Vortrag2004 - Geschichte als Fortschritt der Freiheit

Aus Kais Hegelwerkstatt
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Dies ist das Transkript eines Vortrages den ich 2004 im Rahmen eines grösseren Hegelseminars in Berlin gehalten habe, zu Hegels Gechichtsphilosophie als Entwicklung hin zu mehr Freiheit. Inhaltlich sollte das meiste (oder alles) schon hier zu finden sein, wahrscheinlich auch besser formuliert. Aber vielleicht ist ja doch noch etwas enthalten, was bisher hier nicht stand.

Links- und Rechtshegelainer

Der oberste Punkt bei Hegel ist nicht die Ordnung, sondern die Freiheit, also die eingesehene und selbst bestimmte Ordnung. Bei „eingesehen“ ist immer noch dran „du musst es einsehen“. Gesucht wird hier aber eine Gemeinsamkeit über den Inhalt, die ich einsehen kann, die dann eben genau auch meine Ordnung ist. Dass ist im Moment natürlich noch nicht da.

Man kann alles, was es gibt, natürlich positiv als bereits verwirklichte Vorform oder Nukleus zu zukünftigen noch vernünftigen Formen beschreiben, aber man kann alles auch mit genau dem gleichen Recht, wie es die Marxisten typischerweise machen, als noch nicht verwirklichte, noch abwesende zukünftige bessere Rationalität/Vernünftigkeit beschreiben.

Und das ist eigentlich der politische Unterschied zwischen den Rechts- und den Linkshegelianern. Die Rechtshegelianer haben betont: an den Dingen ist rationelles, die Linkshegelianer, inklusive der Marxisten: die höhere Wahrheit ist der geschichtliche Prozess hin zu noch mehr Rationellem (was einschließt, dass derzeit auch nicht Rationelles ist), also ist aktuell auf der Tagesordnung: die Kritik zu finden, für den nächsten Schritt. Sie haben sich nicht wirklich widersprochen, da Hegel natürlich beides gesagt hat. Die Wahrheit, Aufhebung beider wäre also das die Gegenwart, die Aktivität, das aktuelle „Werden“ des geschichtlichen Prozesses ist.


Geschichtsentwicklung als solches

Der Mensch wird sich mit der Zeit einerseits klar über seinen Zweck klar, zum zweiten versucht er diesen zu verwirklichen, vernünftig, rationell.

Da gibt es in der Entwicklungsgeschichte einen Fortschritt, und sei es nur, darin dass du mit der Zeit mehr erkennst und in der Schriftform sammelst du es , so dass du darauf aufbauen kannst. Dadurch wird das Wissen größer, dadurch wird die Beherrschbarkeit der Natur größer, was immer sonst auch passiert, führt das dazu die Produktivkräfte steigen und sie steigen an. Es gibt ein Interesse, das wächst.

Das Potential der Menschen und damit das Potential der Freiheit, wächst.

Aber gleichzeitig ist es so, dass immer das Ganze in konkreten Formen abläuft und bei den Formen, die Menschen miteinander in Gesellschaft eingehen, entwickeln sich immer Eigeninteressen, Klassenverhältnisse, Herrschaftsformen, die auch nicht allgemein Interesse sind, wo sich das Ganze bricht.

So hat jede Klasse für sich unterschiedliche Zwecke, die jeweils verfolgt werden. Also kann es sein, dass sich der Staat darauf reduziert, für den Herrscher da zu sein, und zu anderen Zeiten ein religiöses Ideal zu verfolgen oder was auch immer und das mag sich unterdrückerisch darstellen oder es mag sich so darstellen, dass sich die Leute damit identifizieren.

Die Besonderheit der Freiheit im Kapitalismus/Liberalismus besteht darin, dass du individuell zu nichts gezwungen wirst. Aller Zwang, alle Notwendigkeit im Kapitalismus steckt, wie Brecht sagt, im Flussbett, in den Regeln steckt. Du bist erstmal ein freies Individuum, du bist nicht durch Vorgaben o.ä. zu etwas gezwungen, aber in den Regeln ist schon von vornherein drin, wie du dich verhältst. Wenn du dies nicht in Frage stellst, dann bist du drin und reproduziert dies.

Das eine ist die Weiterentwicklung der Menschheit in der Weiterentwicklung der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse und jetzt hier das selbe, aber in der Besonderheit des Bewusstseins im Kapitalismus, wo du frei bist und dich auf Dinge als gegeben instrumentell einlässt und das Bewusstsein hast, das wäre deine Freiheit. Und die Grenzen die es halt gibt die nimmst du nicht als Naturgegeben, aber auch als nicht in deiner Disposition stehend sie aufzuheben.

