Zum Verhältnis von Religion, Hermetik und Wissenschaft

Aus Kais Hegelwerkstatt
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System - Geist - Absoluter Geist - Religion

Vorbemerkungen

Da Religionen, aber auch NewAge, Esoterik, Aberglauben usw. unsere Welt immer noch stark prägen, die Auseinadersetzung damit heute darum vielleicht heute gar wichtiger denn je ist, möchte ich dazu im folgenden einige grundsätzliche Gedanken entwickeln.

Ich möchte gleich darauf hinweisen, dass diese nicht direkt Hegel verdanken, es handelt sich auch hier um meine produktive Weiterentwicklung Hegels, aber es sollte in der Darstellung leicht erkennbar sein, wo ich wie auf Hegel aufbaue und wo ich diesen, in einer für unsere heutigen Problemstellunegn hoffentlich fruchtbare Weise, weiter entwickle (neben Hegel haben mich bei dem Folgenden u.a. Hans Küng und Vittorio Hösle beeinflusst):

Verurteilung der Religion, Alchemie, NewAge, Aberglauben usw. durch die Wisssenschaft

a) Vom Standpunkt der modernen Naturwisenschaften aus, werden Religion und auch Alchemie/Magie als minderwertige Form der Naturerklärung bzw. des Naturumganges behandelt: sie sind noch kein rationelle Wissenschaften, kein rationeller, methodisch kontrollierter Umgang mit der Natur, usw. Sie werden in dieser Form also wesentlich negativ bestimmt (sie sind dann sozusagen das negative Spiegelbild der Naturwissenschaften).

In gewisser Weise findet hier die historische Retourkutsche (für die Verurteilung von Gallilei etc. durch die Kirche) statt, dann mit dem Fortgang, diese (Religion usw) eben als definzitäre und überholte Formen des Geistes zu bekämpfen: als Aberglauben usw.

b) Diese Verurteilung hat darin ihre Berechtigung, dass sie von einem gemeinsamen Bereich und einem gemeinsamen Maß ausgeht: alle (Naturwissenschaft, Religion, Alchemie usw) wollen sie die Welt erklären, begreifen usw.

c) c1) Es wird dann kritisiert, dass die kritisierten "alternativen Weltdeutungen" (Religion usw) sich letztlich Methoden bedienen, die "unwissenschaftlich" sind, nicht zur Wahrheit führen

c2) Zudem wird die heutige Wissenschaft als die Frucht, Kritik und Aufhebung dieser "alternativen Weltdeutungen" gesehen, wodurch sich eine Auseinadersetzung mit diesen erübrigt, diese hat in der Historie stattgefunden, die anderen Positionen sind als überwunden gewusst (weswegen es eine Zeitverschwendung ist, dies heute zu widerholen).

c3) Wenn sich daher jetzt noch Leute mit alternativen Weltdeutunegn beschäftigen (was sie ja in den organisierten Religionen, der Esoterik, NewAge, Aberglauben usw massenweise tun), so kann dies nur Unkenntnis und Dummheit sein (bzw. auf der Seite der Anleiter: diese wollen damit die Leute von der Wahrheit wegführen, verführen, in die Irre leiten, für dumm verkaufen, um damit Geld zu machen usw.)

Die Notwendigkeit eines aktualisierten Dialoges

d) Dieses (eben unter (c) gezeichnete) Bild übersieht einiges:

Die Überwindung der bisherigen Standpunkte ist zwar in Lehrbuchwissen usw. präsent...

d1) Es stimmt zwar, das die Resultate der jeweiligen vorherigen Generationen in der Sprache, den Gewohnheiten und Sitten, den Institutionen, der Kultur allgemein, dem Lehrbuchwissen und in tausend Weisen akumulierend eingegangen sind und weiter eingehen.

...muss aber in jeder Generation neu angeeignet werden

d2) Spätestens seitdem wir aber soweit gekommen sind, dass wir alles kritisch prüfen wollen, alles selbst einsehen wollen, ist es damit nicht getan.

Jede Generation muss sich die von den vorherigen Generatioenn erarbeiteten Resultate selbst neu aneignen. Es kommt dabei darauf an, dieses Gegebene nicht einfach nur zu reproduzieren, sondern so ein tieferes Verständnis hervorzubringen, dass man es aus sich heraus frei hervorbringen und weiterentwicklen kann

(dies ist auch schon bei den einfachsten Gesellschaften der Fall, aber das Problem stellt sich vor dem geschilderten modernen Anspruch noch in viel grundsätzlicherem Masse).

d3) Das heisst auch, dass wir (wenn wir uns als wissenschaftliche Philosophen auf den Standpunkt der Wissenschaften stellen) in der Auseinandersetzung mit den "alternativen Weltdeutungen" nicht einfach auf eine erreichte höhere Position berufen können, sondern dass wir in der Lage sein müssen, auch diese behauptete Aufhebung in der Vergangenheit uns schöpferisch anzueignen und dann aus uns heraus wieder hervorzubringen.

praktische Gründe dafür

d4) Dies hat zunächst ja auch praktische Gründe: wenn diese "zurückliegenden Formen des Geistes" sich nicht in Selbstkritik aufgelöst haben, sondern heutzutage noch fort existieren, so bedeutet das ja praktisch für mich, dass ich mich damit auseinandersetzen muss, ich kann es ja nicht einfach ignorieren.

