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Gespräch2009 zur Geschichtsphilosophie

Aus Kais Hegelwerkstatt
Version vom 26. Dezember 2015, 16:26 Uhr von Kai (Diskussion | BeitrĂ€ge) (GesprĂ€chstranskript von 2009 eingefĂŒgt)
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Ausschnittsweises (Auslassungen mit [..] gekennzeichnet] Transkript eines GesprĂ€ches vom 10.7.2011. Es enthĂ€lt eine Reihe mit wichtige Gedanken, die anderswo noch nicht so ausgefĂŒhrt wurden.

Frage

Wieso ist da etwas wie die Freiheit, ein Prinzip der Freiheit, das die ganze Geschichte durchwaltet. 
Du hast gestern zwei, drei Bemerkungen drin gehabt, obwohl das nicht dein Thema war, 
aber du bist völlig selbstverstÀndlich von einem Prinzip, das die Geschichte bewegt, ausgegangen.
Das habe ich auch bei Hegel in den „Vorlesungen“ so auf Seite einhundert gefunden, 
wo er die verschiedenen Gesichtspunkte der Geschichte betrachtet. 
"Das einzige, was der Philosoph an die Geschichte herantrĂ€gt, ist die Überzeugung, dass Vernunft in der Geschichte ist." 
Wenn ich es mit dieser Voraussetzung betrachte, dann kann ich das alles nachvollziehen. 
Jetzt stelle ich mich auf den Standpunkt von jemandem, der durch die Postmoderne durchgegangen ist und sagt: 
„Ja, was soll das? Die Welt ist halt nicht so“.
Du hast gestern etwas von den Zwecken gesagt. Das hĂ€tte ich gerne etwas ausfĂŒhrlicher. 
Und: Hat es Hegel auch so gemacht? Ich kenne von Hegel nur das mit den aufeinander folgenden Volksgeistern, 
doch heute in der globalisierten Welt gibt es das „andere Volk“ (mit einem neuen Volksgeist) ja nicht mehr.

Antwort Kai

Erstmal schaue ich mir immer an, wie Hegel an die Sachen heran geht. Eigentlich will ich ja den Hegelschen Geist reproduzieren und nicht einfach das Hegelsche System, denn Hegel hat sein System ĂŒber die Jahre kontinuierlich geĂ€ndert, auch noch in seiner Berliner Zeit. Die Frage ist die nach seiner Vorgehensweise. Seine Vorgehensweise ist meines Erachtens nicht, dass er mit einem „logischen Vorurteil“ an die Sache heran geht. Nicht so, wie das der "DiaMat" macht, der das einfach aus Hegel extrahiert: Es kommt drauf an, die ZusammenhĂ€nge, die Bewegungen und die Entwicklungen zu sehen. Bei Hegel besteht das Prinzip der wissenschaftlichen Ausarbeitung darin, die Sachen auf den Begriff zu bringen, dass heißt die Sicht auf den Elefanten zu haben, wie die einzelnen Teile zusammenpassen [Anspielung auf das Beispiel der blinden Gelehrten, die einen Elefanten auf verschiedene Weisen erfassen]. In diesen Untersuchungen finde ich die logischen Bestimmungen, die dem Gegenstand gemĂ€ĂŸ sind, die ihn abbilden. Darum ist es eben gerade kein Vorurteil, und darum ist auch Kritik gar kein Problem. Wenn die Kritik berechtigt ist, besteht ein gemeinsames Interesse, das abzuĂ€ndern.

Dass die Bestimmungen aus der Logik auftauchen, wenn ich den Gegenstand untersuche, liegt nicht daran, dass ich mit einem Vorurteil an die Sachen heran gehe. Hegel hat sich biographisch (noch vor der Logik) zuerst mit Geschichte und anderen Dingen beschÀftigt. Die Logik stellt systematisch dar, was er bei der BeschÀftigung mit den anderen GegenstÀnden gefunden hat. Deshalb ist auch die Logik als solche flexibel. Das als kleine Vorbemerkung gegen einen Dogmatismus-Vorwurf. Das bedeutet, dass ich mich auch in Bezug auf die Geschichtsphilosophie nicht auf eine prinzipielle Vorgehensweise berufe, sondern immer erklÀren kann, warum ich so vorgehe.