Der Fortschritt daran ist: hier ist eine Betätigung von Freiheit, nur sie stößt immer auf Grenzen, der Bürger merkt, in dem was er tut, schadet er sich. Aber es ist darin das Bewusstsein von Freiheit da. Das wird klassischerweise als das „bürgerliche“ bestimmt, aber das ist vorhanden und das gälte es auszunutzen.

Der Menschheitszweck „seinen Willen zu verwirklichen“ passt hier sehr gut zusammen, es ist eigentlich jetzt das „Telos“ von jedem Bürger genau dies zu tun, sein Ziel ist ihm überhaupt nicht vorgeschrieben, jeder ist aufgefordert sich über seine Ziele seine ganz eigenen Gedanken zu machen. Jeder darf sich ganz frei seine Zwecke setzen, sich ganz frei seine eigene Mittel dazu nehmen, aber komischerweise sieht das so aus, dass sie dabei alle genau dasselbe machen und sich auch genau die selben Zwecken setzen.

In Wirklichkeit bestimmt das Flußbrett, ganz klar, wenn sich das Ganze weiterentwickelt, entwickeln sich auch die Leute, die sich darauf ganz frei und selbständig darauf einstellen entsprechend weiter, also das Flussbett bestimmt.

Aber eigentlich ist da ein Widerspruch drin.

Das was ich auch schon an der Vergangenheit dargestellt habe: die Kraft, der rationalen Verfolgung guter Zwecke zu verfolgen, ist auch schon in vergangenen Herrschaftsformen als Keim mit enthalten gewesen. z.B. in der Wissensaneignung, wenn du Forschung betreibst, etwas herausfindest. Oder wenn du Poesie, wenn du Kunst produziert, da gab es das Ganze (das Gute) schon vorher.

Wenn du sagst, Freiheit ist bürgerlich, dann ist die Frage, wie kam das in die Welt schon in einer nicht bürgerlichen Welt.

Man kann darauf antworten: weil eben da die Zeit reif war, es waren schon sehr viele bürgerliche Keime da, als es genug waren, wurde außer Kraft gesetzt, was dem entgegenstand, so ist es „umgeschlagen“, vom Feudalismus zum Kapitalismus.

Aber zum einen gab es die Freiheit im Keim auch schon vorher, zum anderen gibt es die Freiheit erst jetzt in seiner ganzen Entfesselung und so kann sich erst jetzt das Potential aber auch die Widersprüche (im Kapitalismus) richtig „entfalten“.

Wenn auch hier dann das, was der jetzigen erreichten Ansprüchen an „Freiheit“ entgegensteht aufgehoben werden, sehe ich nicht automatisch die Endzeit, das unüberbietbare Reich der Freiheit gekommen. Nach dem Motto: du kannst deine eigenen Beschränkungen nicht sehen, darum schaut keiner über die Beschränkungen seiner Zeit hinaus (sonst wären es ja nicht die Beschränkungen der Zeit):

Sowenig wie die Menschen früher gewusst haben, was an weiteren Stufen in dem Begriff der Freiheit lag, so wissen auch wir nicht, was für Entdeckungen wir da nicht in Zukunft machen werden. Die Beschränkungen die wir sehen, wie erfassen, die können wir vielleicht aufheben. Aber es ist durchaus möglich, dass die Gemeinschaft, die darauf aufbaut, wiederum Beschränkungen hat, die dann ebenfalls wieder zu überwinden sind.

Das ist nicht dasselbe wie „permanente Revolution“ (als leeres, methodisches Prinzip, getrennt vom Inhalt). Aber dass nach der „Revolution“, wenn sie denn eine Gute ist, dass Ende der Geschichte käme, darauf würde Hegel sagen: „Nein, die objektive Welt ist eine endliche, und auch wir haben endliche Bewusstsein, und da ist es wahrscheinlich das wir auf neue Grenzen stoßen, die es dann zu überwinden gilt.“

Aber das braucht uns ja gar nicht zu bekümmern. Das sind nicht die Grenzen, an denen wir derzeit leiden, es sind daher nicht unsere aktuellen Grenzen.

Fortschritt: gemessen an einem Maßstab (dieser wäre das Thema).