Dies umso mehr in der heutigen Zeit der Globalisierung und des umfassenden Pluralismus: die bereits "abgelegten" Gestalten des Geistes, als da wären alte Religionen, alte Philosophien usw. sind plötzlich relevant, und fordern ganz anders als etwas zu Hegels Zeiten dazu auf, sich mit ihnen praktisch zu beschäftigen, die Berechtigung ihrer Kritik zu zeigen, diese zu erneuern usw. (siehe aber auch d5).

"unvollkommene Aufhebungen"

d5) Zudem könnte (! nicht mehr, aber auch nicht weniger) das Fortbestehen ja auch darauf hindeuten, dass wir in unserer früheren Kritik etwas übersehen haben, die Aufhebung noch nicht vollständig war.

Hier kommt mein Konzept der Auflösung unvollkommener Aufhebungen ins Spiel, das ich in Auseinadersetzung mit Adornos Kritik der "Nicht-Identität" entwickelt habe: wenn sich heraus stellt, dass etwas nicht vollständig aufgehoben ist, das sich noch Mängel an dieser Aufhebung finden, so muss dies nachgeholt werden (so dass sich Fortschritte nicht nur am Ende der Entwicklung finden, wie man von einer einfachen Zeitskala her meinen könnte, sondern auch (gerade!) in der Mitte (des Systemes, einer Argumentationsreihe etc) immer wieder Fortschritte finden, hier Sachen ergänzt und korrigiert werden (dies zeigt auch leicht ein Vergleich der verschiedenen philosophischen Systeme und auch von Hegels eigenen Darstellungen seiner Philosophie und der einzelnen Teilgebiete selbst).

In der Neu-Aneignung des bsiherigen Wissenstandes kommt es also auch immer auf die Neu-Aneignung der jeweiligen Auseinandersetzung mit den jeweils anderen Standpunkten an, und in diesem Prozess auch immer auf die Prüfung, ob nicht hier noch Nicht-Aufgehobenes zu heben ist (auch so passiert Fortschritt).

immanente Kritik

d6) Aus diesem Grund reicht es auch nicht aus, in unserer Kritik eines überwunden geglaubten, anscheined bereits aufgehobenen Standpunktes des Geistes ("alternative Weltdeutungen", defizitaere ältere Wissensinhalte usw.) diese vom Standpunkt des nun erreichten höheren Standpunktes aus zu kritisieren, sondern wir müssen zunächst einmal den Standpunkt von sich selbst aus erfassen und von da aus prüfen und kritisieren.

Für eine solche immanente Kritik (wie sie Hegel in allen seinen Werken leistet - aber wie gesagt,auch das ist durch uns nicht als gegeben hinzunehmen, sondern selbst anzueignen, insofern gilt das bisher gesagte nicht nur für Hegel selbst, sondern genauso für seine Nachfahren im Geiste) reicht es also nicht, die Sache "von oben"/"heute" herab als (im Lichte davon) defizitär zu bestimmen, sondern zunächst einmal den darin enthaltenen gemeinsamen Anspruch (ich erinnere an 1b) ernst zu nehmen und sie daraus zu begreifen.

d7) Dementsprechend sind Religion, Alchemie, Aberglauben usw. sinnvollerweise zunächst einmal zu verstehen als Versuche, sich die Welt zu erklären und es ist dann zunächst einmal zu forschen, was diese dabei positiv leisten. Aus dem weiteren Nachvollzug dieser Leistung wird man dann auch die Defizite finden, die es dann gilt aufzuheben.

Vorteile der skizierten Haltung für einen sinnvollen Dialog

d8) Eine solche wie oben skizierte Haltung erlaubt es überhaupt sinnvoll, mit derartig "Andersgläubigen" (im weitesten Sinne) in Dialog zu treten, so dass dies auch für diese sinnvoll ist, diese sich darin überhaupt wieder finden.

für den Kritiker

d8-a) Fuer den Kritiker "von oben" erlaubt es dabei

d8-a-1) .. überhaupt eine gemeinsame Sprache und Plattform zu finden, und damit überhaupt die Chance gehört zu werden (während die radikale Negation/Bekämpfung historisch nie besonders erfolgreich war).

d8-a-2) Zudem erlaubt sie dabei auch noch die Chance, selbst etwas dabei zu lernen, insofern man Nicht-Aufgehobenes findet

d8-a-3) und diese Einstellung macht auch überhaupt nur das Ganze zu einem Dialog, an dem beide gleichberechtigt teilnehmen, statt an einem Monolog, einer Einweg-Kommunikation, an der der Anderen naturgemäss von sich aus eher kein eigenes Interesse haben kann.

für den Kritisierten

d8-b) Fuer die jeweils anderen Dialogpartner, die angeblich oder tatsächlich "unten" (auf einem angeblich schon überwundenen Standpunkt (Alchemie, Magie, nicht-christliche Religionen, Religion überhaupt, aber auch frühere Philosophien usw.) sind, bedeutet dies umgekehrt die Chance, in dieser Auseiandersetzung ihre jeweiliges "Framework" selbst neu zu begreifen, es sich selbst neu anzueignen, und in dieser schöpferischen Aneignung es weiter umzubilden in Richtung auf Vervollkommenung, Wahrheit (diese bestehenden, angeblich "abgelegten" Formen des Geistes brauchen also nicht statisch, tot zu sein, sondern können ihre Lebendigkeit darin zeigen, dass sie sich selbst weiterentwickeln).

Die Verständigung auf das jeweils begriffene Telos, Ziel einer solchen Entwicklung Bedarf aber einer Position über diesen, dies leistet dann die Philosophie, bzw. sollte sie leisten, wenn sie auf der Höhe ihrer Zeit ist).

siehe auch