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Diskussion:Hegel und die Sklaverei

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Zitate zum Thema:

Hält man die Seite fest, daß der Mensch an und für sich frei sei, so verdammt man damit die Sklaverei. Aber daß jemand Sklave ist, liegt in seinem eigenen Willen, so wie es im Willen eines Volkes liegt, wenn es unterjocht wird. Es ist somit nicht bloß ein Unrecht derer, welche Sklaven machen oder welche unterjochen, sondern der Sklaven und Unterjochten selbst. PDR §57

Kai:

Helmut, du hast dir hier einen mündlichen Zusatz heraus gesucht, diese Zusätze sind philologisch zweifelhaft.

Es wäre sinnvoll, wenn du dich zunächst an den Hegelschen Haupttext (der die eigentliche wissenschaftliche Entwicklung von Hegels Gedanken enthält) hälst, wie es generell sinnvoll ist, wenn du nicht krampfhaft versuchst aus dem Text (der dir ja jetzt in Gänze vorliegt) nur die möglichst abseitigsten Zitate herauszuklauben.

Wir können auch diese besprechen (s.u.), aber es wäre wichtig, dass damit weder bei dir noch bei anderen Mitlesern dadurch der Eindruck erweckt wird, das es sich hier um zentrale Aussagen von Hegel (etwa zur Sklaverei) handelt.

Ich habe unter Hegel_und_die_Sklavereischon etwas allgemeines zur Sklaverei gesagt, da steht auch ein wichtigeres Zitat dazu aus dem Haupttext drin (und die anderen ergänzenden Zitate sind unbedingt vor diesem Kontext zu lesen, um sie nicht misszuverstehen)..

UnterDiskussion:War_Hegel_ein_Frauenfeind? haben wir das Thema dann noch mal angesprochen.

Daraus passt dieser Ausschnitt zu dem von dir rausgesuchten Zitatfetzen:

Auch wenn der Sklave also natürlich nicht dafuer "verantwortlich" ist, das er der Sklave ist (er wird ja, von anderen mit Gewalt "als Sklave gehalten", geht also nicht von ihm aus), so erscheint mir die Aussage insofern richtig zu sein, dass sich das Ganze wohl erst ändern wird (und sich historisch auch erst geändert hat), wenn sich Sklavenhalter und/oder Sklaven davon überzeugen, dass das nicht so sein sollte (es entspricht nicht dem Wesen des Geitstes, der ja frei ist. Meines Erachtens würde gerade aus der Bestimmung des Menschen als Geistigem Lebewesen doch die Bestimmung als Sklaven zuwiderlaufen?). Insofern hätte ich aus praktischen Gründen auch eine für provokante Bemerkung des Typs "ihr seid selbst daran schuld" (was in praktischer Hinsicht bedeuten soll: ihr habt es in der Hand es zu ändern, lasst es euch nicht länger gefallen) volles Verständnis. (HL)

Das von dir angesprochene Zitat oben, aus den Zusätzen, geht übrigens unmittelbar so weiter (und ist dann zu Ende):

Die Sklaverei fällt in den Übergang von der Natürlichkeit der Menschen zum wahrhaft sittlichen Zustande; sie fällt in eine Welt, wo noch ein Unrecht Recht ist. Hier gilt das Unrecht und befindet sich ebenso notwendig an seinem Platz (HL)

Dies hilft dein davorliegendes Zitat noch besser zu verstehen. Was Hegel hier sagt, ist nochmals, dass es Sklaverei nur da (dann notwendig) gibt, wo die Menschen noch nicht die Idee der Freiheit entwicklet (bzw. verstanden) haben. Es bleibt aber natürlich dennoch unrecht und widerspricht der Idee der Freiheit (ansich und auch aus unserer, Fortgeschrittneren Perspektive), ist nur eine "faktische" Notwendigkeit, die mit noch grössere Notwendigkeit im Laufe der Bewusstseinsentwicklung der Menscheit aufzuheben ist und aufgehoben wird.

Dabei ist "sie fällt in eine Welt, wo noch ein Unrecht Recht ist" wichtig. Zum einen könnte man dies einfach faktisch lesen: wo Sklaverei Recht ist, ist unrecht recht.

