Was vernünftig ist, ist wirklich

Aus Kais Hegelwerkstatt
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Frage

Ein zentraler Satz Hegels "Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig." - Führt das in der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaft nicht zu einer Rechtfertigung des Status-Quo nach dem Motto "Die existierende Ordnung (Staat, Gesellschaft) ist gut und vernünftig, so wie sie ist"? Wird Hegel damit nicht zum Staatsphilosophen des monarchischen Preußen? Werden so nicht jeder Staat und jede existierende Ordnungen und Herrschaftsverhältnisse idealisieret und zu stabilisiert?

Antwort

Hegel formuliert das in seinen Vorlesungen z.B. auch so "was vernünftig ist, wird wirklich und was wirklich ist, wird vernünftig" oder "Was vernünftig ist muss sein". Es geht hier also um eine Dynamik.

Der Masstab der Vernünftigkeit liegt in dem Denken der Menschen. Das ist ansich jedem Menschen bereits gegeben. Da die Menschen das, was sie wollen, auch umsetzen ("verwirklichen") wollen, wird dieses vernünftige insofern auch wirklich.

Da aber das Erkennen dessen, was vernünftig ist, ein Entwicklungsprozess (individuel und als Menschheit) ist und auch das Umsetzen ein Prozess ist, der seine Zeit braucht, so geschieht dies in der Zeit. Daher ist das Vernünftige noch nicht vollständig verwirklicht (darum die Betonung des Prozesscharachters in den Vorlesungen). Aber auf einer höheren Ebene (mathematisch gesprochen: aus Sicht der "Ableitung") ist diese Vernunft auch bereits in der Welt und zwar in Gestalt der oben beschriebenen Dynamik des menschlichen Geistes selbst (siehe dazu: Wahrheitssuche als unendlicher Prozess).

Die von Menschen geschaffene Welt enthält, als Realisierung ihrer Zwecke, Vernünftiges. Da aber sowohl das Verständnis der individuellen Zwecke, wie auch der Zweckhierarchie, wie auch der Mittel unvollkomen sein kann (und zudem Raum ist für nur "lokal optimierte" Zwecke, etwa Gruppenegoismen, Klasseninteressen usw) so zeigt sich gerade an diesem Masstab auch umgekehrt das mögliche ungenügen der bisher realisierten Zwecke. Welche Anteile der von den Menschen geschaffenen Wirklichkeit Rationelles enthalten, welches Bestand hat, und welche Teile sich als ungenügend herausstellen werden, zeigt die inhaltliche Analyse (die selbst ebenfalls mit der Zeit fortschreitet).

(vergleiche dazu auch: http://hegel.net/en/spirit.htm ).

Hegel gibt übrigens in der Vorrede zur 2.Auflage seiner Enzyklopädie ausdrücklich an, dass er "Wirklichkeit" und "Vernünftigkeit" in der Bedeutung als Fachtermini, wie er sie in seiner Logik erklärt, benutzt und räumt selbst mit den möglichen Missvertsständnissen dazu auf (man bräuchte Hegel also nur einfach mal lesen, statt immer nur die ollen Kamellen von falsch verstandenen Zitatenschnipseln zu reproduzieren ;-)).

Hegel fiele es daher auch nie ein zu sagen, dass die bestehende "Ordnung (Staat, Gesellschaft) gut und vernünftig, so wie sie ist" sei, in dem Sinne dass sie nicht auch Mangelhaftes enthielte (ganz im Gegenteil erwaehnt er das des öfteren explizit).

Hegel war auch nie der Staatsphilosoph Preussens. Im Gegenteil wurde er vom preussischen Hof stets mit sehr grossem Misstrauen oder gar mit offener Feindschaft betrachtet. Auch die Mehrheit des preussischen Kabinettes lehnte Hegel ab. Hegels Unterstützung in der preusssichen Regierung war fast nur der preussische Bildungsminister Altenstein, der als letzter der ehemaligen Reformer des Kreises um Stein, Hardenberg usw. übrig geblieben war.

Siehe auch