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Enz. ž 79-82

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Hegel Text zum Kommentieren

N├Ąherer Begriff und Einteilung der Logik

Kai:

Die eigentliche Einteilung der Logik kommt erst in Paragraph 83.

Inwiefern geben also die Paragraphen 79-82 einen "N├Ąherer Begriff und Einteilung der Logik"? Sie handeln jedenfalls nicht direkt von Sein, Wesen, Begriff (die zum ersten Mal in Pragraph 83 systematisch erw├Ąhnt werden), sondern von einer Art "Superstruktur" oder Methode, die auch dieser Einteilung noch vorausgeht, die man dann aber deshalb auch in der Einteilung wiederfinden wird. N├Ąheres weiter unten.

┬ž 79 - Einteilung

Das Logische hat der Form nach drei Seiten:

  • ╬▒) die abstrakte oder verst├Ąndige,
  • ╬▓) die dialektische oder negativ-vern├╝nftige,
  • ╬│) die spekulative oder positiv-vern├╝nftige.

Kai dazu

  • drei Seiten: es geht also hier nicht um eine Sequenz, sondern mehr um 3 Perspektiven (etwa die 3 sichtbaren Seiten etwa eines Tetraederes (Pyramide)). Das Bild ist aber unzul├Ąnglich, weil die drei Seiten in dem Bild unabh├Ąngig voneinander sind und nicht wirklich voneinander unterschieden. Dieser Aspekt kann an dem Bild vom Tetraeder besser so gefasst werden: den 3 Momenten entsprechen: (a) die Grundseite/Grundriss des Teraeders, (b) die 3 sichtbaren Seiten (bzw, 4 Seiten insgesamt) des Tetraeders, und (c) der durch sie umschlossene Raum dieser "3 Seiten".

Aus der einen Seite/Moment schliessen wir auf die anderen, jedes der drei Momente ist in dem anderen enthalten.

  • zu den Benennungen:
    • Dialektik wird von Hegel hier nur als die 2.Seite, nicht als das Ganze genommen. Marxisten reden meistens von Dialektik auch f├╝r den Gesamtprozess, f├╝r alles 3 zusammen. F├╝r sie ist naturgem├Ąss (wie sp├Ątestens weiter unten klar werden wird) der 2. Moment der wichtigste.
    • Hegelianer reden meistens von sepkulativ, Spekulation f├╝r den Gesamtprozess, f├╝r alles 3 zusammen
  • Die erste "Seite" wird dem Verstand zugeordnet, die 3. der Vernunft. Die 2. Seite wird nur negativ der Vernunft zugeordnet: sie zeigt die Begrenzungen des Verstandes aus der 1.Seite, aber noch nicht den positiven vern├╝nftigen Inhalt

Die drei Seiten als "Momente jedes Logisch-Reellen"

Diese drei Seiten machen nicht drei Teile der Logik aus, sondern sind Momente jedes Logisch-Reellen, das ist jedes Begriffes oder jedes Wahren ├╝berhaupt. Sie k├Ânnen s├Ąmtlich unter das erste Moment, das Verst├Ąndige, gesetzt und dadurch abgesondert auseinandergehalten werden, aber so werden sie nicht in ihrer Wahrheit betrachtet. - Die Angabe, die hier von den Bestimmungen des Logischen gemacht ist, sowie die Einteilung ist hier ebenfalls nur antizipiert und historisch. 8/168

  • nicht Teile, sondern Momente: das ist ein terminologischer Vorgriff auf die Wesens- ("nicht Teile") und Begriffslogik. Gemeint ist hier mehr' als "nur Teile": alle Momente sind notwendiger Bestandteil ihres Gesamtzusammenhanges (das Wort kommt in dieser Benutzung vom physikalischen "Drehmoment").

Die Betonung der "Momente" bedeutet, dass die Betrachtung hier vorab diejenige der Begriffslogik ist, aus der Perspektive wird r├╝ckblickend dieser Vorbegriff gegeben

    • Beispiel f├╝r 3 Momente ist das oben gegebene 2. Tetraeder Beispiel
  • Da die drei Seiten also Momente jeden Begriffs sind, entsprechen sie auf Begriffseben dem Allgemeinen, Besonderen und Einzelnen (was das genau bedeutet, f├╝r Seiten, die auch f├╝r die Ganze Logik gelten sollen, wird noch zu zeigen sein).
  • "jedes Logisch-Reellen", "jedes Wahren ├╝berhaupt" - die drei Seiten gelten also, entgegen dem Anschein, den der Titel erweckt, nicht nur f├╝r die Logik, sondern auch f├╝r die Realphilosophie (Warum sich das nicht widerspricht wird im Laufe der Logik klar - siehe Objekt)

Kai zum 2.Satz

  • der Satz ist nat├╝rlich ein Vorgriff, denn das Verst├Ąndige wird erst im folgenden Paragraph 80 n├Ąher behandelt. Es handelt sich hier auf dieser Stufe vor allem um eine Vorabwarnung vor Missverst├Ąndnissen, wie Hegel sie soviele (meist vergeblich) am Anfang seiner Erl├Ąuterungen einflechtet (das Problem dabei ist, dass man diese Warnungen erst r├╝ckblickend voll verstehen kann, wenn man die Warnung nicht mehr n├Âtig hat).
  • Wenn die 3 Seiten tats├Ąchlich 3 Momente sind, dann kann man von jedem Moment aus auch die beiden anderen Momente behandeln, jedes ist eine Totalit├Ąt f├╝r sich. Darin ist dann aber gerade noch keine Vollst├Ąndigkeit erreicht, auch wenn die anderen beiden Seiten aus der einen Perspektive mit behandelt sind, weil eben nicht alle 3 Perspektiven zu ihrem Recht gekommen sind.
  • Wenn man die Momente f├╝r sich isoliert, verabsolutiert nimmt, so f├╝hrt...
    • der 1.Moment zum Dogmatismus (beim Lehrenden) und zur Borniertheit (beim Lernenden, Anwendenden), Mechanismus usw..
    • der 2.Moment zum Empirismus und Skeptizismus
    • der 3.Moment zum Mystizismus
Exkurs: obiges k├Ânnte wichtig werden im Dialog mit anderen Positionen, darum kurz zur Auseinandersetzung mit anderen: es braucht hier beide Seiten der Vernunft: die negative, um zu zeigen, was falsch ist - sonst braucht man ja nichts zu ├Ąndern (und zwar m├Âglichst als implizite Kritik, damit es einen direkt betrifft. aber in der Praxis ist eine Polemik oder ein Paradox, die den anderen zum Nachdenken bringen und ihn selbst auf die implizite Kritik bringt, oft sogar wirkungsvoller), zum anderen die positive, um auch aufzuzeigen, inwiefern das Rationelle am bisher Vertretenen aufgehoben werden kann und dabei doch die bestehenden Widerspr├╝che/Paradoxa gel├Âst werden k├Ânnen (ohne die vorherige / gleichzeitgige Kritik besteht sonst auch die Gefahr, dass das sonst einfach unter das bestehende Weltbild subsumiert wird, die Unterschiede nicht wahrgenommen werden usw)