Aber wenn wir uns erinnern, dass Hegel ja eigentlich davon ausgeht, das zu seiner Zeit das Bewusstsein der Freiheit natuerlich da war (Hegel redet hier also *eigentlich*, wie auch ein Vergleich mit der Enzyklopaedie dazu beweist, von der Sklaverei zur Zeit der Roemer und Griechen) so bedeutet das umgekehrt, das Hegel die Sklaverei zu seiner Zeit schon lange als ueberholt ansah, weil inzwischen laengst erkannt ist, das diese Unrecht ist.

Hegel lokalisiert das Ende der Sklaverei mit dem Christentum, wobei dieses Bewusstsein viel Zeit gebraucht hat um ganz begriffen zu werden und dann die menschliche Gesellschaft entsprechend umzubilden, vor allem dann in den neuen Staaten auf christlicher Grundlage. Von daher ist das ganze zu seiner Zeit eigentlich längst schon erledigt, es ist ein Skandal wenn zu seienr Zeit so etwas überhaupt noch Thema sein muss (Keine Welt hat von ihrem eigenen Anspruch her das Bewusstsein, eine zu sein in der "noch ein Unrecht Recht ist" - ist das Prinzip einmal erkannt, dann muss mittelfristig die dem entgegenstehende schlechtere Realität sich anpassen oder fallen. Vgl. dazu auch etwa dieses Hegelzitat (aus den zu Hegels Lebzeiten unveröffentlichten Frühschriften, aber durchaus auch noch in Übereinstimmung mit dem reifen Hegel: http://www.thur.de/philo/hegel/aktuell.htm ).

Zudem ist natuerlich durch die französische Revolution das Freiheisthema noch mal ganz anders auf der Tagesordnung, ganz aktuell (insbesondere durch den - zumindest damals - beruehmten erfolgreichen Freiheitskampf der französischen Kolonie Haiti zu Hegels Zeiten, den auch Hegel sehr aufmerksam verfolgt hat). Insofern ist also klar, das Hegel meint, das zu seiner Zeit Sklaverei nicht notwendig ist sondern es im Gegenteil notwendig ist, das diese verschwindet. Das Bewusstsein des Unrechts sollte sich daher, wo es noch nicht vorhanden ist, bei den Slaventreibern und Sklaven einstellen (England hat ja zu Hegels Zeit dann auch den Sklavenhandel verboten, andere Nationen ebenfalls) und dieses Bewusstsein als allgemeines Bewusstsein dann natürlich dazu führen, dass die Sklaverei als diesem Bewusstsein widerprechend abgeschafft wird (wie es dann ja auch schliesslich geschehen ist).

Nun noch einige "Gegenzitate", um das von mir gesagte zu untermauern:

Dieser Zusatz zu Paragraph 433 der Enzyklopaedie zeigt, dass Hegel bei der Zeit der Sklaverei eher an die Antike denkt:

Was das Geschichtliche des in Rede stehenden Verhältnisses betrifft, so kann hier bemerkt werden, daß die antiken Völker, die Griechen und Römer, sich noch nicht zum Begriff der absoluten Freiheit erhoben hatten, da sie nicht erkannten, daß der Mensch als solcher, als dieses allgemeine Ich, als vernünftiges Selbstbewußtsein, zur Freiheit berechtigt ist. Bei ihnen wurde vielmehr der Mensch nur dann für frei gehalten, wenn er als ein Freier geboren war. Die Freiheit hatte also bei ihnen noch die Bestimmung der Natürlichkeit. Deshalb gab es in ihren Freistaaten Sklaverei und entstanden bei den Römern blutige Kriege, in denen die Sklaven sich frei zu machen, zur Anerkennung ihrer ewigen Menschenrechte zu gelangen suchten (Hegel)

Umgekehrt sagt Hegel im Zusatz zu Paragraph 163 der Enzyklopädie über das Verhältnis von Christentum und Sklaverei:

Man hat wohl die Frage aufgeworfen, worin der Grund davon liege, daß in dem modernen Europa die Sklaverei verschwunden sei, und dann bald diesen bald jenen besonderen Umstand zur Erklärung dieser Erscheinung angeführt. Der wahrhafte Grund, weshalb es im christlichen Europa keine Sklaven mehr gibt, ist in nichts anderem als im Prinzipe des Christentums selbst zu suchen. Die christliche Religion ist die Religion der absoluten Freiheit, und nur für den Christen gilt der Mensch als solcher, in seiner Unendlichkeit und Allgemeinheit. Was dem Sklaven fehlt, das ist die Anerkennung seiner Persönlichkeit; das Prinzip der Persönlichkeit aber ist die Allgemeinheit. Der Herr betrachtet den Sklaven nicht als Person, sondern als selbstlose Sache, und der Sklave gilt nicht selbst als Ich, sondern der Herr ist sein Ich (Hegel)