Jetzt zur Geschichte. Es liegt in der Natur der Geschichte, dass sie eine zeitliche Entwicklung hat, das sich da also irgendetwas verĂ€ndert. Die erste Frage, die du dir stellst, ist: Gibt es ein gemeinsames Prinzip dieser VerĂ€nderungen. Offensichtlich gibt es dort Unterschiede. Die römische, griechische oder eine andere Gesellschaft – etwa eine wovon der Hegel nicht geredet hat: die aztekische oder unsere – sind unterschiedlich. Nun kann ich Ă€ußerliche Parallelen ausmachen, es gibt ein Anfang und ein Ende [etc.]. Ansonsten haben die Ă€ußerlich nicht viel miteinander zu tun.

TatsÀchlich gibt es aber offensichtlich ZusammenhÀnge. [LÀnder-Beispiele folgen, hier ausgelassen]

Es gibt Gemeinsamkeiten, die es angezeigt sein lassen, diese LĂ€nder nicht isoliert zu betrachten. Eine rein isolierte Betrachtung mag sinnvoll sein, wo die LĂ€nder als solche isoliert sind (wie etwa bei afrikanischen oder sĂŒdamerikanischen Reichen).

Aber es gibt offensichtliche Gemeinsamkeiten. Dann kann ich zeigen, wie die Bestimmungen vorheriger Reiche in den folgenden Reichen enthalten sind: Inwiefern ist Griechenland Ă€gyptisch oder persisch beeinflusst, inwiefern ist Rom griechisch beeinflusst, inwiefern ist das Christentum dann durch diese Punkte beeinflusst, inwiefern sind dann die germanischen Reiche römisch, griechisch und christlich beeinflusst. Dann habe ich eine entsprechende Kette, wo sich der Einfluss aggregiert. Damit habe ich auch schon eine erste Stufenfolge, in der bestimmte Prinzipien jeweils entsprechend weiterverarbeitet werden und in gewisser Weise aufgehoben erhalten bleiben. Das ist etwa der Sinn einer Ideengeschichte. Es tauchen nicht einfach irgendwelche Ideen auf, die miteinander nichts zu tun haben, sondern ich beschĂ€ftige mich mit der Ideengeschichte, weil ich in den heutigen Ideen ihre Geschichte zurĂŒckverfolgen kann auf frĂŒhere Punkte.

Diese Ideengeschichte kann ich auf geistige Ideen beziehen, aber auch auf das, was der Histomat als die materiellen Grundlagen ansieht. Ich kann sehen, dass technische Erfindungen weitergegeben werden, dass mathematische Erkenntnisse weitergegeben werden, dass – mit EinschrĂ€nkungen – gesellschaftliche Institutionen oder Rechtsformen weitergegeben werden. Da gibt‘s dann zwischendurch BrĂŒche, besonders evident etwa beim Wechsel von der Antike zum Mittelalter, wo es auch grĂ¶ĂŸere RĂŒckschritte gibt, die aber dann nach einer Phase des radikalen Neuaufbaus spĂ€testens in der Renaissance (aber auch schon vorher) vermittelt ĂŒber die Auseinandersetzungen mit den Arabern, wieder angeeignet werden. Auch dort sehe ich also eine Kette, wo Sachen entsprechend aufeinander aufbauen, wo das Ganze sich akkumuliert.

[Passage ĂŒber Fortschrittsdenken ab 18. Jahrhundert im Gegensatz zum Mittelalter; herausgehoben Herder: „Geschichte des Menschengeschlechts“, hier ausgelassen]

Was sind Grundprinzipien in dieser phÀnomenologischen Betrachtung? Was lÀsst uns bei allen diesen (Entwicklungen) von Fortschritt reden? Fortschritt hat eine positivistische und eine normative Bedeutung.