Kai zum 3. Satz

"Die Angabe, die hier von den Bestimmungen des Logischen gemacht ist, sowie die Einteilung ist hier ebenfalls nur antizipiert und historisch"

  • historisch ist hier gemeint im Sinne von nur gegeben, nicht begr├╝ndet
  • Antizipiert heisst: die Begr├╝ndung wird noch nachgeliefert.
  • Hegel bespricht das Thema dieser Paragraphen 79-82 tats├Ąchlich sp├Ąter, in seinem Kapitel zur Methode am Ende der Logik (s.Verweise am Ende des Artikels)

Kai zu den drei Perspektiven (genereller zum 2.Satz), und ihrer jeweiligen Berechtigung:

  • die 3 Momente sind auch sequentiell, als Schritte, zu verstehen, aber alle drei sind im Prinzip, ansich, auch in jedem der beiden anderen Momente enthalten
    • das erste Moment entspricht also auch dem Anfang
    • das zweite Moment entspricht also dem Fortgang, der Entwicklung
    • das dritte Moment entspricht also dem Abschluss, der Aufhebung
  • in der Logik entspricht dem 1.Moment die Seinslogik, dem 2.Moment die Wesenslogik und dem 3.Moment der Begriffslogik
    • (nat├╝rlich lassen sich an jeder Stelle im System, und so auch in der Logik, bei einem 3-Schritt die 3 Momente festmachen, aber die 3 grossen Bereiche der Logik stehen sozusagen unter dem jeweiligen "Hauptthema" des jeweilis ihnen enstprechenden Moments)
  • Nebenbei: es w├Ąre n├╝tzlich, einmal die Einteilungen von Hegel-system.de bzw. dem Systemposter danach zu untersuchen:
    • inwiefern handelt es sich um "innere Besonderheiten" (i.S. von Organen eines K├Ârpers)
    • inwiefern handelt es sich um "├Ąussere Besonderheiten"? (i.S. von Arten einer Gattung)
    • inwiefern lassen sie sich nach dem Schema A-B-E erkl├Ąren?
    • inwiefern lassen sie sich nach dem Schema der Paragraphen 79-82 erkl├Ąren?
    • inwiefern sind sie nur sequentiell?
    • inwiefern ist die Einteilung notwendig oder nur "historisch"?

┬ž 80 - Abstrakt

╬▒) Das Denken als Verstand bleibt bei der festen Bestimmtheit und der Unterschiedenheit derselben gegen andere stehen; ein solches beschr├Ąnktes Abstraktes gilt ihm als f├╝r sich bestehend und seiend.

w├Ârtliche Analyse des Zitates

  • Die erste Seite, der erste Moment, der 1.Schritt wird von Hegel dem Verstand zugeordnet
  • "bleibt stehen": das Problem ist nicht der Ausgangspunkt, sondern dass nicht weiter fortgeschritten wird
    • Grundsatz ist hier, dass die durch den Verstand bewirkte Trennung als solche "fixiert" wird. Der Verstand bleibt sozusagen auf dieser Ebene der Trennung stehen.
  • um aber ├╝berhaupt weiterzukommen, muss man zumindest vom Ausgangspunkt starten. "Der Verstand kann nicht geschenkt werden" (wie Hegel in seinen Jenaer Notizen, dem "Wastebook" (s.u.), schreibt. "Geschenkt" ist hier i.S. von ├╝bergangen/├╝bersprungen gemeint).
  • "feste Bestimmtheit" - das Denken des Verstandes besch├Ąftigt sich mit der Grenzziehung, der Einteilung.
  • "Unterschiedenheit derselben gegen andere" - ditto
  • m├Âgliche Kritiken an der Position des Verstandes in dem Satz:
    • fest: die festen Bestimmungen k├Ânnten sich als dynamisch und/oder ineinander ├╝bergehend erweisen
    • Unterschiedenheit derselbe gegen andere: die Gemeinsamkeit k├Ânnte zuwenig beachtet werden
    • Dass hingegen eine zu kritisierende Position beschr├Ąnkt und abstrakt ist, gilt bei Hegel immer, gibt keine besonderen Hinweise auf spezielle M├Ąngel hier
      • im 1.Absatz des Zusatzes erkl├Ąrt Hegel dann aber doch noch extra, wie er hier beim Verstand das spezifisch abstrakte sieht!
    • f├╝r sich bestehend: die Beziehungen auf anderes und/oder Voraussetzungen k├Ânnten zuwenig beachtet werden
    • seiend: Hinweis auf den Standpunkt der Seins-Logik
    • gilt ihm als ... : Andeutung, dass sich das noch in der folgenden Untersuchung als tr├╝gerisch erweisen wird

weitere Gedanken zu diesem 1.Moment

  • wichtig w├Ąre hier noch, dass das 1.Moment konkret, mit scharf gezogenen Grenzen sein muss. Ohne eine solche "Festigkeit", gibt es auch kein Fortgehen, abstossen davon (in dem Sinne ist ein Fehler, von dem man sich abstossen kann, besser als etwas Unbestimmtes, an dem sich nichts konkretes Falsches findet, das aber so auch gerade deshalb nicht zum weiteren Fortschritt beitr├Ągt)
  • Hegels "Wastebook" dazu ((stw 602, S. 550 oben):
Am sch├Ądlichsten ist es, sich vor Irrt├╝mern bewahren zu wollen.
  • In ihm ist ansich bereits die weitere Entwicklung enthalten. Das 2. Moment ist die konkrete Negation des 1. Moments, also von diesem bestimmt, das 3. Moment seine Aufhebung. Im Kern, Ansich ist also das Folgende bereits im 1. Moment enthalten. Aus dieser Perspektive k├Ânnte man also ausrufen, dass der 1.Schritt der wichtigste ist (├Ąhnlich wie man das im Folgenden jeweils von den beiden anderen Momenten ausrufen kann), er ist das Konzentrat aus dem sich alles entwicklet, in ihm ist schon alles (an sich) enthalten/angelegt.
  • Auf der anderen Seite ist dies, solange man nur erst am Ausgangspunkt ist, noch nicht sichtbar (in Anlehnung an die Christliche Terminologie sagt Hegel auch: noch nicht offenbart). Erst im Nachhinein, im R├╝ckblick weiss man, inwiefern das Sp├Ątere im Ausgangspunkt steckte.
    • Wir schreiben so die (alle) Geschichte st├Ąndig um. weil sich aus der ├änderung unserer Gegenwartsperspektive auch eine ├änderung der Perspektive auf die Vergangenheit ergibt.
    • Wissenschaftshistorisch (Kuhn usw) werden so aus unserer sp├Ąteren Perspektive (im R├╝ckblick) andere Ausgangspunkte wichtig bzw. verschieben sich die Relevanz der Ausgangspunkte bzw. die Aspekte der Ausgangspunkte, die wichtig sind.
  • Jedes beliebige Blatt (im mathematisch-topologischen Sinne, verstanden als Knoten-/Endpunkt des Systems, entspricht in etwa "jeder Seite auf http://hegel-system.de ") l├Ąsst sich weiter nach den beiden weiteren Seiten ausbauen. Entsprechend erweitert Hegel sein System st├Ąndig, etwa von den fr├╝hen Entw├╝rfen zu den sp├Ąteren und von dem Grundsystem zu den Darstellungen in den Vorlesungen. Hegel schreibt dazu in Paragraph 4 der N├╝rnberger Enzyklop├Ądie:
 Es gibt keine absoluten Grenzen f├╝r einen Umfang von  Erkenntnissen,
 die das Besondere einer Wissenschaft ausmachen soll;
 denn jeder allgemeine oder konkrete Gegenstand kann in seine Arten oder Teile geteilt
 und jede solche Art wieder als Gegenstand einer besonderen Wissenschaft betrachtet
 werden.

