Mit welchen Hegeltexten beginnen

Aus Kais Hegelwerkstatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Nach oben

Frage

Mit welchen Hegeltexten soll ich beginnen?

Vorab

Vorab eine Warnung: falls du aus vorheriger Lektüre (Popper, Russell, Marxisten o.ä.) schon erhebliche Vorurteile zu Hegel mitbringst, würde ich vorab diesen Text Gegen die gängigen Hegelvorurteile empfehlen, da sonst ein Verständnis des Orginaltextes unnötig erschwert wird.

Ansonsten können wir gleich weitermachen:

Antwort

Engels hat ja einmal in einem Brief geschrieben, er würde empfehlen, die Logik parallel mit der Geschichte der Philosophie zu lesen, und dabei "zur Erholung" die Vorlesungen zur Ästhetik:

Die kurze Logik in der "Encykl[opädie]" ist ein guter Anfang. 
[...]
Da jede Kategorie bei Hegel eine Stufe in der Geschichte der
Philosophie vertritt (wie er auch meistens angibt), werden Sie
gut tun, die "Vorlesungen über [die] Gesch[ichte] der 
Phil[osophie]" - eins der genialsten Werke - zu vergleichen.
Zur Erholung kann ich Ihnen die "Ästhetik" empfehlen. 
Wenn Sie sich da etwas hineingearbeitet haben, werden Sie erstaunen.
(F.Engels an C.Schmidt 1891, MEW Bd. 38, S.203-204)  

Bei deinen Interessen wäre das vielleicht gar keine schlechte Vorgehensweise? Generell kann man sagen, dass die Vorlesungen leichter zu lesen sind, ich persönlich bevorzuge die Enzyklopädie als Einstieg ins System. Auf gar keinen Fall sollte man mit der 'Phänomenologie des Geistes anfangen'!

Enzyklopädie

Die Enzyklopädie in der 3. Auflage von 1830, insbesondere Band 1 (die "kleine Logik") und Band 3 (zur Philosophie des Geistes). Für einen Naturwissenschaftler und an Naturphilosophie Interessierten könnten es aber evtl. auch zusätzlich zumindest der 1. und 3., letzte Teil von Band 2 (zur Naturphilosophie) sein.

Die Enzyklopädie ist für jeden an Hegel Interessierten ein absolutes Muss:

als Einstieg in die Logik

Zum Ersten bekommst man hier eine sehr gut lesbare Minimaleinführung in die hegelsche Logik. Die Kenntnis der hegelschen Logik in einer nicht-völlig-banalisierten Form ist die vielleicht wichtigste Voraussetzung für das Hegel Verständnis.

Für den Einstieg in die Logik ist die Logik im 1.Band der Enzyklopädie ("kleine Logik") sogar besser als die "Wissenschaft der Logik" ("Grosse Logik"), da sie

  • a) aus einem Guss ist. Gerade die Wesenslogik hat Hegel sein ganzes Leben über verändert. Da er aber nur die Enzyklopädie angepasst hat, dagegen an der "großen" Logik nur dazu gekommen ist, den ersten Teil (Lehre vom Sein) umzuändern, passt dort der 1.Teil auch nicht perfekt zum 2.Teil (und der 2. und 3.Teil sind auf diese Weise "veraltet", stammen noch aus der Nürnberger Zeit).
  • b) Außerdem ist es für eine Einführung angenehm, dass Hegel sich in seiner "kleinen Logik" kurz hält, darüber hinaus sind die Zusätze, die ja oft aus Mitschriften der Vorlesungen stammen, oft besser geeignet eine Vorstellung davon zu bekommen, was Hegel meint (Aber siehe dazu auch meine Warnung #zu den 'Zusätzen'). Verschaffe dir zunächst einmal durch eine rasche Lektüre der "kleinen Logik" (und evtl. noch des 3.Bandes und des Anfangs und Endes der Naturphilosophie) einen guten Überblick und dann kannst du durch die Lektüre der "großen Logik" (gemeint ist hier die 2-3 bändige "Wissenschaft der Logik") in die Tiefe steigen.

Wer es gründlich liebt und mehr Zeit mitbringt, kann auch gleich kleine und große Logik parallel lesen. Insbesondere, wer zu der "kleinen Logik" Fragen hat, sollte dazu die Parallelstellen in der "Grossen Logik" (der 2-3 bändigen "Wissenschaft der Logik") zur Erläuterung aufschlagen.

