Zum Verhältnis Michelet, Rosenkranz, Erdmann

Aus Kais Hegelwerkstatt
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Einschätzung

Im Moment sehe ich die 3 etwa wie das 3 Stufenmodell der Dialektik (Enzyklopaedie p. 79-82):

Michelet

(a) Michelet ist der Verständige (kommt vermutlich vom juristischen und auch von seinem Calvinistischen Hintergrund her), aber etwas Beschränkte (kann seine Grenzen nicht überschreiten, hinterfragt nur ungenügend seine eigenen Grundannahmen, kann sich nicht gut in andere Hineinversetzen, die nicht in sein Schema passen, kann daher nur mit Leuten gut in Dialog treten, die etwa auf seiner Linie sind), er ist dogmatisch, Vertreter der dogmatischen Aufklaerung (mit Kampf gegen den Rueckschritt wie er ihn sieht - "écrasser l'infame"). Als solcher folgt er am nächsten Hegel (dogmatisch), aber aufklärerisch-progressiv-naiv, primär an Politik interessiert und in dieser Form auch Hegel erweiternd.

Seine Erweiterungen sind

  • oft einfache Erweiterungen Hegels (Etwa im zwischenstaatlichen Bereich oder zur Moral), die man leicht übernehmen kann,
  • teilweise dogmatisch-beschränkte Korrekturen (Zweischritte zu Dreischritten machen, Doppeltes entfernen)
  • teilweise etwas naiv-utopisch,

oft mangelt es ihm an der "Inspiriertheit", der eigentlichen Philosophie. Er ist eher ein fleissiger und verständlicher, um Klarheit der Darstellung bemühter Systematiker, als ein orgineller Kopf oder philosophischer, grundsätzlicher Denker.

Sein System macht zusammen mehr als 10 Bände aus und deckt fast die ganze Hegelsche Systematik ab, er ist darin von allen Hegelianern am vollständigsten: 1 Bd Logik, 1 Bd Naturphilosophie, 1 eigenes Werk zum subjektiven Geist, ein 2bändiges Werk zum Objektiven Geist, ein Spezialband zur Moral, 2 Bände (Bd. 4-5 seines Systems) zur Geschichte (sowie ein weiteres 2bändiges Werk zur "Geschichte der letzten 50 Jahre" -von ihm aus gesehen natürlich), 1/3 Band (der letzte Teil seines 3.Bandes seines Systems) zum absoluten Geist, aber 2 Bände zur "Geschichte der neueren Philosophie" (ab Kant). Es fehlen auffälligerweise eigene Arbeiten zur Kunst (einem Schwerpunkt von Rosenkranz), zur Religion liegen nur zwei eher "rationalistische" Aufsätze, keine systematischen Werke vor, und in der Philosophiegeschichte wird die Zeit vor Kant - mit Ausnahme von Aristoteles - von ihm kaum bearbeitet.

Seine Anwendungen der hegelschen Dialektik wirken teilweise etwas mechanisch/formell und zugleich etwas dogmatisch (in der Dialektik, sollte doch jede Position auch durch ihre Bestreitung/Selbstkritik hindurch gegangen sein? Das fehlt teilweise insbesondere in der Realphilosophie). So ähnelt seine Herangehensweise hier insofern derjenigen, die z.B. auf Hegel-System.de benutzt wird.

von Michelet übernehmen / lernen

Kandidaten zur Übernahme sind besonders Michelets vielen systematischen Erweiterungen (die oft bei Rosenkranz und Erdmann, schon mangels Beschäftigung mit dem Gebiet oder um Michelet nicht zu wiederholen, oft nicht enthalten sind).

Symphatisch, anregend und modern ist auch sein betont fortschrittlicher, aufklaererischer und nicht-mystizistischer Ansatz, hier ist Michelet inhaltlich (von den Ergebnissen her, nicht von der Vorgehensweise) der modernste der drei, z.B. hat Michelt am wenigsten Probleme mit der Demokratie und z.B mit einem Kanzler/Präsidenten statt eines Monarchens. Hervorzuheben ist auch seine Sympathie und Beschäftigung mit der Arbeiterbewegung und Sozialismus einerseits, den Demokratie- und Selbstorganisationstendenzen seiner Zeit andererseits. Es gibt bei Michelet, gerade in seiner Rechtsphilosophie eine Reihe von Punkten, an denen heutige politische Richtungen (von den Neoliberalen / FDP und Demokraten bis SPD, PDS, zu den Grünen und anarcho-Marxisten) anknüpfen könnten, das wird bei einer Aktualisierung von Hegels Rechtsphilosophie helfen (die Rolle des Staates kommt bei ihm aber zu kurz, das wird etwa hiesige Konservative/Rechte wie auch Staatssozialisten stören/als einseitig auslegen; umgekehrt werden Linke seine Befürwortung des Wirtschaftliberalismus kritisieren).