Zusatz zu P80

Wenn vom Denken ├╝berhaupt oder n├Ąher vom Begreifen die Rede ist, so pflegt man h├Ąufig dabei blo├č die T├Ątigkeit des Verstandes vor Augen zu haben. Nun ist zwar allerdings das Denken zun├Ąchst verst├Ąndiges Denken, allein dasselbe bleibt dabei nicht stehen, und der Begriff ist nicht blo├če Verstandesbestimmung. - Die T├Ątigkeit des Verstandes besteht ├╝berhaupt darin, ihrem Inhalt die Form der Allgemeinheit zu erteilen, und zwar ist das durch den Verstand gesetzte Allgemeine ein abstrakt Allgemeines, welches als solches dem Besonderen gegen├╝ber festgehalten, dadurch aber auch zugleich selbst wieder als Besonderes bestimmt wird. Indem der Verstand sich zu seinen Gegenst├Ąnden trennend und abstrahierend verh├Ąlt, so ist derselbe hiermit das Gegenteil von der unmittelbaren Anschauung und Empfindung, die es als solche durchweg mit Konkretem zu tun hat und dabei stehenbleibt.

Auf diesen Gegensatz des Verstandes und der Empfindung beziehen sich jene so oft wiederholten Vorw├╝rfe, welche dem Denken ├╝berhaupt gemacht zu werden pflegen und welche darauf hinausgehen, da├č das Denken hart und einseitig sei und da├č dasselbe in seiner Konsequenz zu verderblichen und zerst├Ârenden Resultaten f├╝hre. Auf solche Vorw├╝rfe, insofern dieselben ihrem Inhalt nach berechtigt sind, ist zun├Ąchst zu erwidern, da├č dadurch nicht das Denken ├╝berhaupt und n├Ąher das vern├╝nftige, sondern nur das verst├Ąndige Denken getroffen wird. Das Weitere ist dann aber, da├č vor allen Dingen auch dem blo├č verst├Ąndigen Denken sein Recht und sein Verdienst zugestanden werden mu├č, welches ├╝berhaupt darin besteht, da├č sowohl auf dem theoretischen als auch auf dem praktischen Gebiet es ohne Verstand zu keiner Festigkeit und Bestimmtheit kommt. Was hierbei zun├Ąchst das Erkennen anbetrifft, so beginnt dasselbe damit, die vorhandenen Gegenst├Ąnde in ihren bestimmten Unterschieden aufzufassen, und es werden so z. B. bei Betrachtung der Natur Stoffe, Kr├Ąfte, Gattungen usw. unterschieden und in dieser ihrer Isolierung f├╝r sich fixiert. Das Denken verf├Ąhrt hierbei als Verstand, und das Prinzip desselben ist die Identit├Ąt, die einfache Beziehung auf sich. Diese Identit├Ąt ist es dann auch, durch welche im Erkennen zun├Ąchst der Fortgang von der einen Bestimmung zur anderen bedingt wird. So 8/169 ist namentlich in der Mathematik die Gr├Â├če die Bestimmung, an welcher mit Hinweglassung aller anderen fortgegangen wird. Man vergleicht demgem├Ą├č in der Geometrie Figuren miteinander, indem man das Identische daran hervorhebt. Auch in anderen Gebieten des Erkennens, so z. B. in der Jurisprudenz, geht man zun├Ąchst an der Identit├Ąt fort. Indem hier aus der einen Bestimmung auf eine andere Bestimmung geschlossen wird, so ist dies Schlie├čen nicht anderes als ein Fortgang nach dem Prinzip der Identit├Ąt. - Wie im Theoretischen, so ist auch im Praktischen der Verstand nicht zu entbehren. Zum Handeln geh├Ârt wesentlich Charakter, und ein Mensch von Charakter ist ein verst├Ąndiger Mensch, der als solcher bestimmte Zwecke vor Augen hat und diese mit Festigkeit verfolgt. Wer etwas Gro├čes will, der mu├č sich, wie Goethe sagt, zu beschr├Ąnken wissen. Wer dagegen alles will, der will in der Tat nichts und bringt es zu nichts. Es gibt eine Menge interessante Dinge in der Welt; spanische Poesie, Chemie, Politik, Musik, d. ist alles sehr interessant, und man kann es keinem ├╝bel nehmen, der sich daf├╝r interessiert; um aber als ein Individuum in einer bestimmten Lage etwas zustande zu bringen, mu├č man sich an etwas Bestimmtes halten und seine Kraft nicht nach vielen Seite hin zersplittern. Ebenso ist es bei jedem Beruf darum zu tun, da├č derselbe mit Verstand verfolgt wird. So hat z. B. der Richter sich an das Gesetz zu halten, demselben gem├Ą├č sein Urteil zu f├Ąllen und sich nicht durch dieses und jenes abhalten, keine Entschuldigung gelten zu lassen, ohne rechts und links zu blicken. - Weiter ist nun ├╝berhaupt der Verstand ein wesentliches Moment der Bildung. Ein gebildeter Mensch begn├╝gt sich nicht mit Nebulosem und Unbestimmtem, sondern fa├čt die Gegenst├Ąnde in ihrer festen Bestimmtheit, wohingegen der Ungebildete unsicher hin und her schwankt und es oft viele M├╝he kostet, sich mit einem solchen ├╝ber das, wovon die Rede ist, zu verst├Ąndigen und ihn dazu zu bringen. den bestimmten Punkt, um den es sich handelt, unverr├╝ckt im Auge zu behalten.