Naturphilosophie und Subjektiver Geist gibt es sonst nicht in von Hegel autorisierter Form

Zum Zweiten sind bestimmte Teile, wie die Naturphilosophie und der "subjektive Geist" sonst zumindest in preiswerten Ausgaben insbesondere der Suhrkampausgabe nicht erhältlich (in einer von Hegel selbst autorisierten Form sonst sowieso nicht)

Überblick über die Architektur des gesamten Systems

Zum Dritten erhält man nur hier den Überblick über die Architektur des ganzen Systems, die bei Hegel absolut notwendig und daher unumgänglich ist (die meisten falschen Hegelbilder kommen von "verkürzten" Rezeptionen, bei denen nur Teile von Hegels System gelesen werden und so dann nicht richtig verstanden werden). Hier hilft zur Ergänzung auch das Hegelplakat zum System.

Wem der Anfang der Enzyklopädie zu mühsam ist, der kann nach den ersten 18 Paragraphen auch gleich mit Paragraph 78 weitermachen (die dazwischen liegenden Paragraphen wurden erst in der 2. Auflage eingefügt).

Hegels Vorlesungspraxis

Hegels Vorlesungen in Heidelberg und Berlin basierten übrigens immer (mit Ausnahme seiner Rechtsphilosophie) auf seiner Enzyklopädie.

zu den 'Zusätzen'

Wichtig ist es dabei, sich beim Lesen vor Augen zu halten, dass die "Zusätze" im Text (in der Suhrkampausgabe auch leicht erkenntlich an der kleineren Schrift), die meistens das ausmachen, auf das man sich als Laie zuerst wirft (weil vergleichsweise am verständlichsten), nicht von Hegel autorisiert sind, sondern ein Sammelsurium, welches von den Schülern Hegels erst nach dessen Tod (im Zuge der Herausgabe der Werksausgabe) zusammen getragen wurde: aus nicht autorisierten Mitschrift-Schnipseln von Hegels Vorlesungen durch seine Schüler, Notizblättern und Manuskripten von Hegel aus einem Zeitraum von 30 Jahren (in denen sich seine Philosophie stark weiter entwickelte) usw. und im Nachhinein zu einem (im heutigen philologischen Verständnis höchst problematischen) Ganzen zusammen gefügt wurde.

Statt der Zusätze sollten daher besser die Quellen dieser Zusätze, also etwa die einzelnen Vorlesungsmitschriften usw., benutzt werden (das meiste veröffentlicht - zu horrenden Preisen - bei Meiner und fromann-holzboog -sollte aber in der Uni zu kriegen sein-, teilweise aber auch sehr günstig bei Suhrkamp).

Ohne diese Zusätze (oder Vorlesungen) sind die Paragraphen der Enzyklopädie (insbesondere die Kernparagraphen, ohne die "Anmerkungen", die von Hegel selbst in den offiziellen Text zur Erläuterung hinzugefügt wurden) für den Laien erst einmal sehr komplex, brauchen Zeit zur Einarbeitung (für den Teil des Objektiven Geistes/der Rechtsphilosophie führt Adrian Peperzaak - in "Hegels praktische Philosophie", Buchhinweis im oben angegeben Link - sehr überzeugend vor, wie so etwas gemacht wird). Hegel selbst hat es so eingeschätzt, dass seine Enzyklopädie in dieser Form (ohne die ihm naturgemäss unbekannten Zusätze) der Erläuterung durch seinen Vortrag bedarf (darum sind seine Schüler auch überhaupt erst auf die Idee gekommen, die Zusätze in das Werk aufzunehmen).

Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie

Sodann würde ich empfehlen, die Hegelschen Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie zu lesen. Es ist eine der besten (die beste?) Philosophiegeschichten überhaupt. Sie mag unter modernen philologischen Gesichtpunkte Mängel haben, aber es ist die Philosophiegeschichte des besten Philosophieexperten, desjenigen, der vom Gegenstand selbst am meisten versteht. Und nebenbei lernt man dabei eine Menge über Hegel und seine Philosophie, die ja eine Zusammenfassung des Weges der Philosophie selbst sein will, näheres dazu im Vorwort zu den Vorlesungen.

Die Philosophiegeschichte liest sich auch gut parallel zur grossen oder kleinen Logik.