Zudem wird seine angemessene Berücksichtigung (und das gilt auch für eine *angemesene* Aufhebung) eine gutes Gegenmittel gegen eine einseitig reaktionäre Auslegung von Hegels Philosophie sein, eine Gefahr die leider in Vergangenheit und auch Gegenwart allzu real war/ist.

Allerdings müsste seine aufklärerisch-fortschrittlicher Ansatz auch mit ihren Gegenkritiken vermittelt (wie sie teilweise in der Romantik - etwa bei Baader - oder auch im Marxismus formuliert werden), selbstkritisch reflektiert und aufgehoben werden. So würden sie auch weniger naiv erscheinen (und zudem ist auch dieser anti-aufklärerischer, modernitätskritischer Überlieferungsstrang heute ebenfalls en vogue). Bei Erdmann geschieht dies, aber möglicherweise auf Kosten der vollen Aufhebung (i.S. von Berücksichtigung, Aufbewahrung) der Fortschrittlichkeit (siehe dazu Erdmanns Vorlesung zum Staat).

Leider hat Michelet auch umgekehrt kaum etwas von Rosenkranz und Erdmann übernommen und nicht einmal mit ihnen zusammen arbeiten können, er kritisiert sie eher und hat sie im Verdacht, dem herkömlichen Religionsverständnis zu grosse Zugeständnisse zu machen (während eine gewise Achtung, Sympathie und Zusammenarbeit zwischen Rosenkranz und Erdmann zu finden ist).

Sehr gut ist Michelets Erklärung des Anfangs der Hegelschen Logik. Dieser Text ist wahrscheinlich der beste Kommentar, den es dazu gibt.

Rosenkranz

(b) Rosenkranz ist zwar auch gelehrter Jurist, aber stark von der Romantik beeinflusst (Mittelalterdarstellung von Leo, generell Entdeckung des Mittelalters damals, siehe seine ersten Werke zur Poesie des Mittelalters und seine Bemerkungen in seiner Dogmen- und Kirchengeschichte dazu), Schleiermacher (der sehr viel besser ist als sein üblicher Ruf unter Hegelianern) und kam erst von daher zu Hegel. Er sagt selbst, dass zwei Seelen in seiner Brust wohnten, die des Philosophen und die des Künstlers. Seine Texte haben selbst etwas künstlerisches, ein kurzweiliger Lesegenuss.

Sie behandeln eine Vielfalt an Themen (den ganzen absoluten Geist: sehr viel zur Kunst (vor allem der "romantischen Künste", hier speziel Malerei und Poesie im weitesten Sinne), in der Anfangszeits einiges sehr gutes und systematisches zur Religion, einiges zur Philosophiegeschichte (Diderot - bei dem er bezeichnenderweise eine Seelenverwandschaft zu sich sieht, Goethe, sehr viel Kant, als einziger der 3 nimmt er zumindest Notiz von Marx u.a.m.), zur Geschichte, zur Naturphilosophie, Logik. Auch politisch war er kurz in der 1848er Zeit tätig, hat aber bezeichnenderweise keine eigene Rechtsphilosophie geschrieben.

In seinem System von 1850 gibt er immerhin einen Überblick über alle Themen, incl. der Rechtsphilosophie. Sein System - wie schon vorab seine Logik- ist dabei von allen 3 hier genannten Hegelianern am weitesten von Hegels Orginalsystem entfernt, enthält die meisten Änderungen.

Er lehrt auf dem Kantlehrstuhl in Königsberg, daher seine starke Beschäftigung mit Kant. Mit seinen Professorkolegen, auch von entfernten Fachgebieten, ist er im steten Austausch und bekommt auch von daher viele Anregungen. Er vertieft sich in eine Unzahl von Einzelthemen, hat eine Unmenge von Aufsätzen, Büchern etc. geschrieben (auch seine zahlreichen Studien, 7-10 Bänder mit jeweils 5-10 Aufsätzen, zu allen möglichen Themen zeugen davon).