W├Ąhrend nun ferner, fr├╝herer Er├Ârterung zufolge, das Logische ├╝berhaupt nicht blo├č in dem Sinn einer subjektiven T├Ątigkeit, sondern vielmehr als das schlechthin Allgemeine und hiermit zugleich Objektive aufzufassen ist, so findet dies auch auf den Verstand, diese erste Form des Logischen, seine Anwendung. Der Verstand ist hiernach als demjenigen entsprechend zu betrachten, was man die G├╝te Gottes nennt, insofern darunter dies verstanden wird, da├č die endlichen Dinge sind, da├č sie ein Bestehen haben. So erkennt man z. B. in der Natur die G├╝te Gottes darin, da├č die verschiedenen Klassen und Gattungen, sowohl der Tiere als auch der Pflanzen, mit allem versehen sind, dessen sie bed├╝rfen, um sich 8/170 zu erhalten und zu gedeihen. Ebenso verh├Ąlt es sich dann auch mit dem Menschen, mit den Individuen und mit ganzen V├Âlkern, welche gleichfalls das zu ihrem Bestand und zu ihrer Entwicklung Erforderliche teils als ein unmittelbar Vorhandenes (wie z. B. Klima, Beschaffenheit und Produkte des Landes usw.) vorfinden, teils als Anlage, Talent usw. besitzen. In solcher Weise aufgefa├čt, zeigt sich nun ├╝berhaupt der Verstand in allen Gebieten der gegenst├Ąndlichen Welt, und es geh├Ârt wesentlich zur Vollkommenheit eines Gegenstandes, da├č in demselben das Prinzip des Verstandes zu seinem Recht kommt. So ist z. B. der Staat unvollkommen, wenn es in demselben noch nicht zu einer bestimmten Unterscheidung der St├Ąnde und Berufe gekommen ist und wenn die dem Begriffe nach verschiedenen politischen und obrigkeitlichen Funktionen noch nicht in derselben Weise zu besonderen Organen herausgebildet sind, wie dies z. B. in dem entwickelten animalischen Organismus mit den verschiedenen Funktionen der Empfindung, der Bewegung, der Verdauung usw. der Fall ist. - Aus der bisherigen Er├Ârterung ist nun ferner zu entnehmen, da├č auch in solchen Gebieten und Sph├Ąren der Bet├Ątigung, die nach der gew├Âhnlichen Vorstellung dem Verstand am fernsten zu liegen scheinen, dieser gleichwohl nicht fehlen darf und da├č in dem Ma├če, als dies der Fall ist, solches als ein Mangel betrachtet werden mu├č. Dies gilt namentlich von der Kunst, von der Religion und von der Philosophie. So zeigt sich z. B. in der Kunst der Verstand darin, da├č die dem Begriff nach verschiedenen Formen des Sch├Ânen auch in diesem ihrem Unterschied festgehalten und zur Darstellung gebracht werden. Dasselbe gilt dann auch von den einzelnen Kunstwerken. Es geh├Ârt demgem├Ą├č zur Sch├Ânheit und Vollendung einer dramatischen Dichtung, da├č die Charaktere der verschiedenen Personen in ihrer Reinheit und Bestimmtheit durchgef├╝hrt, und ebenso, da├č die verschiedenen Zwecke und Interessen, um die es sich handelt, klar und entschieden dargelegt werden. - Was hiern├Ąchst das religi├Âse Gebiet anbetrifft, so besteht z. B. (abgesehen von der sonstigen Verschiedenheit des Inhalts und der Auffassung) der Vorzug der griechischen vor der nordischen Mythologie wesentlich auch darin, da├č in der ersteren die einzelnen G├Âttergestalten zur plastischen Bestimmtheit herausgebildet sind, w├Ąhrend dieselben in der letzteren im Nebel tr├╝ber Unbestimmtheit durcheinanderflie├čen. - Da├č endlich auch die Philosophie den Verstand nicht zu entbehren vermag, bedarf nach der bisherigen Er├Ârterung kaum noch einer besonderen Erw├Ąhnung. Zum Philosophieren geh├Ârt vor allen Dingen, da├č ein jeder Gedanke in seiner vollen Pr├Ązision aufgefa├čt wird und da├č man es nicht bei Vagem und Unbestimmtem bewenden l├Ą├čt. 8/171 Ferner pflegt nun aber auch gesagt zu werden, der Verstand d├╝rfe nicht zu weit gehen, und darin liegt das Richtige, da├č das Verst├Ąndige allerdings nicht ein Letztes, sondern vielmehr endlich und n├Ąher von der Art ist, da├č dasselbe auf die Spitze getrieben in sein Entgegengesetztes umschl├Ągt. Es ist die Weise der Jugend, sich in Abstraktionen herumzuwerfen, wohingegen der lebenserfahrene Mensch sich auf das abstrakte Entweder-Oder nicht einl├Ą├čt, sondern sich an das Konkrete h├Ąlt.

┬ž 81 - Dialektisch

╬▓) Das dialektische Moment ist das eigene Sichaufheben solcher endlichen Bestimmungen und ihr ├ťbergehen in ihre entgegengesetzten.

w├Ârtliche Analyse des Zitats

  • dialektisch:
    • hier ist im Wort die Zweiheit enthalten. In der Dialektik treten sich also zwei Positionen gegen├╝ber
    • es ist an den Dialog erinnert: wer in Dialog tritt, hat sich gegenseitig etwas zu sagen: es gibt Unterschiede, sonst br├Ąuchte man nicht zu reden, aber auch Gemeinsamkeit (eine gemeinsame Grundlage), sonst w├Ąre der Dialog ebenfalls sinnlos.
    • schliesslich wird speziell Hegel auch an die Sophisten gedacht haben:
      • im Sinne von Streitgespr├Ąch
      • im Sinne von aus-schwarz-weiss machen
      • aber auch im Sinne von Sokrates, der die dialektischen Sophisten mit ihren eigenen Waffen schlug
  • endliche Bestimmungen: siehe Para.80
  • aufheben: zun├Ąchst ist hier sicherlich an Negierung gedacht (mit Perspektive auf die 'volle Aufhebung)
  • eigene sich..:
    • schon insofern ein Anderes in Konflikt kommt, kann es das nur, wenn es sich an der Grenze des Ersten reibt (zum streiten geh├Âren immer zwei)
    • es stellt sich aber heraus, das in der Grenze des Ersteren sein Anderes bereits impliziert war
    • Du schriebst dazu: "Das eigene Sichaufheben: Nachgewiesen werden m├╝sste, dass die oben getroffenen Bestimmungen an ihnen selbst in ihr Gegenteil ├╝bergehen. (Was bedeutet das??)"
      • Die Frage ist berechtigt. Nebenbei, f├╝r unser Lexikon: meint Gegenteil und Entgegengesetztes in Hegels Logik dasselbe? Ich glaube nicht, Hegel wird aus beiden wahrscheinlich unterschiedliche Bedeutungsnuancen herauskitzeln, bei "Entgegengesetztes" eine Bedeutung in Richtung Gesetztes.
  • ├╝bergehen: heisst im Verlauf der hegelschen Logik und Realphilosophie viel Verschiedenes. Das Gemeinsame davon w├Ąre noch zu bestimmen.
  • ihre Entgegengesetzten: das "gesetzt" k├Ânnte ein Hinweis darauf sein, das wir es in der Wesensanalyse entgegen setzen
  • Verh├Ąltnis von ├ťbergehen und Aufheben: zum einen zeigt das ├ťbergehen, das Entgegen-Setzen die Unzul├Ąnglichkeit des vorherigen endlichen Standpunktes, darum negative Vernunft: der Verstandesstandpunkt wird kritisiert. Zum 2. wird aber der neue Standpunkt auch kritisiert, auch er hat Selbstwiderspr├╝che, die das weitere Fortschreiten fordern (dies eigentlich schon in Richtung ("weitere ├ťberlegungen")

Wesentlich ... <g> ...:

  • 1. Das Dialektische, vom Verstande f├╝r sich abgesondert genommen, macht, insbesondere in wissenschaftlichen Begriffen aufgezeigt, den Skeptizismus aus; er enth├Ąlt die blo├če Negation als Resultat des Dialektischen.
  • 2. Die Dialektik wird gew├Âhnlich als eine ├Ąu├čere Kunst betrachtet, welche durch Willk├╝r eine Verwirrung in bestimmten Begriffen und einen blo├čen Schein von Widerspr├╝chen in ihnen hervorbringt, so da├č nicht diese Bestimmungen, sondern dieser Schein ein Nichtiges und das Verst├Ąndige dagegen vielmehr das Wahre sei. Oft ist die Dialektik auch weiter nichts als ein subjektives Schaukelsystem von hin- und her├╝bergehendem R├Ąsonnement, wo der Gehalt fehlt und die Bl├Â├če durch solchen Scharfsinn bedeckt wird, der solches R├Ąsonnement erzeugt. - In ihrer eigent├╝mlichen Bestimmtheit ist die Dialektik vielmehr die eigene, wahrhafte Natur der Verstandesbestimmungen, der Dinge und des Endlichen ├╝berhaupt. Die Reflexion ist zun├Ąchst das Hinausgehen ├╝ber die isolierte Bestimmtheit und ein Beziehen derselben, wodurch diese in Verh├Ąltnis gesetzt, ├╝brigens in ihrem isolierten Gelten erhalten wird. Die Dialektik dagegen ist dies immanente Hinausgehen, worin die Einseitigkeit und Beschr├Ąnktheit der Verstandesbestimmungen sich als das, was sie ist, n├Ąmlich als ihr Negation darstellt. Alles Endliche ist dies, sich selbst aufzuheben. 8/172 Das Dialektische macht daher die bewegende Seele des wissenschaftlichen Fortgehens aus und ist das Prinzip, wodurch allein immanenter Zusammenhang und Notwendigkeit in den Inhalt der Wissenschaft kommt, so wie in ihm ├╝berhaupt die wahrhafte, nicht ├Ąu├čerliche Erhebung ├╝ber das Endliche liegt.

weitere ├ťberlegungen zum 2.Moment

  • Genauso wie beim 1. Moment kann man mit Recht auch argumentieren, dass das 2. Moment das Wichtigste ist: ohne es g├Ąbe es keine Differenz zwischen dem 1. und dem 3. Moment, w├Ąren diese einfach identisch.
  • (von daher ist es nirgends so, dass in Hegels System das 1. und 3. Moment f├╝r sich da sind, aber das 2. fehlt und nachgetragen wird. Sondern wo es fehlt, da sind auch 1. und 3. Moment identisch und bei einem sp├Ąteren Ausbau werden mit dem 2. Moment auch die Differenzierung zwischen 1. und 3. Moment gefunden (sei es, das das 1. Moment ├╝ber seine Differenzierung im 3. Moment aufgehoben wird, sei es, dass ein vorhandener Zusammenhang nun "nach vorne" aufgedr├Âselt wird in seine Prinzipien f├╝r sich und seine Besonderheiten f├╝r sich)
  • Letzteres findet sich im Unterschied zwischen der Wesenslogik in der WdL und den Enzyklop├Ądien einerseits und der Logik f├╝r die Mittelklasse und anderen fr├╝heren Logikversionen Hegels andererseits: in diesen Fr├╝hwerken finden sich meist nur der jeweils 3. Schritt, dem in der WdL noch zur Erg├Ąnzung 1. und 2. Schritte vorgeschaltet sind
  • Hegel dazu in seinem Jenaer "Wastebook" (stw 602, S. 550 unten):
Der Grundsatz eines Systems der Philosophie ist ihr Resultat. [...]
Aber niemand wird sich mit diesem Ende [...] begn├╝gen,
sondern die Bewegung, durch welche es zustande kommt,
wird f├╝r das Wesentliche gehalten.
  • Beim Rechnen will der Lehrer auch nicht nur das Resultat sehen, sondern es kommt ihm auf den Nachvollzug des Rechenweges an, dieser ist das eigentlich Wichtige
  • Das 2. Moment ist die Offenbarung, der Ausdruck des 1. Momentes, dessen, was "ansich" (positiv und negativ) im 1. Moment steckt
  • Das 2. Moment ist die Vermittlung zwischen dem 1. und 3. Moment
  • Durch das 2. Moment kommt Fortschritt hinein, nicht nur insofern, dass es die Vermittlung zum 3. Moment ist, sondern auch insofern, dass in ihm neues Material aufgenommen wird, neues Material ber├╝cksichtigt wird, dass dann im 3.Moment mit aufgehoben wird
    • Das, was das 3. Moment als Aufhebung der ersten 2 Momente bedeutet, ├Ąndert sich, wenn das 2.Moment sich ├Ąndert
  • In Hegels System wird besonders h├Ąufig dieses 2. Moment weiter ausgebaut, ausdifferenziert, und damit ├Ąndert sich auch unser Verst├Ąndnis von 1. und 3. Moment, selbst da, wo diese nicht mit ge├Ąndert werden (weil alle 3 Momente zumindst implizit aufeinander bezogen sind)
  • Der Gesamtzusammenhang (als einer der Einheit in der Differenz) wird also in in diesem 2. Moment als die Differenz (und Bewegung zur Offenbarung und damit auch ├ťberwindung der Widerspr├╝che) in dem Gesamtzusammenhang repr├Ąsentiert (Die Differenz, die vorher nur "ansich" an dem 1.Moment war, aber nicht "f├╝rsich" ausgedr├╝ckt, wird im 2.Moment ausgedr├╝ckt, kommt zu ihrem Recht).