Hier eine Stimme aus der deutschen Hegel-Mailingliste Hegel-Ger zu den Vorlesungen:

-x-snip--
... also werd ich mal zum Besten geben, daß ich grad 
Hegels "Geschichte der Philosophie" mit großem Genuß lese. 
[...] 
- Einleitung, Griechenland-, Plato-Kapitel GANZ HERVORRAGEND. 
Ebenso Einführung in die mittelalterliche Philosophie, Jacobi etc..
Und an dieser Stelle ist Gelegenheit, Kai Froebs Ratschlag voll zu bestätigen, 
daß Hegels "Geschichte der Philosophie" eine ganz hervorragende Einführung 
insgesamt in seine Philosophie und sein Philosophieren ist für denjenigen, 
dem der Zugang schwer fällt. Einfach, weil es sich über weite Strecken 
ganz leicht liest [...]
Jetzt stellt sich mir natürlich die Frage: 
Warum habe ich dieses Werk, das ich jetzt schon als absolute Pflichtlektüre 
für jeden geistig lebendigen Menschen ansehe, 
nicht schon viel früher entdeckt? 
Warum habe ich nach der (doch recht schwierigen) Lektüre 
der "Phänomenologie" (und der "Philosophie der Geschichte") 
so lange Jahre verstreichen lassen, 
mich wiederholt von Logik und Enzyklopädie abschrecken lassen, 
bevor ich DIESE Entdeckung machte? 
Traute ich denn Hegel gar nicht mehr zu, 
daß er einfach und eingängig schreiben könnte?
Wahrscheinlich ist es schon so, 
daß man sich erst mal mit Hegelianern selbst unterhalten muß 
(z.B. hier auf der Liste), daß man mal einen "Rundumschlag" 
durch Sekundärliteratur zu Hegel gemacht haben muß usw., 
um das ganze Gewicht und die volle Größe, 
"Realität" des Hegel'schen Gedankens auch in und für die heutige Zeit 
würdigen zu können. Gerade oder selbst wenn er so leicht und eingängig 
formuliert daherkommt wie in diesem Werk. Aber ich merke ganz klar, 
daß z.B. das Studium eines V. Hösle ("Hegels System") 
(ganz zu schweigen von anderen Darstellungen) 
ganz und gar nicht die Original-Lektüre ersetzt.
-x-snip--

Die Vorwörter von Hegels Vorlesungen

Schliesslich bietet sich an, auch unabhängig von den beiden vorherigen Werken, die Vorwörter zu Hegels Vorlesungen zu lesen, das waren immerhin die Einführungen, die Hegel selbst seinen Studenten gegeben hat (in der Enzyklopädie sind das die Paragraphen 1-81). Zudem sind das die Orte, in denen Hegel auch zumindest die Missverständnisse und Vorurteile, die ihm schon zu seiner Zeit bekannt waren, versucht auszuräumen.

Weitere Werke

Wenn du die Phänomenologie nicht schon gelesen hättest, hätte ich auch die noch empfohlen, aber ich hätte auch gewarnt davor, bei dieser stehen zu bleiben. Das gleiche gilt für die Geschichtsphilosophie, die eigentlich erst vor dem Hintergrund insbesondere der Enzyklopädie richtig (!) verständlich wird.

Zu den "Vorlesungen zur Geschichtsphilosophie"

Die Vorlesungen zur Geschichtsphilosophie sind durchgängig leicht zu lesen, sind aber (wie alle seine Vorlesungen) nie von Hegel zum Druck freigegeben worden, sondern basieren auf den selben (aus heutiger philologischer Sicht problematischen) Quellen wie die oben besprochenen Zusätze (nur die Einleitung, der philosophisch interessanteste Teil der Geschichtsphilosophie, der sich auch mit Methodenproblemen u.ä. beschäftigt, basiert zumindest auf einem Manuskript von Hegel).

Wichtiger ist aber aus meiner Sicht noch der Einwand, dass du aus Hegels Geschichtsphilosophie zwar eine Reihe von Hegel wichtigen Gedanken kennen lernst, die anderswo dann systematischer abgehandelt werden, (und Stellungnahmen Hegels zu allerlei historischen Ereignissen bis hinein in seine Zeit), aber die tiefere Begründung dessen, was Hegel da vorträgt und wie er vorgeht, finden sich nicht dort, sondern in seiner Logik, der Enzyklopädie, der Philosophie des Geistes allgemein, die in dem Text vorausgesetzt sind (Was ein Missverständnis der Texte bei Fehlen solchen Hintergundwissens stark erleichtert und in der Vergangenheit auch oft tatsächlich gefördert hat - selbst die Geschichtsphilosophie gehört daher zu den oft stark missverstandene Teilen von Hegels System).

Nochmal zur Sekundärliteratur

Aus dieser Einschätzung wird vielleicht auch klarer, warum ein zusätzliches Studium der Sekundärliteratur für das angemessene Verständnis der Texte unabdingbar ist (Wir leben hier in einer priviligierten Zeit. Die bestehenden Hegel Vorurteile kommen auch daher, dass solche Sekundär- und Primärliteratur in der heute vorliegenden Qualität früher nicht vorlagen. Dann sollte man diese aber auch nutzen, um nicht noch einmal hinter das inzwischen erreichte Verständnis von Hegel zurückzufallen).

Nach Unten