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Erdmanns Vorlesung zum Staat

Aus Kais Hegelwerkstatt
Version vom 15. November 2007, 17:45 Uhr von 192.35.17.11 (Diskussion)
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auesserliches

Heute (20.9.06) sind die Erdmannschen Vorlesungen zum Staat (aus dem Jahr 1851) angekommen. Dafür, dass das Werk 100 EUR plus Porto gekostet hat, macht es äusserlich erstmal wenig her: im Unterschied zur gebundenen Erdmannschen Logik handelt es sich nur um ein spärlich geheftetes Heftchen mit Papierumschlag (das sicherheitshalber in einer Plastiktüte verschickt wurde). Zum Einscannen ist das aber eher von Vorteil. Das Heft ist auch, wie die Logik, in lateinischer Schrift gesetzt, aber in einer Schriftgrösse. Ein Inhaltsverzeichnis oder Index fehlt leider.

Gegenstand

Die Vorlesungen (die Kapitel sind leider jeweils nur "3. Vorlesung", "4. Vorlesung" etc. überschrieben) behandeln nur den Abschnitt zum Staat in der Rechtsphilosophie, genauer sogar nur den Abschnitt zumn inneren Staatsrecht (Also ohne Aussenpolitik oder gar Weltgeschichte).

Art der Darstellung

Die Art der Darstellung ist auch anders als in seinem Logikbuch: Erdmanns Vortrags (und somit auch Vorlesungs-)technik bestand (diese Angaben entnehme ich seiner Biographie durch Glockner) darin, den Vortrag komplett auszuarbeiten und dann auswendig vorzutragen. Das bedeutete, dass er auf keine Mitschriften angewiesen war, seine Vorlesungen lagen alle bei ihm in Reinschrift vor (würde mich doch zu sehr interessieren, was aus den ganzen anderen Reinschriften von ihm geworden ist). Diese Vorlesung hier wurde direkt am Tage der letzten Vorlesung, wie er am Anfang schreibt, in Druck gegeben, zweifelsohne nach dieser Ausarbeitung. Dadurch liest sich der Text tatsächlich genauso, wie die Vorlesung geklungen haben wird, was sowohl positive (gute Lesbarkeit, Anschaulichkeit durch Bilder, Beispiele) als auch negative (die Systematik ist auch hier im Hintergrund bemerkbar, wird aber nicht eigens hervorgehoben und betont, man muss sie sich eher, ähnlich wie teilweise bei Rosenkranz, selbst herausklauben).

Inhalt

Inhaltlich stimmt es in der Tat, dass Erdmann in den Vorlesungen eher konservativ ist und der ganzen Linken, von den demokratischen Revolutionären von 1848 bis zu den noch linkeren eher sehr skeptisch gegenüber steht, diese sind in seine Augen Schwärmer, nicht so reflektiert in dem, was sie tun, nicht so erfahren usw. Seine eigenen Ansichten (die auch in einem Bekenntnis zur Monarchie gipfeln) sind eine Art augeklärter, freiheitlicher Konservativismus, falls du dir das vorstellen kannst. (Man kann sich gut vorstellen, dass er gut Freund mit einem Bismak oder Thiers sein konnte)

Die Gliederung kommt bei ihm wie gesagt vor, und so auch philosophische Argumente, der grösste Teil seiner Vorlesungen sind aber mit Reflektionen erfüllt, wie sie auch in den reflektierenden Memoiren von Staatsmännern vorkommen könnten.

Vergleich mit Michelet

In gewisser Weise sind diese Vorlesungen das völlige Gegenteil des Ansatzes von Michelet. Nicht nur wegen des unterschiedlichen Standpunktes (Erdmann könnte man sich politisch als aufgeklärten, gebildeten Adeligen der Rokoko-Zeit vorstellen (der auf dem Boden der Aufklärung steht, die neuen Strömungen und Kritiken versteht, aber doch eher die bestehennden Zustände im Prinzip gut findet und sie nur vorsichtig von oben reformieren will, vielleicht etwa wie ein von Stein in Preussen), Michelet als schon eher den 1848er und der heraufkommenden sozialistischen Arbeiterbewegung verbunden), sondern auch weil bei Michelet die bürgerliche Gesellschaft den Staat fast völlig verdeckt und der Fortschritt/Utopie die (noch mit Mängeln der Vergangenheit belastetete) Gegenwart, während umgekehrt bei Erdmann naturgemäss der Staat die herausragendste Rolle spielt und er sich eher mit Gegenwart und dem Sinnvollen der Vergangenheit befasst.

Bedeutung

Ich halte seine Vorlesung zum Thema für ganz nett und sicherlich auch bedenkenswert, sollte auch mit berücksichtigt werden (u.a. weil auch das Teil des hegelschen Erbes ist), aber sehe darin lange nicht die Bedeutung, die seine Logik (oder seine Philosophiegeschichte oder seine Psychologie) hat (Schon weil das Stoffgebiet so viel kleiner ist als die ganze Rechtsphilosophie und weil die Systematik nicht so herausgearbeitet ist. Zudem soll Erdmann später in den 1860ern seine Ansichten, u.a. beeinflusst durch Bismarck, leicht geändert haben).

selbst urteilen

Inzwischen habe ich mitbekommen, dass in der Sammlung "Rechtshegelianismus" die wichtigsten Kapitel aus diesem Heft abgedruckt sind. Das Buch sollte in jeder besseren Uni-Bibliothek (oder über die Fernleihe) zu bekommen sein.

Buch Online

Das Buch ist inzwischen als PDF Online (dank an Googles Scanprojekt): http://hegel.net/erdmann/Erdmann1851-Vorlesungen_ueber_den_Staat.pdf