Beide Zitate oben kommen ebenfalls aus Zusätzen, sind also ebenfalls philologisch zweifelhaft. Das folgende Zitat ist aber aus einer Anmerkung aus Hegels eigener Hand (zu Paragraph 482 der Enzyklopädie), und es ist eine zentrale Stelle in Hegels Enzyklopädie: der Abschluss seiner Philosophie des "Subjektiven Geistes" und der Übergang zur Philosophie des "Objektiven Geistes" (Rechtsphilosophie) und fasst noch mal das Wichtigste zusammen (du findest da auch Hinweise allgemein zur Freiheit und der Wirkungsmacht des Bewusstseisn der Freiheit):

Über keine Idee weiß man es so allgemein, daß sie unbestimmt, vieldeutig und der größten Mißverständnisse fähig und ihnen deswegen wirklich unterworfen ist als [über] die Idee der Freiheit, und keine ist mit so wenigem Bewußtsein geläufig. Indem der freie Geist der wirkliche Geist ist, so sind die Mißverständnisse über denselben so sehr von den ungeheuersten praktischen Folgen, als nichts anderes, wenn die Individuen und Völker den abstrakten Begriff der für sich seienden Freiheit einmal in ihre Vorstellung gefaßt haben, diese unbezwingliche Stärke hat, eben weil sie das eigene Wesen des Geistes, und zwar als seine Wirklichkeit selbst ist. Ganze Weltteile, Afrika und der Orient, haben diese Idee nie gehabt und haben sie noch nicht; die Griechen und Römer, Platon und Aristoteles, auch die Stoiker haben sie nicht gehabt; sie wußten im Gegenteil nur, daß der Mensch durch Geburt (als atheniensischer, spartanischer usf. Bürger) oder Charakterstärke, Bildung, durch Philosophie (der Weise ist auch als Sklave und in Ketten frei) wirklich frei sei. Diese Idee ist durch das Christentum in die Welt gekommen, nach welchem das Individuum als solches einen unendlichen Wert hat, indem es Gegenstand und Zweck der Liebe Gottes, dazu bestimmt ist, zu Gott als Geist sein absolutes Verhältnis, diesen Geist in sich wohnen zu haben, d. i. daß der Mensch an sich zur höchsten Freiheit bestimmt ist [...]
Wenn das Wissen von der Idee, d. i. von dem Wissen der Menschen, daß ihr Wesen, Zweck und Gegenstand die Freiheit ist, spekulativ ist, so ist diese Idee selbst als solche die Wirklichkeit der Menschen, nicht die sie darum haben, sondern [die] sie sind. Das Christentum hat es in seinen Anhängern zu ihrer Wirklichkeit gemacht, z. B. nicht Sklave zu sein; wenn sie zu Sklaven gemacht, wenn die Entscheidung über ihr Eigentum in das Belieben, nicht in Gesetze und Gerichte gelegt würde, so fänden sie die Substanz ihres Daseins verletzt. [..] - Aber diese Freiheit, die den Inhalt und Zweck der Freiheit hat, ist selbst zunächst nur Begriff, Prinzip des Geistes und Herzens und sich zur Gegenständlichkeit zu entwickeln bestimmt, zur rechtlichen, sittlichen und religiösen wie wissenschaftlichen Wirklichkeit (Hegel)

Um gleich noch einen möglichen Einwand von Dir vorweg zunehmen: Wenn es in dem 1. Absatz des letzten Zitates heisst "Ganze Weltteile, Afrika und der Orient, haben diese Idee nie gehabt und haben sie noch nicht;", so kann es gerne sein, das sich Hegel da empirisch täuscht, über diese Staaten nicht genügend Bescheid weiss (wobei er da mit Afrika nur das mittlere und südlichere Afrika meint, bei Asien denkt er ebenso eher an den mittleren und fernen Osten, also insbesondere NICHT an das Mittelmeergebiete und NICHT an den Islam), so bitte ich hier das Wort *noch nicht* zu beachten. Ich sage es immer wieder: bei Hegel musst du die Aufmerksamkeit auf die Entwicklung, die Dynamik legen, sonst verfehlst du das worum es geht. Hegel sagt also nicht, das das so bleiebn müsste sondern erwartet im Gegenteil, das natürlich die Idee der Freiheit sich auch in Afrika und Asien ausbreiten werden (Was sie ja auch zu seiner Zeit z.B. durch den Islam schon getan hatten. Es müssten aber nicht notwendig fremde Einfluesse sein, es spricht prinzipiell nichts dagegen, dass eine solche Höherentwicklung auch aus der Kultur selbst hervorgebracht werden kann - letzteres entwickelt Hegel aber nirgends explizit, er bestreitet es aber auch nicht explizit).

