Wahrheitssuche als unendlicher Prozess

Aus Kais Hegelwerkstatt
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These:

Die Suche nach einer besseren Erklärung oder Praxis ist (potentiell) unendlich, indem es keinen vorgegebenen Endpunkt gibt. Alle wissenschaftliche Erklärungen sind (potentiell) revidierbar; alle Praxis-Rechfertigungen genauso. Der einzige Weg, solche (potentiell) unendliche Prozessen nicht einzugehen und "endlich" zu bleiben, ist, mit dem ersten oder einem anderen Gedanken willkürlich stehenzubleiben.

Kommentar: Was ich daraus nachvollziehen kann ist, dass wir natürlich in der Geistesgeschichte eine Höherentwicklung haben. Und natürlich werden dabei im Rückblick die vorherigen Fehler beseitigt und es ist nicht abzusehen, warum dies nicht auch in Zukunft so weitergehen soll.

Wenn wir aber damit das Erreichen der Wahrheit auf die Zukunft projezieren, und damit das Wissen der Gegenwart als Noch-Nicht-Erreichen dieses Wissens bestimmen, so haben wir damit die Wahrheit in die Zukunft gelegt und den Prozess dahin als eine schlechte Unendlichkeit bestimmt (in der wir diese aktuell nie erreichen).

Diese Bestimmung ist aber aus 3 Gründen unvollkommen:

(a) Wahrheit und Irrtumsmöglichkeit

  • (a) zunächst einmal kann der Maßstab fuer die Beurteilung der Wahrheit nicht eine ausgedachte Möglichkeit eines Irrtums sein, sondern muss sich jeweils danach richten, was wir von dem Gegenstand kennen/wissen. Alles andere können wir, weil wir es nicht wissen, auch nicht beachten. Alles was uns hingegen von dem Gegenstand zur Verfügung steht, ist Maßstab für unser jetziges Wissen, es können wir erreichen. Von daher wird das, was wir von den Gegenständen zu einem Zeitpunkt wissen (incl. unser Wissens um etwaiges Nichtwissen) von uns jeweils "auf den Begriff" gebracht und, sofern kein Rest, kein Widerspruch übrig bleibt, ist dieser damit objektiv und damit wahr.

(b) Prozess der Korrektur von konkreten Fehlern

  • (b) Relevant ist eine Kritik (siehe dazu insbes. den Artikel Unwissenheit_und_Skeptizismus) erst dann, wenn diese nicht nur der Möglichkeit nach vorhanden ist, sondern tatsächlich konkrete Gründe zur Kritik vorhanden sind (ein Widerspruch wurde entdeckt, neue Forschungsergebnisse usw.). Dann ist die bisher unter (a) gefundene Wahrheit, im Lichte der neuen konkreten Kritik nur noch eine Teil- (oder gar Unwahrheit) und man muss daran arbeiten, die Wahrheit auf einem neuen Niveau wieder herzustellen.
  • (b2) Aus dieser Perspektive, die die Perspektive der oben angesprochenen Höherentwicklung / Vervollkommenung ist, liegt die Aktualität der Wahrheit in dem Prinzip der Korrektur selbst: sofern dieses wirkt, nehmen wir darin an dem Prozess der Wahrheitsfindung teil, haben so Teil an der Wahrheit.

(c) Gültige Wahrheiten

  • (c) Schliesslich gibt es auch jede Menge Wahrheiten die nicht revidiert werden: im Prinzip sind ja auch in einer Revision Grundteile der vorherigen Wahrheit enthalten, wird diese nur erweitert (Beispiel: Übergang vom Newtonschen zum Einsteinschen Modell, oder von der Euklidischen zur Nicht-Euklidischen Geometrie). Eine Menge Aussagen der Logik, der Mathematik, der Philsophie usw. sind gültig und werden gültig bleiben.
(Die Aussage "Alle wissenschaftliche Erklärungen sind (potentiell) revidierbar" ist ja z.B. als eine solche gemeint. Entweder stellt sie sich als immer gültig heraus, dann ist sie selbst zumindest aktuell nicht revidiert, fällt dann unter (c), oder sie ist nicht immer gültig, es gibt Ausnahmen, dann fallen diese unter (c)).

(d) Qualitative Unendlichkeit als gültige Wahrheit

  • d) Nach (c) wäre meines Erachtens auch das Konzept der qualitativen Unendlichkeit zu verstehen. Einmal da, ist an dem Konzept selbst nichts mehr zu verbessern (Aussage auf Ebene (a)). Was aber auf jeden Fall passieren wird, ist das der Inhalt dessen, was wir unter dem "qualitativen Unendlichen" fassen, sich erweitert, insofern ist es bereits ein dynamischer Begriff und wir haben darin wieder den Berührungspunkt von immer gültiger Wahrheit (dem Konzept als solchen) und von sich ändernder (b) Wahrheit (in seinem, sich ständig erweiterndem, Inhalt). Gerade darin enstpricht es aber (c).

Siehe auch