Positivistisch: Ich kann die Akkumulation und Erweiterung des Wissens zeigen.

Normativ: Eine Zunahme des Wissens ist gut. Aber warum ist das so? Man könnte das ja auch in Frage stellen (wie etwa im 20. Jahrhundert), deswegen muss man das erlÀutern.

Hegel sagt, dass all diese AnsĂ€tze Fortschritte in der Freiheit sind. Diese Freiheit habe ich in Beziehung gesetzt zu dem Zweck. In Bezug auf die menschlichen Zwecke gibt es zwei Arten von Freiheit: ZunĂ€chst einmal die Freiheit in Bezug auf den gegebenen Zweck, fĂŒr den du immer bessere Mittel hast (schaffst) und Hindernisse aus dem Weg rĂ€umst; dann im Sinne einer höheren Freiheit im Sinne eines Selbstbewusstseins, dass dir klar wird, welche Zwecke du eigentlich hast und wie die Hierarchie der Zwecke ist, was vernĂŒnftige Zwecke sind, du also ĂŒber den Inhalt der Zwecke Freiheit hast. Dass heißt, die Zwecke sind nicht einfach gegeben, etwa weil sie in der Gesellschaft so tradiert sind oder von den Eltern kommen.

Das erste VerstĂ€ndnis von Freiheit wĂ€re das, was im objektiven Geist passiert, das zweite das, was im absoluten Geist passiert. Den BezĂŒgen auf das Individuum im subjektiven Geist verdanken sich meine EinwĂ€nde, wenn von BedĂŒrfnissen die Rede ist. Es ist wichtig, dass man sich klar darĂŒber wird, was der Inhalt der BedĂŒrfnisse ist und was die GrĂŒnde fĂŒr die BedĂŒrfnisse sind.

Mir kommt es an der Stelle auf die Herausarbeitung der zwei Freiheitsbegriffe an. Die zwei Freiheitsbegriffe waren, dass es einmal immer bessere Mittel gibt, um gegebene Zwecke zu erfĂŒllen, und dann, dass man die Zwecke selbst reflektiert.

Das kommt ja bei Hegel im objektiven und absoluten Geist vor. Die meisten Leute verstehen unter Fortschritt das Bessere-Mittel-Finden. Das ist vergleichsweise linear, da die MaßstĂ€be vorausgesetzt sind und es dann nur darum geht, was das bessere Mittel ist. Einerseits gibt es grundlegende Zwecke, die immer gleich bleiben – ich muss die Leute immer ernĂ€hren und kleiden, selbst wenn ich sie unterdrĂŒcken will. Weil sie immer gleich bleiben, sind sie ein gleich bleibendes Prinzip. Deshalb sind auch bei Marx die ProduktivkrĂ€fte das Übergreifende in dem Sinn, dass man sie immer weiter verbessern will, erforschen will usw.

Auf der anderen Seite gibt es ja offensichtlich Unterschiede. Wenn ich mir das Mittelalter angucke, gibt es sogar RĂŒckschritte. Es gibt eben auch die Bewegung, dass man sich klar wird ĂŒber seine Ziele und Zwecke und dass die konkreten Ziele und Zwecke – je nachdem, was man im absoluten Geist darĂŒber gedacht hat – unterschiedlich aussehen. Dadurch Ă€ndert sich dann plötzlich auch das, was man als Mittel relativ wichtig findet.

Im Prinzip sind das, was der Marx die EigentumsverhĂ€ltnisse nennt, fĂŒr mich auch Mittel, um höhere Zwecke zu verwirklichen. Die Eigentums- und GesellschaftsverhĂ€ltnisse – da bin ich theoretisch noch nicht so ganz klar – liegen meines Erachtens einerseits ĂŒber dem AlltĂ€glichen, weil darin grundsĂ€tzliche Fragen geregelt werden. Sie werden von den Herrschenden gemacht als Mittel fĂŒr ihre Herrschaft. Auf der anderen Seite wird das aber wiederum gebunden an die Erkenntnisse von dem, was grundsĂ€tzliche Zwecke sind. In unserem Zeitalter findet die Herrschaft statt in Form von Liberalismus, Ökologie, Eigentum... Im Mittelalter spielt das Christentum eine große Rolle. Wie das genau funktioniert, habe ich noch nicht so genau raus.