Dies alles gibt ihm einen grossen Überblick, der aus einer weiten Kenntnis der Welt gespeist ist, so dass ihm viele Beispiele, auch aus weit entfernten Gebieten, zur Verfügung stehen. Rosenkranz lohnt vor allem, wenn man auf der Suche nach Beispielen für die abstrakten logischen Kategorien ist. Hier liegt seine wahre Stärke.

Gegenüber Hegel hat er gewise Freiheiten dadurch, dass er die Hegelbiographie geschrieben hat und sich daher als erster in der Hegelschule auch mit Hegels eigener Entwicklung beschäftigt hat, er kennt (und veröffentlicht teilweise, etwa die Propädeutik) die hegelschen Manuskripte der Jugendzeit, Jenas und Nürnbergs, als das System noch im Entstehen und im Umbau war. Daher fühlt auch er sich als Hegelianer eher dem hegelschen kreativen Geist als dem Wortlaut des Systems verpflichtet (auch das ein Grund für seinen Mut zu umfassenden Änderungen am hegelschen System, selbst in der Logik). Erdmann schreibt, dass keiner der Hegelschule (im 19.Jahrhundert) ähnlich umfassende Kenntnis von allem, was Hegel jemals geschrieben habe, hätte, als Rosenkranz.

Erdmann

(c) Ist Michelet eher dogmatisch und systematisch streng, Rosenkranz sehr in die Breite / Tiefe des Materials ausschweifend und deutlich freier im Umgang mit Hegel, so ist Erdmann hier insofern die Synthese, als er die strenge Systematik und die Klarheit des Ausdrucks von Michelet sogar noch übertrifft, aber gleichzeitig noch souveräner über dem System / Material steht als Rosenkranz, da er durch seine philosophiehistorischen Forschungen einen umfassenden Überblick hat.

[Erdmann hat tatsächlich alle Werke der nennenswerten Philosophen der Philosophiegeschichte zumindest von Descartes bis zu seiner Zeit, zumindest sofern diese in Deutsch, Englisch, Franzoesisch oder Latein verfuegbar waren, im Orginal gelesen und verarbeitet, eine Leistung die meines Wissens niemand vor oder nach ihm geschafft hat!) . Als solcher kennt und durchdenkt er tatsächlich die ganze (offiziell wahrgenommene) Philosophie seiner Zeit, aber auch Leibniz (den er mit wieder entdeckt und dessen philosophischen Werke er veröffentlicht) und (später) die Philosophie des Mittelalters (wo er u.a. Lullus, Abelard und Cusanus für seine Zeit entdeckt hat. Hegel kannte alle drei, soweit aus Hegels Bibliothek und Hegels Vorlesungen ableitbar, nur vom Hoerensagen oder - im Falle von Cusanus- garnicht).]

Er kann sich von daher (das ist sowohl Voraussetzung wie Resultat dieser Studien) auch sehr gut in andere Denkweisen hineinversetzen, gut in Dialog treten. Wie Rosenkranz gelingt es ihm auch sehr gut, die Besonderheiten/Eigenarten seiner Gegenstände angemessen zu berücksichtigen, was bei Michelet manchmal zu kurz kommt. Zudem ist er sich sehr gut bewusst, was das, was er jeweils behandelt (auch seine eignen Positionen), für Voraussetzungen und Folgen (und Probleme) hat, sein Problembewusstsein ist sehr hoch, genügt leicht auch heutigen Ansprüchen (hier ist er dem ganzen nachhegelschen Philosophietreiben zumindestens des 19. Jahrhunderts haushoch überlegen).

Seine Forschungsschwerpunkte, Logik, Subjektiver Geist und Philosophiegeschichte ergänzen sich aufs glücklichste, zudem hat er aufgrund seiner früheren Tätigkeit als Pfarrer und Richter in Dobrat, seiner Freundschaft mit dem französischen Staatsmann Thiers, seinen vielen Reisen in ganz Europa etc, auch große lebenspraktische Erfahrungen (Allerdings, im Gegensatz zu Rosenkranz und Hegel, ohne Kinder, aber immerhin verheiratet. Hatte Michelet Kinder?).

Leider hat er nicht zum ganzen hegelschen System geschrieben (es fehlen vor allem Naturphilosophie und Kunst, zur Religionsphilosophie und zur Geschichte liegen auch keine systematischen Werke vor), allerdings hat er in Halle zu fast allem gelehrt, es ist sehr schade, dass sich bisher anscheinend niemand damit befasst hat, ob es nicht noch Mitschriften seiner Vorlesungen gibt. (In seinen Vorlesungen zum akademischen Studium ist immerhin am Ende ein kleiner Grundriss seines Ganzen Systems enthalten).

