Zum Verhältnis von Religion und Philosophie

Aus Kais Hegelwerkstatt
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System - Geist - Absoluter Geist - ( Religion / Philosophie)

Religion durch Philosophie ersetzen?

Hegels Philosophie als Religion - Philosophie auf Religion herunterbringen?

Es gibt Interpreten, die Hegels Philosophie als "wahre Religion" ansehen, und damit die bestehenden Religionen ersetzen wollen.

Man könnte, von dem Standpunkt der Philosophie/Wissenschaft aus, dies dann so verstehen, dass hier die Hegelsche Philosophie auf das (unterstellt: niedrigere) Niveau der Religion heruntergezogen wird, mit allen Nachteilen / Problemen einer Religion.

Einem solchen Vorhaben gegenüber kann man mit Recht skeptisch sein und daher würde ich Hegels Philosophie niemals eine Religion nennen (und Hegel selbst meines Wisses auch nicht - zumindest nicht der reifere Hegel der Nürnberger, Heidelberger und Berliner Zeit, mit dem ich mich in erster Linie beschäftige).

Hegels Philosophie als Religion - Philosophie als Wahrheit der Religion?

Aber man könnte dieses Statement auch so verstehen, dass die Philosophie die Wahrheit und Erfüllung der Religion ist, also nicht ein anderes (das stets in Opposition/Negation zu dieser ist), sondern das echte, wahre, wertvolle Ziel der Religion, wenn diese ihre eigenen Bestrebungen ernst genug nimmt. In diesem Sinne kann man durchaus davon reden, dass die Hegelsche Philosophie insofern echte Religion, deren echte Erfüllung ist.

Dennoch stimme ich auch mit dieser letzten Interpretation (wie sich schon an meinem "insofern" zeigt) nicht komplett überein.

Diese Interpretation drückt im Prinzip aus der Perspektive der Religion das selbe aus, was die moderne Wissenschaft ausdrückt (und was auch viele linke Interpreten des hegelschen absoluten Geistes mit seiner Sequenz Kunst -> Religion-> Philosophie meinen), nämlich dass die Religion überholt ist und die Philosophie/Wissenschaft ihr Nachfolger ist, die alles der Religion wesentliche aufhebt.

Es wird immer Religion (und Kunst usw) geben, diese wird sich weiterentwicklen

Nun, ich glaube zunächst einmal (was keinen theoretischen, sondern eher einen praktischen Einwand darstellt), dass es immer Religion geben wird, so wie es immer Kunst geben wird.

Beide werden sich ändern, wenn in der Philosophie / Wissenschaft neue Erkenntnisse erreicht werden, und in ihren besseren Vertretern werden sie versuchen, ihre jeweiligen historischen Begrenzungen zu überwinden und neu Höhen zu erklimmen.

Es gibt in der Religion noch aufzuhebendes

Zum Zweiten hat die Philosophie (auch in der hegelschen oder heutigen Version) wohl kaum allen aufhebenswerten Inhalt der Kunst und Religion aufgehoben. Während die Philosophie also von der Methode her das angemeßenste "Gefäss für die Wahrheit" ist und insofern auch der Kunst und der Religion überlegen ist, so bleibt es doch die andauernde Aufgabe sicherzustellen, das alles aus Kunst und Religion (wie auch der anderen menschlichen Aktivitäten), tatsächlich in der Philosophie/Wissenschaft aufgehoben werden (andauernd insbesondere deswegen, da diese sich ja auch ständig weiter entwickeln, also ein "bewegliches Ziel" für ihre Aufhebung darstellen, nicht zuletzt weil diese, wie oben geschildert, ihrerseits versuchen die Erkentnisse der Phiolosophie zu verarbeiten)

auch die anderen Ebenen des Systems bleiben erhalten - Immanenz, nicht Negation

Zudem: es fällt ja auch niemandem ein zu sagen, dass - weil die Philosophie der höchste Punkt des Systems ist - dann die Logik, die Natur, die einzelnen Menschen, der Staat usw. veraltet oder überflüssig usw. sind (oder, begrenzter, vom Staat aus etwa die Familie oder die "bürgerliche Gesellschaft" für überflüssig erklären - wobei manche linke Marxisten Hegel so verstanden haben könnten).

So wie wir am Familienleben, am gesellschaftlichen Leben und am Staatsleben zugleich teilnehmen, so können wir gleichzeitig am künstlerischen Leben, an der Religion und an der Philosophie gleichzeitig teilnehmen (und dabei auch noch gleichzeitig Hegelianer sein - im Gegenteil würde ein solches hegelianisches Verständnis diese anderen Aktivitäten ja nicht negieren, sondern bestimmen).

(siehe dazu auch: Aufhebung ist nicht einfach Negation)

Besondere Religionen

Ausserdem: die besonderen Religionen, sind eben verschiedene Besonderungen des zugrundeliegenden religiösen Gedankens.

Ihre Einheit kann nicht in einer einzelnen Religion erreicht werden (das Christentum, als "absolute Religion", ist also nicht zu verstehen als Ziel aller Religionen, sondern die Unterschiede bleiben weiterhin erhalten, wie auch heutzutage lebhaft zu sehen), dazu sind diese zu bestimmt (weil sie sich auch auf heilige Texte usw. berufen, mit auch nicht-notwendiger Überlieferung, die Teil ihrer Identität ausmachen und nicht zur Disposition stehen), daher schliessen sie sich in diesen Bestimmungen gegenseitig aus.

Dialog der Religionen, Hans Küng und die Rolle der Philosophie

So sehr ich Hans Kuengs Bemühungen, das rationelle und bewahrenswerte (und lernenswerte) der einzelnen Religionen herauszuarbeiten schätze, so halte ich sein Projekt "Welt Ethos" für insofern verfehlt, als darin nur ein kleinster gemeinsamer Nenner gefunden werden wird (was natürlich fur sich genommen auch schon etwas ist, und in diesem Projekt alleine selbst wieder das Selbstverständnis der Religionen fortentwickelt).

Stattdessen (oder damit so ein Projekt Welt Ethos besser oder überhaupt funktioniert), brauchen die Religionen, um in Dialog zu kommen und sich selbst dabei auch fortzuentwicklen in Richtung Wahrheit / Vollkommenheit, einen gemeinsamen Boden/ein gemeinsames Ziel jenseits von ihren jeweiligen besonderen Beschränkungen.

Dies ist in ihrem erwähnten Streben nach Wahrheit enthalten, und hier kann nur die Philosophie, insbesondere die hegelianische Philosophie, zu einem maximalen gemeinsamen tieferen Verständnis führen, indem sie den rationalem Kern und die rationalen Ziele jeder Religion hervorarbeiten hilft und so zu einem tieferen Verständnis jeder einzelnen Religion und ihrer gemeinsamen Suche nach Wahrheit zu kommen (weil sie diese Anliegen mit den Religionen teilt, aber andereseits auch keine eigene, besondere Religion - wie noch das Christentum - neben diesen ist)

siehe auch