Die Idee wÀre, dass ich das [Herrschaft?] nicht einfach ableiten kann, zum Beispiel das Mittelalter aus dem Herrschaftswunsch der Feudalisten. Sondern die mittelalterliche Ordnung verdankt sich auch der Rezeption des Christentums. Wahrscheinlich lÀsst sich das so konkretisieren, dass du das, was auch dem Marx wichtig ist, aufstellst.

Es ist ein GrundbedĂŒrfnis von mir, dass ich im ZurĂŒckgehen zu Hegel das, was von Marx kommt, aus seinem Dogmatismus, dass es einfach so gesagt wurde, rausnehme und versuche, es flĂŒssig und lebendig zu machen. Da gibt es noch was, worĂŒber man weiter nachdenken muss.

Wie sieht nun die ganze Zweckgeschichte bei Hegel aus? Außer nur, dass es implizit ist ĂŒber das VerhĂ€ltnis subjektiver Geist – objektiver Geist – absoluter Geist. Die Menschen verwirklichen ihre Zwecke im objektiven Geist, das ist das Mittel zur Verwirklichung ihrer Zwecke und die SphĂ€re ihrer Zwecke, und im absoluten Geist, also im freien Geist, reflektieren sie das.

Ich hatte darauf hingewiesen, dass rein in der Logik der Zweck die oberste Kategorie im Objekt ist. Wenn es da von der Logik zum Geist eine Parallele gĂ€be, dann wĂŒrde der Zweck gerade diejenige Kategorie sein, die dem obersten Teil vom objektiven Geist entsprechen wĂŒrde, also dasjenige, was den objektiven Geist regiert. Und es macht auch Sinn, weil der objektive Geist dasjenige ist, wo Zwecke verwirklicht werden.

Es geht aber auch noch expliziter. In der von mir angepriesenen Einleitung in die Geschichtsphilosophie von Hegel sagt er das explizit (am Ende der Einleitung vor den geografischen Grundlagen). Da macht er explizit diesen Vergleich mit Zweck und Mitteln und erzÀhlt, dass es in der Geschichte Voraussetzungen gibt, Mittel und Zwecke und deren VerhÀltnis.

Einschub GesprÀchspartner

Was ein neuer Gedankenpunkt fĂŒr mich war, ist folgendes: Du hast angefangen, Freiheit als Umsetzung von Zwecken zu diskutieren. Dabei zeigt sich, dass es zwei Arten von Freiheit gibt. Die eine ist die, bei der man sich auf einen gegebenen Zweck bezieht und dafĂŒr immer bessere Mittel herstellt und Hindernisse aus dem Weg schafft. Man will zum Beispiel Nahrung beschaffen, und die Entwicklung der Agrartechnik ist dann das Mittel dazu. Dabei bleiben die Zwecke aber gleich – Nahrung beschaffen. In diese Debatte ordnet sich auch die Produktivkraftentwicklung ein.

Es gibt aber eine höhere Form von Freiheit, wo ĂŒber die Zwecke reflektiert wird. Es gibt eine Hierarchie von Zwecken, zum Beispiel Nahrungsmittelproduktion und Ökologie. Plötzlich muss man Nahrungsmittel- und Biodiesel-Produktion in Beziehung setzen und muss sich dann ĂŒber die Hierarchien klar werden. DarĂŒber wird gesellschaftlich und individuell reflektiert. Wenn dann ĂŒber den Inhalt der Zwecke entschieden wird, ist das eine Freiheit höherer Ordnung. Da kann man die ganze ökologische Debatte einbauen. Die Produktivkraftentwicklung ist nicht die Linie, an der sich die Geschichte notwendig entlang entwickelt. Da kann man die ganze Technikdebatte einbetten, dass nicht die Technik an sich böse ist, dass man nicht das Niveau an Freiheit – Mittel zu haben – aufgibt, , sondern der Weg ist, eine höhere Form von Freiheit zu finden, gesamtgesellschaftlich, um die Zwecke zu reflektieren.