-- Kai Froeb

Helmut: Ich habe dafür kein Verständnis. Mich bewegt die Frage, warum während der Zeit der Sklaverei niemandem - weder der christlichen Kirche, noch Philosophen wie Hegel - eingefallen ist, dass es sich um Menschen und eindeutiges Unrecht handelt. Vermutlich wollte man es sich mit den Mächtigen nicht verscherzen und sich keine Probleme einhandeln und hat die Erkenntnis verdrängt oder zur Unwirksamkeit abgeschwächt (wie oben). Natürlich verliert dann das jeweilige Denken jede Glaubwürdigkeit.

-- Helmut Leitner

Kai: Lächerlich. Natürlich verurteilt Hegel die Sklaverei (in Preussen gab es die sowieso nicht), sogar in dem Zitat, das du oben bringst. Wenn du den Text, der dir vorliegt, duchgehst, dann findest du da jede Menge Stellen dazu. Dein "Problem" entsteht doch überhaupt nur, weil du all die anderen Aussagen und natürlich auch die Hauptaussage von Hegel ignorierst, und dich auf die einzige Stelle stürzt, die dir auch nur halbwegs in den Kram passt für eine Kritik und dann den Eindruck erweckst, als ob das die Hauptaussage Hegels dazu sei, was natürlich falsch ist, wie du wissen musst, wenn du das Zitat rausgesucht hast und dazu wohl zumindest den Paragraphen selbst (oder zumindest den ganzen Zusatz) gelesen hast. -- Kai

Um mich da auch nochmal einzumischen :) - Helmut, folgende Frage: Wie beurteilst du die "alten Griechen" zB Platon, Sokrates, Aristoteles und viele viele Denker der damaligen Zeit, die mir der Sklaverei nun ja gar kein Problem hatten? - Ich seh das so, dass Sklaven für diese Leute damals halt keine Menschen waren - so wie für unsere Gesellschaft heute Tiere auf einer Stufe stehen, und wir sie quälen, morden und essen. Und nun ein gedanklicher Sprung in eine Zukunft, in der mit Tieren so umgegangen wird wie es sein könnte - und diese Leute dann auf unsere Zeit schauen - was ich immer wieder rüberbringen will ist folgendes und dies in salopper Form: wozu ist es nütze für dich den Hegel zu kritisieren? Lass ihn doch einfach links liegen, wäre mein Tipp. Klar verfolge ich die Diskussion zwischen dir und kai aufmerksam und mit interesse, aber um meine meinung noch mal mit anderen worten zu sagen: du wirst kai sicher nicht von hegel abbringen können :) - und seine absicht soweit ich ihn verstehe, ist sicher nicht, dies bei dir zu ändern, sondern ihm geht es um ein korrektes hegel-verständnis - ok, soweit mal wieder von mir. helmut, mich würden wirklich die philosophen interessieren, die du gut findest. ich selbst mag zB die existenzialisten. die find ich spannend. --lg karl 2409

Helmut: Mmmh, muss mal überlegen. Das Problem ist ja nicht nur die Sklaverei, sondern generell das Verhältnis zwischen Beherrschenden und Beherrschten. Das kann auch wirtschaftlich beherrschte Arbeiter betreffen oder geistig unfreie Gefolgsleute einer Ideologie. Die Frage ist nicht so spezifisch wie sie scheint. In Frage steht Hegels Haltung zur Herrschaft von Menschen über Menschen mit diversen Mitteln der Macht. Grundsätzlich scheint er dem wertneutral gegenüber zu stehen; er hat Verständnis für die Situation aber auch Verständnis für den Wunsch nach Befreiung - aber er ergreift keine Partei. Da Frage ist, was daran Philosophie ist. Alles ist möglich, alles ist erklärbar. Die Verortung im Christentum ist natürlich in anderer Hinsicht interessant. -- Karl, die meisten Philosophen haben sich nur mit bestimmten Fragen beschäftigt, die sie interessierten. Die angebotenen Antworten und Methoden sind interessanter als die Personen. Die Personalisierung philosophischer Schulen weist eigentlich auf den geringen Entwicklungsstand der Philosophie. Hegel tritt entgegen anderen Philosophen als systematischer Universalist mit höherem Anspruch auf. Hegel begegnet mir im geistigen Untergrund unserer Zeit, in einer Art, die mir nicht angenehm ist. Ich hab mich andernorts schon dazu geäußert.