Zusatz 1 zu P.81

Das Dialektische geh├Ârig aufzufassen und zu erkennen ist von der h├Âchsten Wichtigkeit. Es ist dasselbe ├╝berhaupt das Prinzip aller Bewegung, alles Lebens und aller Bet├Ątigung in der Wirklichkeit. Ebenso ist das Dialektische auch die Seele alles wahrhaft wissenschaftlichen Erkennens. In unserem gew├Âhnlichen Bewu├čtsein erscheint das Nicht-Stehenbleiben bei den abstrakten Verstandesbestimmungen als blo├če Billigkeit, nach dem Sprichwort: "leben und leben lassen", so da├č das eine gilt und auch das andere. Das N├Ąhere aber ist, da├č das Endliche nicht blo├č von au├čen her beschr├Ąnkt wird, sondern durch seine eigene Natur sich aufhebt und durch sich selbst in sein Gegenteil ├╝bergeht. So sagt man z. B.: der Mensch ist sterblich, und betrachtet dann das Sterben als etwas, das nur in ├Ąu├čeren Umst├Ąnden seinen Grund hat, nach welcher Betrachtungsweise es zwei besondere Eigenschaften des Menschen sind, lebendig und auch sterblich zu sein. Die wahrhafte Auffassung aber ist diese, da├č das Leben als solches den Keim des Todes in sich tr├Ągt und da├č ├╝berhaupt das Endliche sich in sich selbst widerspricht und dadurch sich aufhebt. - Die Dialektik ist nun ferner nicht mit der blo├čen Sophistik zu verwechseln, deren Wesen gerade darin besteht, einseitige und abstrakte Bestimmungen in ihrer Isolierung f├╝r sich geltend zu machen, je nachdem solches das jedesmalige Interesse des Individuums und seiner besonderen Lage mit sich bringt. So ist es z. B. in Beziehung auf das Handeln ein wesentliches Moment, da├č ich existiere und da├č ich die Mittel zur Existenz habe. Wenn ich dann aber diese Seite, dieses Prinzip meines Wohles f├╝r sich heraushebe und die Folge daraus ableite, da├č ich stehlen oder da├č ich mein Vaterland verraten darf, so ist dies eine Sophisterei. - Ebenso ist in meinem Handeln meine subjektive Freiheit in dem Sinn, da├č bei dem, was ich tue, ich mit meiner Einsicht und ├ťberzeugung bin, ein wesentliches Prinzip. R├Ąsoniere ich aber aus diesem Prinzip allein, so ist dies gleichfalls Sophisterei und werden damit alle Grunds├Ątze der Sittlichkeit ├╝ber den Haufen geworfen. - Die Dialektik ist von solchem Tun wesentlich verschieden, denn diese geht gerade darauf aus, die Dinge an und f├╝r sich zu betrachten wobei sich sodann die Endlichkeit der einseitigen Verstandesbestimmungen. 8/173 - ├ťbrigens ist die Dialektik in der Philosophie nichts Neues. Unter den Alten wird Platon als der Erfinder der Dialektik genannt, und zwar insofern mit Recht, als in der Platonischen Philosophie die Dialektik zuerst in freier wissenschaftlicher und damit zugleich objektiver Form vorkommt. Bei Sokrates hat das Dialektische, in ├ťbereinstimmung mit dem allgemeinen Charakter seines Philosophierens, noch eine vorherrschend subjektive Gestalt, n├Ąmlich die der Ironie. Sokrates richtete seine Dialektik einmal gegen das gew├Âhnliche Bewu├čtsein ├╝berhaupt und sodann insbesondere gegen die Sophisten. Bei seinen Unterredungen pflegte er dann den Schein anzunehmen, als wolle er sich n├Ąher ├╝ber die Sache, von welcher die Rede war, unterrichten; er tat in dieser Beziehung allerhand Fragen und f├╝hrte so die, mit denen er sich unterredete, auf das Entgegengesetzte von dem, was ihnen zun├Ąchst als das Richtige erschienen war. Wenn z. B. die Sophisten sich Lehrer nannten, so brachte Sokrates durch eine Reihe von Fragen den Sophisten Protagoras dahin, zugeben zu m├╝ssen, da├č alles Lernen blo├č Erinnerung sei. - Platon zeigt dann in seinen strengen wissenschaftlichen Dialogen durch die dialektische Behandlung ├╝berhaupt die Endlichkeit aller festen Verstandesbestimmungen. So leitet er z. B. im Parmenides vom Einen das Viele ab und zeigt demungeachtet, wie das Viele nur dies ist, sich als das Eine zu bestimmen. In solcher gro├čen Weise hat Platon die Dialektik behandelt. - In der neueren Zeit ist es vornehmlich Kant gewesen, der die Dialektik wieder in Erinnerung gebracht und dieselbe aufs neue in ihre W├╝rde eingesetzt hat und zwar durch die bereits (┬ž 48) besprochene Durchf├╝hrung der sogenannten Antinomien der Vernunft, bei denen es sich keineswegs um ein blo├čes Hinundhergehen an Gr├╝nden und um ein blo├č subjektives Tun, sondern vielmehr darum handelt, aufzuzeigen, wie eine jede abstrakte Verstandesbestimmung, nur so genommen, wie sie sich selbst gibt, unmittelbar in ihr Entgegengesetztes umschl├Ągt. - Wie sehr nun auch der Verstand sich gegen die Dialektik zu str├Ąuben pflegt, so ist dieselbe doch gleichwohl keineswegs als blo├č f├╝r das philosophische Bewu├čtsein vorhanden zu betrachten, sondern es findet sich vielmehr dasjenige, um was es sich hierbei handelt, auch schon in allem sonstigen Bewu├čtsein und in der allgemeinen Erfahrung. Alles, was uns umgibt, kann als ein Beispiel des Dialektischen betrachtet werden. Wir wissen, da├č alles Endliche, anstatt ein Festes und Letztes zu sein, vielmehr ver├Ąnderlich und verg├Ąnglich ist, und dies ist nichts anderes als die Dialektik des Endlichen, wodurch dasselbe, als an sich das Andere seiner selbst, auch ├╝ber das, was es unmittelbar ist, hinausgetrieben wird und in sein Entgegengesetztes umschl├Ągt. Wenn fr├╝her (┬ž 80) 8/174 gesagt wurde, der Verstand sei als dasjenige zu betrachten, was in der Vorstellung von der G├╝te Gottes enthalten ist, so ist nunmehr von der Dialektik in demselben (objektiven) Sinn zu bemerken, da├č das Prinzip derselben der Vorstellung von der Macht Gottes entspricht. Wir sagen, da├č alle Dinge (d. h. alles Endliche als solches) zu Gericht gehen, und haben hiermit die Anschauung der Dialektik als der allgemeinen unwiderstehlichen Macht, vor welcher nichts, wie sicher und fest dasselbe sich auch d├╝nken m├Âge, zu bestehen vermag. Mit dieser Bestimmung ist dann allerdings die Tiefe des g├Âttlichen Wesens, der Begriff Gottes noch nicht ersch├Âpft; wohl aber bildet dieselbe ein wesentliches Moment in allem religi├Âsen Bewu├čtsein. - Weiter macht sich nun auch die Dialektik in allen besonderen Gebieten und Gestaltungen der nat├╝rlichen und der geistigen Welt geltend. So z. B. in der Bewegung der Himmelsk├Ârper. Ein Planet steht jetzt an diesem Ort, ist aber an sich, dies auch an einem anderen Ort zu sein, und bringt dies sein Anderssein zur Existenz dadurch, da├č er sich bewegt. Ebenso erweisen sich die physikalischen Elemente als dialektisch, und der meteorologische Proze├č ist die Erscheinung ihrer Dialektik. Dasselbe Prinzip ist es, welches die Grundlage aller ├╝brigen Naturprozesse bildet und wodurch zugleich die Natur ├╝ber sich selbst hinausgetrieben wird. Was das Vorkommen der Dialektik in der geistigen Welt und n├Ąher auf dem Gebiet des Rechtlichen und Sittlichen anbetrifft, so braucht hier nur daran erinnert zu werden, wie, allgemeiner Erfahrung zufolge, das ├äu├čerste eines Zustandes oder eines Tuns in sein Entgegengesetztes umzuschlagen pflegt, welche Dialektik dann auch vielf├Ąltig in Sprichw├Ârtern ihre Anerkennung findet. So hei├čt es z. B.: summum ius summa iniuria, womit ausgesprochen ist, da├č das abstrakte Recht, auf seine Spitze getrieben, in Unrecht umschl├Ągt. Ebenso ist es bekannt, wie im Politischen die Extreme der Anarchie und des Despotismus einander gegenseitig herbeizuf├╝hren pflegen. Das Bewu├čtsein der Dialektik im Gebiet des Sittlichen in seiner individuellen Gestalt finden wir in jenen allbekannten Sprichw├Ârtern: Hochmut kommt vor dem Fall, Allzuscharf macht schartig usw. - Auch die Empfindung, die leibliche sowohl als die geistige, hat ihre Dialektik. Es ist bekannt, wie die Extreme des Schmerzes und der Freude ineinander ├╝bergehen; das von Freude erf├╝llte Herz erleichtert sich in Tr├Ąnen, und die innigste Wehmut pflegt unter Umst├Ąnden sich durch L├Ącheln anzuk├╝ndigen.