Steht das auch bei Hegel, diese zwei Formen der Freiheit?

Fortsetzung Kai

Zum einen ist es in der Unterscheidung von objektivem Geist und absolutem Geist, zum anderen im ZweckverhĂ€ltnis enthalten. Beim Zweck habe ich immer ein Ziel, das die Mittel regiert, und ĂŒber dieses Ziel kann ich nachdenken. So wie du es mir erzĂ€hlst, ist es fĂŒr mich noch nicht genĂŒgend flexibel. Es ist im Alltag immer so, dass ich Zwecke habe. Die Zwecke können kontrĂ€r sein, und dann ist die Frage, wie sich diese Zwecke zueinander verhalten. [Alltagsbeispiele, welche Zwecke ziehe ich vor etc.] Das ist schon ein bisschen eine Reflexion, ist aber eine, wo die Zwecke als solche insofern nicht in Frage stehen, als sie bloß aufgenommen und dann in ein VerhĂ€ltnis gebracht werden.

Das eigentlich interessante sind die Reflexionen, bei denen sich der oberste Zweck Ă€ndert. Das kann durchaus auch bei der Reflexion der einzelnen Zwecke passieren. Der absolute Geist schwebt nicht losgelöst ĂŒber allem. Gerade an den Problemen, die ich jeweils habe, entdecke ich das. Wenn ich in einer Krise bin, komme ich vielleicht zu UmschwĂŒngen. Ebenso ein Staat oder eine Gesellschaft. Aber die FlexibilitĂ€t besteht darin, alle Zwecke komplett umzuorganisieren, so dass es sich nicht mehr nur um eine lineare Optimierung von Zwecken handelt, sondern dass etwas ganz neues entsteht.

Die technische Optimierung ist graduell, sie geht auf quantitative Unterschiede. Qualitative SprĂŒnge wie etwa zwischen Antike und Mittelalter passieren auf Basis einer grundlegende Änderung der obersten Zwecke und Ziele. Aus Einzeloptimierungen können sich auf dem Wege der Ansteckung aber auch durchaus qualitative Änderungen ergeben. [...]

Hegel unterstellt, dass es in einer Gesellschaft bestimmte geistige Schranken gibt. Die Leute kĂŒmmern sich dann nur um lokale Optimierungen und ĂŒberschreiten diese nicht.

Marxisten wĂŒrden in einer ernsthaften Kritik der bĂŒrgerlichen Wissenschaften auf Selbstlimitierungen verweisen, auf Grenzen, die nicht ĂŒberschritten werden. Zum Beispiel, dass die Probleme nur im Rahmen des Kapitalismus gedacht werden und man sich beschrĂ€nkt auf Punkte, die darin realisierbar sind. Das wĂŒrde bedeuten, dass es auch in unserer heutigen Zeit noch solche Grenzen, Tabus, Denkverbote und Limitierungen gibt. FĂŒr die frĂŒheren Zeiten fallen uns diese natĂŒrlich viel hĂ€ufiger auf.

Das ist bei Hegel der Bereich des absoluten Geistes: Religion, Kunst, Philosophie, Wissenschaft. Dort wird ĂŒber die Zwecke nachgedacht. Dort gibt es die Möglichkeit, freier von bestimmten BeschrĂ€nkungen zu Konzepten zu kommen, die das Bestehende ĂŒberschreiten.

Nebenbei: In meiner Hegel Interpretation lehne ich alles komplett ab, was dahin geht, Geist, Weltgeist oder absoluten Geist als unerklÀrliche Kraft zu postulieren. Ich muss genau erklÀren können, was das jeweils bedeutet, so dass ich es nachvollziehen kann und keine Voraussetzungen machen muss.