Interessanterweise veröffentlichte Erdmann als erster Autor von den Dreien etwa zur Logik (aber als Letzter zum Subjektiven Geist, beide seiner Bücher erschienen etwa gleichzeitig, das Buch zum Subjektiven Geist etwas früher) und ist doch darin der Beste, die anderen heben seine Einsichten NICHT auf. Und er ist von den Dreien wahrscheinlich auch derjenige, der am nächsten an Hegel dran ist, i.S. von am ehesten den Geist Hegels reproduziert, auch und gerade wenn er nicht so nah den Hegeltext einfach nur reproduziert wie etwa Michelet. (Bezeichnend, sympathisch und nachahmenswert finde ich hier seinen Spruch in der Mitte des 1.Vorwort zu seiner Logik, in dem er schreibt, dass er zwar nicht überall die hegelsche Logik reproduziert, diese vielleicht nicht vollständig verstanden habe, aber man ihm zugute halten solle, dass es ihm bei dem Werk, als Grundlage seiner Vorlesungen, darum ging etwas zu schreiben, was ER genau verstanden habe).

Fazit

Alle 3 haben einen eigenen Blickwinkel auf Hegel, und jeder hat etwas, was bei den anderen NICHT aufgehoben ist. So ergänzen sich alle 3

in Bezug auf die Logik

Ich halte den Text von Erdmann in der Tat für die beste (klarste, übersichtlichste) Logik der Hegelschule (Glockner und m.E. Rosenkranz haben ähnlich geurteilt). Die Ausführungen von Erdmann in seinem später geschrieben Übersichtsartikel zu Hegel (in Erdmanns Philosophiegeschichte) über Hegels Logik ergänzen sich nahtlos als übergeordnete (meta) Kommentare/Beobachtungen zur Struktur, Vergleich mit Hegel, Entwicklungslinien.

Die Ausführungen von Rosenkranz zur Logik sind hilfreich als Steinbruch mit vielen glänzenden, gut zu lesenden Darstellungen voller Beispiele udn ergänzen so hilfreich die Ausführungen von Erdmann und Michelet. Allerdings fehlt es ihm an der Klarheit der Begriffe von Beiden und die Architektur/Gliederug der rosenkranzschen Logik, die sich eher an früheren Gliederungen Hegels aus seiner früheren Zeit orientiert, weicht z.T. stark von der des reifen klassischen Hegels - und damit auch von der Michelets und Erdmanns - ab). Eine zusätzliche philosophiegeschichtliche Hilfe bekommen Rosenkranz Ausführungen dadurch, dass er das Werk von Karl v. Prantl zur Geschichte der Logik berücksichtigen kann, das sehr ausführlich die Geschichte der Logik von der Antike bis zu Occam (anhand von kommentierten Orginalquellen, von denen viele vorher nie gedruckt vorlagen) darstellt (Geschichte der Logik im Abendlande, Bd. 1 - 4, 1855 - 1890).

Michelet ist nicht immer kompatibel mit Rosenkranz und Erdmann, er kritisiert auch beide öfters. Seine Ausführungen sind auch klar und systematisch wie Erdmann und ausführlicher als Erdmanns Logik, aber es fehlt ihm die Freiheit / Souveränität / Überblick im Stoff, die Dichte und Kohärenz des Vortrages und die präzise Terminologie (bei gutem Problembewusstsein was da passiert), die alle Erdmanns Darstellungen auszeichnen. Das erstaunt, wenn man bedenkt, dass Erdmanns Darstellung die erste war und Michelet in beiden Auflagen (auf Michelets Kritik der 1.Auflage antwortet Erdmann im 2.Vorwort, Michelet bezieht sich dann wiederum auf dieses 2.Vorwort in seiner Logik, allerdings da nur auf das Vorwort) vorlag. Manches (insbesondere der Abschnitt "Reines Sein" vom Anfang der Logik) ist aber immerhin bei Michelet besser.

Ich denke, man müsste versuchen, zunächst den Strang Erdmann-Rosenkranz (Erdmann und Rosenkranz sind dabei 2 sich ergänzende Seiten: Erdmann die Grundlagen, Rosenkranz die Anschauungsbeispiele / Material dazu) zu verfolgen und das Ergebnis dann mit Michelets Darstellung vergleichen, ob/wo es da aufzuhebende Fortschritte gibt.

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