Zusatz 2 zu P.81

Der Skeptizismus darf nicht blo├č als eine Zweifelslehre betrachtet werden, vielmehr ist derselbe seiner Sache, d. h. der Nichtigkeit alles Endlichen, schlechthin gewi├č. Wer nur zweifelt, 8/175 der steht noch in der Hoffnung, da├č sein Zweifel gel├Âst werden k├Ânne und da├č das eine oder das andere Bestimmte, wozwischen er hin und her schwankt, sich als ein Festes und Wahrhaftes ergeben werde. Dahingegen ist der eigentliche Skeptizismus die vollkommene Verzweiflung an allem Festen des Verstandes, und die sich daraus ergebende Gesinnung ist die der Unersch├╝tterlichkeit und des Insichberuhens. Dies ist der hohe, antike Skeptizismus, wie wir ihn namentlich beim Sextus Empiricus dargestellt findet und wie derselbe als Komplement zu den dogmatischen Systemen der Stoiker und Epikureer in der sp├Ąteren R├Âmerzeit seine Ausbildung erhalten hat. Mit diesem hohen antiken Skeptizismus ist nicht jener bereits fr├╝her (┬ž 39) erw├Ąhnte moderne, teils der kritischen Philosophie voran-, teils aus dieser hervorgegangene Skeptizismus zu verwechseln, welcher blo├č darin besteht, die Wahrheit und Gewi├čheit des ├ťbersinnlichen zu leugnen und dagegen das Sinnliche und in der unmittelbaren Empfindung Vorhandene als dasjenige zu bezeichnen, woran wir uns zu halten haben.

Wenn ├╝brigens der Skeptizismus noch heutzutage h├Ąufig als ein unwiderstehlicher Feind alles positiven Wissens ├╝berhaupt und somit auch der Philosophie, insofern es bei dieser um positive Erkenntnis zu tun ist, betrachtet wird, so ist dagegen zu bemerken, da├č es in der Tat blo├č das endliche, abstrakt verst├Ąndige Denken ist, welches den Skeptizismus zu f├╝rchten hat und demselben nicht zu widerstehen vermag, wohingegen die Philosophie das Skeptische als ein Moment in sich enth├Ąlt, n├Ąmlich als das Dialektische. Die Philosophie bleibt dann aber bei dem blo├č negativen Resultat der Dialektik nicht stehen, wie dies mit dem Skeptizismus der Fall ist. Dieser verkennt sein Resultat, indem er dasselbe als blo├če, d. h. als abstrakte Negation festh├Ąlt. Indem die Dialektik zu ihrem Resultat das Negative hat, so ist dieses, eben als Resultat, zugleich das Positive, denn es enth├Ąlt dasjenige, woraus es resultiert, als aufgehoben in sich und ist nicht ohne dasselbe. Die aber ist die Grundbestimmung der dritten Form des Logischen, n├Ąmlich des Spekulativen oder Positiv-Vern├╝nftigen.

┬ž 82 - Das Spekulative oder Positiv-Vern├╝nftige

╬│) Das Spekulative oder Positiv-Vern├╝nftige fa├čt die Einheit der Bestimmungen in ihrer Entgegensetzung auf, das Affirmative, das in ihrer Aufl├Âsung und ihrem ├ťbergehen enthalten ist.

  • 1. Die Dialektik hat ein positives Resultat, weil sie einen 8/176 bestimmten Inhalt hat oder weil ihr Resultat wahrhaft nicht das leere, abstrakte Nichts, sondern die Negation von gewissen Bestimmungen ist, welche im Resultate eben deswegen enthalten sind, weil dies nicht ein unmittelbares Nichts, sondern ein Resultat ist.
  • 2. Dies Vern├╝nftige ist daher, obwohl ein Gedachtes, auch Abstraktes, zugleich ein Konkretes, weil es nicht einfache, formelle Einheit, sondern Einheit unterschiedener Bestimmungen ist. Mit blo├čen Abstraktionen oder formellen Gedanken hat es darum ├╝berhaupt die Philosophie ganz und gar nicht zu tun, sondern allein mit konkreten Gedanken.
  • 3. In der spekulativen Logik ist die blo├če Verstandes-Logik enthalten und kann aus jener sogleich gemacht werden; es bedarf dazu nichts, als daraus das Dialektische und Vern├╝nftige wegzulassen; so wird sie zu dem, was die gew├Âhnliche Logik ist, eine Historie von mancherlei zusammengestellten Gedankenbestimmungen, die in ihrer Endlichkeit als etwas Unendliches gelten.

weitere ├ťberlegungen zum 3. Moment

  • das 3. Moment repr├Ąsentiert die Einheit des Verschiedenen so, dass darin die Einheit des Verschiedenen in seinem Zusammenhang aufbewahrt wird
  • Bezogen auf die beiden vorherigen Momente werden diese im 3. Moment aufbewahrt

Zusatz zu P.82

Seinem Inhalt nach ist das Vern├╝nftige so wenig blo├č Eigentum der Philosophie, da├č vielmehr gesagt werden mu├č, dasselbe sei f├╝r alle Menschen vorhanden, auf welcher Stufe der Bildung und der geistigen Entwicklung sie sich auch befinden m├Âgen, in welchem Sinn man mit Recht den Menschen von alters her als ein vern├╝nftiges Wesen bezeichnet hat. Die empirisch allgemeine Weise, vom Vern├╝nftigen zu wissen, ist zun├Ąchst die des Vorurteils und der Voraussetzung, und der Charakter des Vern├╝nftigen ist, fr├╝herer Er├Ârterung zufolge (┬ž 45), ├╝berhaupt der, ein Unbedingtes und somit seine Bestimmtheit in sich selbst Enthaltendes zu sein. In diesem Sinn wei├č vor allen Dingen der Mensch vom Vern├╝nftigen, insofern er von Gott und diesen als den schlechthin durch sich selbst Bestimmten wei├č. Ebenso ist dann ferner das Wissen eines B├╝rgers von seinem Vaterland und dessen Gesetzen insofern ein Wissen von Vern├╝nftigem, als ihm diese als ein Unbedingtes und zugleich als ein Allgemeines gelten, dem er sich mit seinem individuellen Willen zu unterwerfen hat, und in demselben Sinn ist selbst schon das Wissen und Wollen des Kindes vern├╝nftig, indem dasselbe den Willen seiner Eltern wei├č und diesen will. Weiter ist nun das Spekulative ├╝berhaupt nichts anderes als das 8/177 Vern├╝nftige (und zwar das Positiv-Vern├╝nftige), insofern dasselbe gedacht wird. Im gemeinen Leben pflegt der Ausdruck Spekulation in einem sehr vagen und zugleich untergeordneten Sinn gebraucht zu werden, so z. B., wenn von Heirats- oder Handelsspekulationen die Rede ist, worunter dann nur so viel verstanden wird, einerseits da├č ├╝ber das unmittelbar Vorhandene hinausgegangen werden soll und andererseits da├č dasjenige, was den Inhalt solch Spekulationen bildet, zun├Ąchst nur ein Subjektives ist, jedoch nicht ein solches bleiben, sondern realisiert oder in Objektivit├Ąt ├╝bersetzt werden soll.