Was ist den dieser Maßstab? - Hegelianisch:

Freiheit: nicht ganz abgehobene Freiheit, sondern hat zu tun mit dem „Möglichkeitsraum“, dadurch, das der Mensch seine Mittel entwickelt, aber auch darin, das er sich über seine Zwecke klar wird. Das wäre die hegelianische Antwort.

Die einfache Antwort wäre: es gibt ja bereits eine Anordnung, diejenige in der Zeit, in der Geschichte: wenn ich also in der Geschichte eine frühe Gesellschaft finde, dann ist diese wenig fortschrittlich („unreifer“), und wenn ich eine neuere Gesellschaft finde, dann ist diese entsprechend fortschrittlicher. Aber man muss das auch qualitativ, an einem Maß ausdrücken können. Auch um bestimmen zu können: hier ist auch mal ein Rückschritt.

Wenn man Geschichte denkt als Fortschritt in Form von qualitativ unterschiedlichen „Gesellschaftsformationen“ (Knotenlinien), so muss es sowohl etwas geben, was darin gleich ist, was sich entwickelt, wie auch etwas, was diese unterscheidet, was in den qualitativen Sprüngen untergeht. Bei dem was, sich entwickelt, das wäre der Zweck der Freiheit, das Bewusstsein was das bedeutet und die Mittel dazu und die Realisierung in der Wirklichkeit. Daran gemessen gibt es einen materiellen und geistigen Fortschritt. In der jeweiligen Stufe wird das aber unvollkommen verwirklicht, ich weiß nur unvollkommen was Freiheit bedeutet, meine Mittel sind noch unvollkommen und es setzen sich noch „lokale Zwecke“ durch. Ich organisiere z.B. eine Arbeitsteilung und da steckt dann die Möglichkeit von Herrschaft und Ausbeutung drin, was ein Eigeninteresse, ein Eigenzweck organisiert,. Je nachdem, was da im Einzelnen passiert, hast du Formationen, die dem eigentlichen Allgemeinen Zweck (auch) widersprechen. Diese sind „endlich“ und gehen daher mit der Zeit unter.

Der Begriff der Freiheit, was dieser bedeutet, ist nicht von vornherein einfach schon da, oder nur genauso viel und genauso wenig, wie ein Baum schon in seinem Samenkorn drin ist. Was da ist, ist also der Samen, der Begriff, aus dem sich alles entwickelt. Es ist da als Richtung, aber nicht als Ergebnis die Entwicklung, ist also nicht überflüssig, sondern selbst notwendig.

Freiheit ist das Ziel der Logik, und wir Menschen, stehen zur Logik nicht nur wie die Natur (hat Logik, wir können die Gegenstände/Gesetze der Natur logisch ordnen, aber die Logik geht die Natur nichts an, ist nicht ihr Maßstab, sondern wir beziehen uns auf die Logik, die Logik ist der Maßstab unseres Denkens, nicht nur wenn wir uns den Inhalt unseres Willens klar machen, von daher ist dem menschlichen Denken die Logik der Freiheit, das Gute der Freiheit für uns prinzipiell einsehbarer, kann man aus der Logik erklären.

Man kann es natürlich auch aus dem Inhalt erklären: es gehört zu dem Begriff des Willens, dass er frei ist, er will sich verwirklichen, das schließt ein: Freiheit: er will sich selbst bestimmen und selbst gestalten, verwirklichen, das ist das was er die ganze Zeit tut,.

Und das ist das, was in der Logik und im subjektiven Geist und überhaupt im Aufbau von Hegels System sehr ausführlich erklärt.

Aber was das für den Willen bedeutet, das ist erst einmal nicht so klar, das ist erstmal genauso klar für ihn, wie für uns die Bedeutung von Kategorien der Logik einerseits klar sind, weil wir diese täglich anwenden und andererseits haben wir doch keinen Begriff von diesen, fällt es uns schwer diese ohne Hilfe auf den Begriff zu bringen.

Was das tatsächlich bedeutet (Freiheit), das Bewusstsein davon entwickelt sich mit der Zeit. Der Fortschritt in der Kunst, Religion, Philosophie, Wissenschaft (absoluter Geist): diese Bereiche beschäftigen sich mit dem Ziel, wohin es gehen soll, diese machen nicht in erster Linie einen lokalen Einzelzweck zum Thema, sondern den Gesamtzweck, das, woran sich die lokalen Einzelzwecke orientieren sollen zum Thema. Da geht es halt um Freiheit.

