Wie ist Hegels Lehre von der Erbsuende zu verstehen

Aus Kais Hegelwerkstatt
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Hegelzitat

An einer Stelle der hegelschen Rechtsphilosophie heisst es:

Zusatz. Die christliche Lehre, dass der Mensch von Natur aus böse sei, steht höher wie die andere, die ihn für gut hält; ihrer philosophischen Auslegung zufolge ist sie also zu fassen. Als Geist ist der Mensch ein freies Wesen, das die Stellung hat, sich nicht durch Naturimpulse bestimmen zu lassen. Der Mensch, als im unmittelbaren und ungebildeten Zustande, ist daher in einer Lage, in der er nicht sein soll und von der er sich befreien muss. Die Lehre von der Erbsünde, ohne welche das Christentum nicht die Religion der Freiheit wäre, hat diese Bedeutung.

Kommentar eines Hegelkritikers dazu:

Hier kommt es imho dick. Hegel identifiziert das Christentum nicht nur als in seinem Koordinatensystem höchststehende Religion der Freiheit, sondern er definiert auch die nicht unumstrittene Erbsünde-Lehre mit ihrer Leib- und Triebfeindlichkeit als den Kern des Christentums.

Kommentar Kai

zur Religion und Christentum im allgemeinen siehe Gott_zu_erkennen_durch_die_Vernunft_ist_die_höchste_Aufgabe_der_Wissenschaft. Dort finden sich auch Hinweise zu weiterführender Literatur.

Es sollte ansonsten wenig hermeneutische Fähigkeiten bedürfen um zu sehen, dass Hegel ganz im Gegenteil hier die Lehre der Erbsünde gegenüber der von dir kritisierten Tadition umdeutet, gemäss dem oben entwickletem. Dennoch ist auch das nicht einfach der von Hegel bestimmte "Kern des Christentums".

Für dich vielleicht wichtiger, du hast hier eigentlich den Witz an Hegels Umdeutung ganz übersehen, der in diesem Zitat - das ja nur ein Verweis auf anderswo (in der Religionsphilosophie, in der Lehre vom Subjektiven Geist und in der Logik) geführte Argumentationen ist - zugegebenermassen nicht herausgearbeitet ist:

Es ist gerade ein Wesensmerkmal von Hegels Philosophie, dass sie Dualismen, auflöst. Also z.b. statt Gut/Böse, eine Entwicklungstrilogie von an sich gut - notwendig böse/unvollkommen - gut (welches auch das Gute am Bösen einschliesst).

D.h. z.B. dass bei Hegel gerade keine theologische Obsession mit dem Bösen (es färbt ja bei aller negativen Fixierung auf einen Feind immer etwas ab) hat, sondern ein Optimismus, in dem das Böse als immer schon prinzipiel überwunden gewusst ist.

Das ist auch eine Art, wie man die Bibel und auch das Schicksal des jüdischen Volkes positiv lesen kann: was immer schlimmes passiert, am ende wird das böse besiegt: Noah, Ägyptisches Exil und Exodus, Babylonisches Exil und Rückkehr, Jonas, Hiob - letzteres übrigens Hegels Lieblingsbuch in der Bibel. Ebenso im neuen Testament: auf die Kreuzigung folgt die Auferstehung (auch als Symbol das der Geist, das Gute schliesslich "siegt" - alles ab Auferstehung passiert nur im Geist -und nur für den Geist- der Gemeinde), sodann Saulus/Paulus, die Märthyrer, die Apokalypse usw).

Über die angeblichen Körperfeindlichkeit

Fuer die Körperfeindlichkeit etc heisst das z.B.: der Einheit mit dem Körper wird von Hegel nicht einfach eine Verleugnung des Körpers gegenüber gesetzt, sondern als Ideal wird die Umbildung des Körpers (Harmonische Einheit von Geist und Körper, Freiheit des Geistes im Koerper) gesehen (siehe Fortgang von Hegels Anthropologie im 1. Teil des Subjektiven Geistes).

Über den angeblichen Vorzug von Natuervölkern

Man kann das auch anders sehen: Naturvölker in ihrer Triebhaftigkeit haben keine Völkermorde begangen und die Ökologie der Welt nicht in Gefahr gebracht. (HL)

Kai: Soweit ich sehe, ist das völlig unerheblich, spielt in diesem Zusammenhang gar keine Rolle und hat nichts mit der Argumentation zu tun. Du verwechselst Hegels Argumentation mit einer Zuschreibung von Plus- und Minuspunkten, auch hier gibt es, wie bei der Wahrheit, jenseits der Argumente nichts was behauptet wird, auch dies ist also nur entsprechend der Argumente behauptet, stattdessen mit irgendetwas ganz anderem zukommen ist unphilosophisch (und entspricht nicht den in den letzten 200 Jahren erarbeiteten Kritierien für den wissenschaftlichen Umgang mit Quelltexten )

Nebenbei: woher weisst du denn, das Naturvölker keine Völkermorder begangen haben? Warst du denn imemr dabei vom Anfang der Menscheit bis heute? Den Neandertaler haben sie doch erfolgreich ausgerottet und in Afrika gab es neulichs einen Völkermord mit nahezu 1 Millionen Toten, von sehr wenig triebunterdrueckten, sehr-gut-drauf-seienden Afrikanern (allerdings mit modernen Waffen, also wirst du argumentieren dass diese wohl kaum Naturvölker mehr sind. Du könntest das sogar ein axiomatisch behaupten: wenn Naturvölker keine Menschen töten, oder zumindest keine Völeker mordern, dann sind alle, die es doch tun, eben keine Naturvölker mehr).

Jedenfalls, ganz unabhängig ob meine ad hoc Gegenbeispiele denn selbst stimmen (es kommt auf sie nicht an, ich kann mich da getäuscht haben), zeigst du in deiner Argumentation eine ganz unmodernen naiven Glauben in Naturvölker, der zu der Zeit der Aufklärung ("guter Wilder") zwar en vogue war, aber heutzutage wohl kaum dem stand der Forschung entspricht (dies ist übrigens inhaltlich nicht hegelianisch argumentiert, sondern ich versuche dir nur zu zeigen, dass deine Argumentation an deinen eigenen Maßstäben gemessen nicht genügend ihrer Grenzen bewusst ist, was allerdings methodisch dann widerum doch ein hegelianisches Vorgehen ist)

Könnte es da nicht sein, dass du da, wo es um deine eigenen Masstäbe geht, ein eher noch weniger gut begruendete Weltsicht hast als du sie Hegel unterstellst?

(änhliches liesse sich zur Ökologie-Argument sagen)

Liebe als Kern des Glaubens

Weiters gibt es vermutlich eine Mehrzahl Christen, die die Liebe als Kern ihres Glaubens sehen und nicht die Erbsünde. (HL)

Kai: und was soll das nun philosophisch bedeuten? Übrigens befasst sich Hegel selbstverständlich ausführlich mit der Liebe als wichtigem Element (und meientwegen fuer viele auch als das wichtigste) Element des christlichen Glaubens (auch hier wäre übrigens zu fragen, was du fuer einen Maßstab für "christlichen Glauben" anlegst, inwiefern deiner besser begründet sein soll als der Hegels)