Es gilt von diesem gemeinen Sprachgebrauch hinsichtlich der Spekulationen dasselbe, was fr├╝her von der Idee bemerkt wurde, woran sich dann noch die weitere Bemerkung schlie├čt, da├č vielf├Ąltig von solchen, die sich schon zu den Gebildeteren rechnen, von der Spekulation auch ausdr├╝cklich in der Bedeutung eines blo├č Subjektiven gesprochen wird, in der Art n├Ąmlich, da├č es hei├čt, eine gewisse Auffassung nat├╝rlicher oder geistiger Zust├Ąnde und Verh├Ąltnisse m├Âge zwar, blo├č spekulativ genommen, sehr sch├Ân und richtig sein, allein die Erfahrung stimme damit nicht ├╝berein, und in der Wirklichkeit k├Ânne dergleichen nicht zugelassen werden. Dagegen ist dann zu sagen, da├č das Spekulative seiner wahren Bedeutung nach weder vorl├Ąufig noch auch definitiv ein blo├č Subjektives ist, sondern vielmehr ausdr├╝cklich dasjenige, welches jene Gegens├Ątze, bei denen der Verstand stehenbleibt (somit auch den des Subjektiven und Objektiven), als aufgehoben in sich enth├Ąlt und eben damit sich als konkret und als Totalit├Ąt erweist. Ein spekulativer Inhalt kann deshalb auch nicht in einem einseitigen Satz ausgesprochen werden. Sagen wir z. B., das Absolute sei die Einheit des Subjektiven und des Objektiven, so ist dies zwar richtig, jedoch insofern einseitig, als hier nur die Einheit ausgesprochen und auf diese der Akzent gelegt wird, w├Ąhrend doch in der Tat das Subjektive und das Objektive nicht nur identisch, sondern auch unterschieden sind.

Hinsichtlich der Bedeutung des Spekulativen ist hier noch zu erw├Ąhnen, da├č man darunter dasselbe zu verstehen hat, was fr├╝her, zumal in Beziehung auf das religi├Âse Bewu├čtsein und dessen Inhalt, als das Mystische bezeichnet zu werden pflegte. Wenn heutzutage vom Mystischen die Rede ist, so gilt dies in der Regel als gleichbedeutend mit dem Geheimnisvollen und Unbegreiflichen, und dies Geheimnisvolle und Unbegreifliche wird dann, je nach Verschiedenheit der sonstigen Bildung und Sinnesweise, von den einen als das Eigentliche und Wahrhafte, von den anderen aber als das dem Aberglauben und der T├Ąuschung Angeh├Ârige betrachtet. Hier├╝ber ist zun├Ąchst zu bemerken, da├č das 8/178 Mystische allerdings ein Geheimnisvolles ist, jedoch nur f├╝r den Verstand, und zwar einfach um deswillen, weil die abstrakte Identit├Ąt das Prinzip des Verstandes, das Mystische aber (als gleichbedeutend mit dem Spekulativen) die konkrete Einheit derjenigen Bestimmungen ist, welche dem Verstand nur in ihrer Trennung und Entgegensetzung f├╝r wahr gelten. Wenn dann diejenigen, welche das Mystische als das Wahrhafte anerkennen, es gleichfalls dabei bewenden lassen, da├č dasselbe ein schlechthin Geheimnisvolles sei, so wird damit ihrerseits nur ausgesprochen, da├č das Denken f├╝r sie gleichfalls nur die Bedeutung des abstrakten Identischsetzens hat und da├č man um deswillen, um zur Wahrheit zu gelangen, auf das Denken verzichten oder, wie auch gesagt zu werden pflegt, da├č man die Vernunft gefangennehmen m├╝sse. Nun aber ist, wie wir gesehen haben, das abstrakt verst├Ąndige Denken so wenig ein Festes und Letztes, da├č dasselbe sich vielmehr als das best├Ąndige Aufheben seiner selbst und als das Umschlagen in sein Entgegengesetztes erweist, wohingegen das Vern├╝nftige als solches gerade darin besteht, die Entgegengesetzten als ideelle Momente in sich zu enthalten. Alles Vern├╝nftige ist somit zugleich als mystisch zu bezeichnen, womit jedoch nur so viel gesagt ist, da├č dasselbe ├╝ber den Verstand hinausgeht, und keineswegs, da├č dasselbe ├╝berhaupt als dem Denken unzug├Ąnglich und unbegreiflich zu betrachten sei.

Parallelstellen in der N├╝rnberger Enzyklop├Ądie

┬ž 12

Die Logik ist die Wissenschaft des reinen Verstandes und der reinen Vernunft, der eigent├╝mlichen Bestimmungen und Gesetze derselben.

Das Logische hat demnach drei Seiten: 1. die abstrakte oder verst├Ąndige, 2. die dialektische oder negativ vern├╝nftige, 3. die spekulative oder positiv vern├╝nftige.

Das Verst├Ąndige bleibt bei den Begriffen in ihrer festen Bestimmtheit und Unterschiedenheit von anderen stehen; das Dialektische zeigt sie in ihrem ├ťbergehen und ihrer Aufl├Âsung auf; das Spekulative oder Vern├╝nftige erfa├čt ihre Einheit in ihrer Entgegensetzung oder das Positive in der Aufl├Âsung und im ├ťbergehen.

┬ž 13

Verstand und Vernunft werden hierbei gew├Âhnlich in dem subjektiven Sinne genommen, insofern sie als Denken einem Selbstbewu├čtsein angeh├Âren, und die Logik ist so eine blo├č formelle Wissenschaft, die erst eines anderen Inhalts, eines ├Ąu├čeren Stoffes bedarf, wenn etwas wirklich Wahres zustande kommen soll.

┬ž 14

Ihrem Inhalt nach betrachtet die Logik den Verstand und die Vernunft an und f├╝r sich selbst und die absoluten Begriffe als den an und f├╝r sich wahren Grund von allem oder das Verst├Ąndige und Vern├╝nftige, insofern es nicht blo├č ein bewu├čtes Begreifen ist.

Die Logik ist daher an sich selbst spekulative Philosophie, denn die spekulative Betrachtungsart der Dinge ist nichts anderes als die Betrachtung des Wesens der Dinge, welches ebensosehr reiner, der Vernunft eigent├╝mlicher Begriff als die Natur und das Gesetz der Dinge ist.


Siehe auch

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