--Helmut Leitner

Kai: a) "Herrschaft" (und "Macht") ist eine Abstraktion. Die interessante Frage ist, welche Zwecke weren mit welchen Mitteln verfolgt und dann kann man diese Zwecke und Mittel in Beziehung setzen zu den eigenen Zwecken und ggfs. kritisieren.

b) zu "hat verständnis ... aber er ergreift keine Partei":

- aus Hegels Logik, die die Grundlage von allen Hegels Urteilen bildet, folgt eine eindeutige Präferenz für Freiheit, Selbstbestimmung, Selbstreflektion, Selbstverwirklichung, Selbstgestaltung, und fuer Allgemeine, die dem Besonderen und Einzelnen ihren Platz lassen (insofern eine Art Anti-Totalitarismus") usw. Ebenso fuer Begründungen, Explizit machen des Impliziten, kritische Prüfung der Axiome und die Notwendigkeit der Selbstkritik usw.

Von daher ist prinzipiell schon immer klar, "wofür Hegel Partei ergreift". Und insofern ist bei Hegel auch keineswegs "alles möglich" (keine Ahnung, wo du das nun wieder her hast ;-) ).

- Hegel ist auch dafür, das die Wirklichkeit nach diesen Prinzipien umzubilden ist, das unterscheidet ihn nicht von den Junghegelianern und Marx

- was ihn unterschiedet, ist eher seine Vorsicht/Umsicht. Insbesondere ist ihm einerseits wichtig, dass man sich umfassend von den Inhalten, die man selbst vertritt, kritisch rechenschaft abgelegt hat, man die eigenen Positionen und Ziele mindestens so gut begriffen und tief/grundsätzlich kritisiert und begründet hat wie die evtl. kritisierten zu ändernden. Zum anderen ist ihm wichtig, dass die zu kritisierende Wirklichkeit auch wirklich ihrerseits fuer sich voll verstanden ist ( und nicht nur einfach nur an den eigenen Maßstäben gemessen wird und daran dann negativ beurteilt wird).

Das führt dann auch dazu, dass Hegel ganz wissenschaftlich alle Argumente die für und gegen eine Position sprechen, anführt (was da, wo sonst nur parteilich bloss das angeführt wird, was der eigenen Position nützt, ungewöhnlich ercheinen mag). Er bleibt aber, wie gesagt, nicht dabei stehen, sondern zeigt im weiteren Fortgang dann die jeweiligen Beschränkungen (oder diese sind von anderen Teilen seines Systems implizit demjenigen klar, der es kennt).

c) "Hegel begegnet mir im geistigen Untergrund unserer Zeit" - Frage ist, woran du das festmachen willst, wenn du Hegel nicht kennst. Was du sagen willst, ist vermutlich, dass dir Positonen, die du hier als angeblich "hegelianisch" kritisiert hast, begegnet sind und das diese von anderen, den Autoren selbst oder dir als "hegelianisch" eingestuft wurden.

Dazu müsste ich mehr wissen, was du meinst, dann könnte man schauen, inwiefern es da tatsächlich Zusammenhänge mit der Hegel-Rezeption gegeben hat.

Da Hegel wie unter (b) gesagt praktisch alle Positionen versucht hat in seiner Philosophie zu behandeln und aufzuheben, können flüchtige Leser, die seine Philosophie nicht systematisch, dem Gang der Argumente und der Architektur nach, studieren, sondern sich nur "Zitate", "Ergebnisse" rauspicken wollen, da von allen Seiten her bedienen und dann von da aus weiter assoziieren (vgl. auch http://wiki.hegel.net/index.php/FAQ:WhyMisunderstood ).

Bei vielen angeblich "hegelianisch beeinflussten" bzw "Hegelianern" stellt sich heraus, das sie nur ein oder zwei Werke von Hegel (und dann in der Regel eher nicht seine systematischen Werke, etwa die Logik oder die Enzyklopaedie) gelesen haben (beliebt sind stattdessen insbesondere die Phaenomenologie und/oder die Geschichtsphilosophie) und sich dann daraus einige wenige Gedanken herausklauben, die sie dann in der Regel auch noch missverstehen. Insofern sind deine Interpretationen zumindest typisch für viele Missverständnisse von angeblichen Hegelfreunden wie Hegelfeinden und liessen sich bei diesen nachweisen.