Geist ist einfach dasjenige Thema, welches die Wissenschaften in den Geisteswissenschaften (im Gegensatz zum Thema der Naturwissenschaften) behandeln. Diesen Unterschied hat eigentlich jeder im Kopf. Geist ist etwas, was die Menschen miteinander gemeinsam haben. Das gibt es nicht jenseits der Menschen. Es ist in den einzelnen Menschen drin (subjektiver Geist), ist aber gleichzeitig etwas, das sie miteinander verbindet (objektiver Geist).

Der absolute Geist bei Hegel ist nichts geheimnisvolles oder dogmatisches. Absolut meint eigentlich immer bloß „grenzenlos“. Grenzenlos ist es in Wirklichkeit aber nicht. Es ist unterschieden vom objektiven und subjektiven Geist, d.h. es ist dasjenige, was sich selbst Grenzen setzt. Das ist genau das Kriterium von Freiheit. Es ist also eigentlich der freie Geist. Nur hat Hegel den „freien Geist“ in seinem System weiter unten als Ende des subjektiven Geistes schon benutzt.

Was ist der freie Geist, wenn er sich selber Grenzen setzt? Das ist derjenige, der ĂŒber seine eigenen Zwecke reflektiert und sich der Zwecke, die er setzt, bewusst ist. Der freie Geist ist einfach bloß die TĂ€tigkeit, wo ĂŒber die Zwecke reflektiert wird.

Eine gewisse Reflexion gibt es in jedem einzelnen Menschen, wenn er sein tĂ€gliches Leben optimiert, wenn man etwas plant oder gemeinsam organisiert. Aber da werden immer irgendwelche Zwecke und Kategorien vorausgesetzt. Es gibt aber einen Bereich, in dem ĂŒber diese Sachen selber nachgedacht werden, zum Beispiel in der Religion. Gegenstand der Religion ist die Ordnung der Welt und der Platz des Menschen darin. [...]

Die Kunst ist der Bereich, in dem die Menschen versuchen, das auszudrĂŒcken. [...] In der Kunst geht es darum, Gedanken als solche möglichst angemessen auszudrĂŒcken. In dem ich das mache, verobjektiviere ich den Inhalt, so dass ich ihn mir anschauen kann. Wenn es mir gelingt, besonders tiefe Inhalte zu veranschaulichen, dann gehe ich auch ĂŒber Grenzen hinweg.

In der Wissenschaft allgemein und in der Philosophie als der Spitze der Wissenschaft wird ĂŒber Religion, Kunst, ĂŒberhaupt alles nachgedacht. In dem ich das nachdenke und nachvollziehe, finde ich Grenzen, jetzt jedoch nicht mehr zufĂ€llig oder genial. Sondern ich finde systematisch Grenzen und kann diese aussprechen. In der denkerischen Freiheit kann ich bestimmte Fehler und BeschrĂ€nkungen erkennen und in diesem Erkennen zumindest teilweise ĂŒber sie hinausgehen.

In der Geschichte der Philosophie finde ich Gedanken, die weit ĂŒber ihre Zeit hinausgegangen sind und sich insofern von den BeschrĂ€nkungen ihrer Zeit relativ stark emanzipiert haben.

(Diese Umstellung der klassischen hegelschen Reihenfolge im absoluten Geist Kunst - Religion - Philosophie, die ich hier vornehme, macht ĂŒbrigens auch Hegel in seiner Vorrede zur Philosophie der Weltgeschichte).

Was Basis-Überbau angeht: Das wĂŒrde ich gerne in diesem Ding aufgehoben haben. [...] Im Histomat heißt das Wiedergeben und DarĂŒberhinausgehen die Dialektik von beidem. Dialektik wird oft als Wechselwirkung zwischen zwei Dinge verstanden. Eigentlich ist es die Aufgabe, sich klar zu machen, wie das genau funktioniert. [...]

Siehe auch

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