Selbstverständlich hat das zu tun, mit den geschichtlichen Gegebenheiten und soll sich verwirklichen in dem Geschichtlichen, Objektiven und dazu brauchst du auch die entsprechenden Mittel um das zu verwirklichen, einerseits in der Natur, und andererseits überhaupt in der menschlichen Ins„2.Natur“. (Institutionen usw.). Das entwickelt sich. Das ist kompatibel bei Hegel zu Marx, sogar expliziter und dynamischer bei Hegel als bei Marx.

Nicht nur die Verwirklichung der Idee der Freiheit, das Umgestalten von Natur und Menschen entsprechend der Idee der geschichtliche Prozess ist, sondern auch überhaupt das klar werden über das Ziel, was das im einzelnen bedeutet, auch das geschieht in dem geschichtlichen Prozess.

Zwecke und Mittel

Auf der Ebene der Mittel: ich suche mir für meinen Zweck Mittel, und dafür auch wieder mittel (Mittelpyramide, etwa bei Projektplanung, Bedürfnispyramide, Maschine usw.). Dabei auch Mittel um mittel hervorzubringen (Produktivkräfte, Produktivmittelindustrie, Abt.II bei Marx' Kapital).

Auf der Ebene der Ziele, Zwecke: mit den Mitteln entwickeln sich neue Bedürfnisse (auch diese implizieren Maßstäbe, Zwecke). Auf einer höheren Ebene: es entwickelt sich ein besseres Bewusstsein von dem Verhältnis von Mitteln zu den Zwecken (instrumentelles Wissen und strategisches/Planungswissen) und auf der höchsten Ebene (oberste Ableitung): es entwickelt sich ein besseres Verständnis vom obersten Zweck, was Freiheit ist (zumindest diese Dynamik der oberste Ebene fehlt bei Marx).

Natürlich war das Bewusstsein nicht von vornherein auf dem Niveau des hegelschen Systems, auch das hat sich erst mit der Zeit entwickelt. Schon Tiere haben „Zwecke“ (da nennt man es nicht Zwecke, da es kein freies Bewusstsein ist, sie können diese nicht reflektieren, aber es gibt da schon so etwas wie ein „praktisches Bedürfnis“ als Vorform). De Menschen handeln, das unterstellt bei den Menschen Zweck.

Dabei kann man ansehen: der Zweck steht fest, dann geht es darum, die Mittel immer mehr zu vervollkommnen, diese dem Zweck immer gemäßer zu machen: Fortschritt der Mittel (Mittel = Technik im allgemeinsten Sinne, technischer Fortschritt).

Der übergeordnete Fortschritt ist der, das der Zweck selbst sich entwickelt (wie immer sowohl beim Individuum wie auch mit der historischen Menschheit als Ganzes) und sich dazu die geistigen Kapazitäten entwickeln. Es gibt eine Zweckpyramide.

Es entwickeln sich mit der Zeit, mit zunehmender Arbeitsteilung und zunehmenden Erkenntnissen immer mehr Zwecke (vor dem Auto gab es nicht den Zweck, einen Autoführerschein zu machen usw.), auf der anderen Seite kommen einige Bürger (oder auch alle) mit der zeit dazu, mehr Muße zu haben, und haben Gelegenheit sich die Frage zustellen “Was mache ich da eigentlich?“, was ist es was die ganze Pyramide am laufen hält.

Bei einem Teilzweck in der Pyramide, verweist dies auf andere, grundlegender Zwecke, aber was ist das grundlegende, der Grundzweck.

Die Entwicklung des absoluten Geistes handelt davon, sich da Klarheit zu verschaffen, das zu entwickeln. Das schließt nicht aus, das auch lokale Zwecke da betrachtet, geklärt werden.

Am wichtigsten ist aber der Grundzweck, was mache ich da überhaupt. Und diese Betrachtung kommt eben bei Hegel auch noch mal hinzu, sozusagen die höchste Form der „Ableitung“.

Vgl. mit Marx

Dies kommt in dieser Ausführlichkeit bei Marx nicht vor (auch schon rein äußerlich ersichtlich, daran dass Marx zu Kunst, Religion, Philosophie nur wenig und nichts Systematisches geschrieben hat): Marx beschäftigt sich eher mit den endlichen, lokalen Zwecken, die aus der Beschäftigung mit Mitteln ergeben und den Mitteln selbst und deren Dynamik. (Beide Konzeptionen, zumindest in meiner Interpretation, widersprechen sich nicht).

Siehe auch