Das Schicksal, einer grossen Variation von Interpretationen unterworfen zu sein, teilt Hegel (bzw. seine Werke) mit allen grossen Denkern und Texten. Die Frage dabei ist doch auch hier, statt mit falschen Interpretationen gleich den dahinterliegenden Denker / Text mit wegzuwerfen (an dem Maßstab bliebe nicht viel übrig von unsererm kulturellen Erbe), wie dieser Text denn tatsächlich angemessen zu lesen ist, und/oder, wie dieser Text, wenn er schon einmal Teil unserer Kulturgeschichte ist, so in einem tieferen Verständnis gelesen werden kann, das er auf einem höheres Niveau gebracht werden kann.

Hier ist die Situation bei Hegel excelent, weil wir in den letzten 40 Jahren so riesige Fortschritte gemacht haben: philologisch sind nun praktisch alle wichtigen Texte von Hegel erfasst, einschliesslich der Mitschriften seiner Vorlesungen, seiner Manuskripte usw. und diese sind philologisch ausführlich kommentiert (ich denke da in erster Linie an die Reihe "Hegel Werke" des Bochumer Hegel Archivs, erschienen im Meiner Verlag, Hamburg). Sodann sind die letzten 40 Jahre - auch aufbauend auf diese philologischen Leistung - kulminierend immer bessere Kommentare von Hegels Werken erschienen, so dass wir sagen können, dass wir die erste Generation sind, die Hegel wahrscheinlich besser verstehen kann, als seine unmittelbaren Schüler selbst (denen weder das Primärmaterial noch Sekundärliteratur in vergleichbaren Ausmass und Qualität vorlag). Dabei besteht unter den Hegelforschern sehr weitgehende Einigkeit darin, dass die ganzen gängigen traditionellen Hegelvorurteile, die in deinen Positionen durchscheinen, auf den Müll geschmissen gehören. Die Welt hat nun zum ersten mal die Chance, Hegel richtig zu verstehen und die Kritiken, die er damals geschrieben hat, sind aktueller den je (wie nach und nach auch in anderen philosophischen Richtungen, etwa in der Analytischen Philosophie, erkannt wird - wir erleben derzeit eine Hegel Renaissance),

d) "Personalisierung philosophischer Schulen" - nun ja Hegel hat seine Werke natürlich nie, sagen wir mal, Hegels Logik usw. genannt, sein Anspruch war natürlich, eine wissenschaftliche, also objektive, also auch inter-subjektiv nachvollziehbare "Philosophische Wissenschaft" zu betreiben (wie die meisten klassischen Philosophen). Insofern distanziert man sich eigentlich schon von Hegel, wenn man von Hegelianismus etc (statt von wissenschaftlicher Philosophie) redet - Hegel interessiert Hegelianer nur, insofern er eben die Philosophische Wissenschaft stark weiter gebracht hat, so wie uns auch, sagen wir mal, ein Newton oder ein Einstein uns in erster Linie aus der Perspektive ihres Beitrages zum Erkenntnisfortschritt der Menscheit interessieren. Und wenn wir von einer Newtonschen oder Einsteinschen Mechanik reden, dann meinen wir damit auch keineswegs, dass diese nur subjektiv den Standpunkt dieser Autoren vertritt.

Hegelianer heutzutage nennen ihre Philosophie in erster Linie deshalb Hegelianismus, weil viele der Einsichten Hegels inzwichen nicht mehr so Allgemeingut sind wie zu Hegels Lebzeiten - die Gründe wären eine Debatte für sich - (und man sich daher aus praktischen Gründen, der Abkürzung halber, auf Sachen beziehen muss, die nicht alle teilen, was mit dem Verweis auf Hegels Werke am besten geht). Zum anderen ist aber auch aus dem Wissenschaftsanspruch heraus weiter zu entwickeln, gerade ein "Heglianer", der ja den genannten wissenschaflichen Anspruch mit Hegel teilt, wird gerade deshalb sowenig (und soviel) bei Hegel stehen bleiben, wie ein heutiger Physiker bei Newton oder Einstein.

Wieder mal zu lang, ich weiss ;-)

Alles Gute, Kai --Kai Froeb (25.9.2005, 21:30)