľrwahrhalten des Ewigen und Wahren gelangten. [...] Dergleichen Behauptung k√§me mit der √ľberein, da√ü wir nicht eher essen k√∂nnten, als bis wir uns die Kenntnis der chemischen, botanischen oder zoologischen Bestimmungen der Nahrungsmittel erworben, und wir mit der Verdauung warten m√ľ√üten, bis wir das Studium der Anatomie und Physiologie absolviert h√§tten. Wenn dem so w√§re, w√ľrden diese Wissenschaften in ihrem Felde, wie die Philosophie in dem ihrigen, freilich sehr an N√ľtzlichkeit gewinnen, ja ihre N√ľtzlichkeit w√§re zur absoluten und allgemeinen Unentbehrlichkeit gesteigert; vielmehr aber w√ľrden sie alle, statt unentbehrlich zu sein, gar nicht existieren.

√úbertragen auf die Logik (als Wissenschaft des reinen Denkens) k√∂nnen wir ebenso sagen, dass selbstverst√§ndlich die ganze Zeit auch ohne Kenntnis der Logik (zumal der Hegelschen) gedacht wird, ja dass man auch hier sonst √ľberhaupt nicht je zu einer "Wissenschaft der Logik" k√§me, wenn diese zu sich selbst die Voraussetzung w√§re.

Wie √ľberall gibt es auch hier Vorstellungen, die auch aus der praktischen T√§tigkeit, der Erfahrung damit erwachsen, die zur Grundlage genommen werden und die untersucht werden.

Wie immer ergibt sich auch in diesem Prozess ein besseres Verst√§ndnis des Gegenstandes, was auch (s.o. unter a ) R√ľckwirkungen auf die Praxis hat.

Von daher gilt f√ľr die Logik dasselbe, was du ansonsten bei deiner Erl√§uterung der Wesenslogik f√ľr beliebige Gegenst√§nde zu Grunde legst (es ist gerade eines der guten Kennzeichen der hegelschen Logik, dass man diese auch auf sich selbst anwenden kann):

Die Wissenschaft w√§re √ľberfl√ľssig, wenn das Sein, unsere Vorstellung der Dinge, einfach identisch w√§re mit ihrem Wesen (Aristoteles, sagt dementsprechend, dass Philosophie (bzw. Wissenschaft) mit dem sich-wundern beginnt - irgend etwas vorher unproblematisches ist auf einmal problematisch, erkl√§runsgbed√ľrftig)

In der Anmerkung zu Paragraph 5 der Enzyklopädie sagt Hegel dazu:

Insofern es nur das Denken ist, was die Philosophie zur eigent√ľmlichen 
Form ihres Geschäftes in Anspruch nimmt, jeder Mensch aber von Natur 
denken kann, so tritt vermöge dieser Abstraktion, welche den § 3 
angegebenen Unterschied wegläßt, das Gegenteil von dem ein, was vorhin 
als Beschwernis √ľber die Unverst√§ndlichkeit der Philosophie erw√§hnt 
worden ist. Diese Wissenschaft erfährt häufig die Verachtung, daß auch 
solche, die sich mit ihr nicht bem√ľht haben, die Einbildung aussprechen, 
sie verstehen von Haus aus, was es mit der Philosophie f√ľr eine 
Bewandtnis habe, und seien fähig, wie sie so in einer gewöhnlichen 
Bildung, insbesondere von religi√∂sen Gef√ľhlen aus, gehen und stehen, zu 
philosophieren und √ľber sie zu urteilen. Man gibt zu, da√ü man die 
anderen Wissenschaften studiert haben m√ľsse, um sie zu kennen, und da√ü 
man erst verm√∂ge einer solchen Kenntnis berechtigt sei, ein Urteil √ľber 
sie zu haben. Man gibt zu, daß, um einen Schuh zu verfertigen, man dies 
gelernt und ge√ľbt haben m√ľsse, obgleich jeder an seinem Fu√üe den Ma√üstab 
daf√ľr und H√§nde und in ihnen die nat√ľrliche Geschicklichkeit zu dem 
erforderlichen Geschäfte besitze. Nur zum Philosophieren selbst soll 
dergleichen Studium, Lernen und Bem√ľhung nicht erforderlich sein. - 
Diese bequeme Meinung hat in den neuesten Zeiten ihre Bestätigung durch 
die Lehre vom unmittelbaren Wissen, Wissen durch Anschauen, erhalten

Und in der Vorrede der Ph√§nomenologie des Geistes heisst es an einer ber√ľhmten Stelle:

Das Bekannte √ľberhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt. 
Es ist die gewöhnlichste Selbsttäuschung wie Täuschung anderer,  
beim Erkennen etwas als bekannt vorauszusetzen [...]

Dies kann man nat√ľrlich auch √ľber die logischen Kategorien sagen

(Nebenbei: ich erinnere mich noch daran, wie ich als 14-j√§hriger in den verschiedenen Lexika unserer Stadtb√ľcherei nach einer Erkl√§rung von grundlegenden Worten wie "Sein", "Haben", "Warum" nachgeschlagen habe und ob der unbefriedigenden dort gefundene Erkl√§rungen entt√§uscht war - das erste philosophische Bed√ľrfnis im engeren Sinne, an das ich mich bei mir erinnern kann. Hegel hatte in dem Alter nach eigenen Angaben √ľbrigens schon die Wolffsche Logik studiert).

Siehe auch

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