Von welchen Philosophen ist Hegel beeinflusst?

Aus Kais Hegelwerkstatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Nach Oben

Antike

Bei einer Einordnung Hegels in die Philosophiegeschichte muss unbedingt berücksichtigt werden, dass Hegel in der Antiken Philosophie und auch sonstigen Kultur insbesondere Griechenlands (Vorsokratiker, Platon und Artistiotles, Neuplatoniker) perfekt zu Hause ist (er hat schon mit 4 Jahren Latein gelernt und war so sehr im Griechischen zu Hause, dass er sich - nach Bericht eines Zeitzeugen aus Hegels Nürnberger Zeit- zum höheren Genuss Texte beim Lesen auf Griechich übersetzte. Siehe dazu auch die Hinweise in unserer Hegelbiographie).

Mittelalter und Renaissance

Die Philosophie des Mittelalters und der Renaissance hat Hegel, hier noch in der Rezeptionslinie der Aufklärung stehend, eher nicht beachtet (seine Ausführungen dazu in der Philosophiegeschichtlichen Vorlesung sind auffallend kurz (auch weil Hegel den grössten Teil der Vorlesung bei seinem Lieblingsthema, der griechischen Philosophie verbrachte und dann für den Rest kaum noch Zeit blieb) und in erster Linie Zusammenfassungen von Ausführungen aus den gängigen Kompendien zur Philosophiegeschichte, die Hegel in der Vorbereitung konsultierte.

Aber da die mittelalterliche Philosophie, insofern sie diesen Namen verdient, stark auf eine direkte oder indirekte (über die Kirchenväter und/oder die Auseinandersetzung mit den islamischen Aritotelikern) Rezeption der antiken Philosophie (insbesondere Palto, Aristoteles und - etwa bei (Hegels ihm anscheinend leider unbekannt gebliebenen Vorläufer) Cusanus- der Neuplatoniker) beruht, so ist dies ein geringerer Verlust, als man auf den 1.Blick vermuten könnte.

Descrates, Spinoza, Leibniz

Hegel selbst macht den Einschnitt der neuen Philosophiegeschichte bei Descartes und lässt mit ihm die moderne Philosophie anfangen. Der Teil "Neuere Philosophie" in Hegels Vorlesungen zur Philosophigeschichte fängt zwar mit dem Abschnitt "Bacon und Böhme" an, aber das darauf folgende Kapitel "Descartes", das den 2.Abschnitt des 3.Teils eröffnet, beginnt so:

"René Descartes ist in der Tat der wahrhafte Anfänger der modernen Philosophie, 
insofern sie das Denken zum Prinzip macht. Das Denken für sich ist hier von der 
philosophierenden Theologie verschieden, die es auf die andere Seite stellt; 
es ist ein neuer Boden. Die Wirkung dieses Menschen auf sein Zeitalter und 
die neue Zeit kann nicht ausgebreitet genug vorgestellt werden. 
Er ist so ein Heros, der die Sache wieder einmal ganz von vorne angefangen 
und den Boden der Philosophie erst von neuem konstituiert hat, auf den sie nun 
erst nach dem Verlauf von tausend Jahren zurückgekehrt ist."

Mit Descartes fängt also eine neue Periode der philosophischen Systeme an, die über Spinoza bis Leibniz geht.

Alle 3 System wirken bis in die Hegelzeit weiter (Die Descartianer hauptsächlich in Frankreich, aber da dieses zur Hegelzeit das führende Land in Europa ist, darüber indirekt auch nach Deutschland; Spinozas hat direkten und indirekten Einfluss auf viele deutschen Intelektuelle - Lessing, Goethe - und dieser Einfluss ist Gegenstand der wichtigen, von Jacobi losgetretenen Spinoza-Debatte; Fichte sagt, es gibt nur zwei konsequente Ethiken, die von Spinoza und die von Kant; Leibniz ist in der vorkantischen Philosophiegeschichte in Deutschland - verfärbt durch die Wolfianer - dominierend und noch Schelling und später Herbarth und die Völkerpsychologie sind von Leibniz beeinflusst).

Aufklärung, Empirismus, Skeptizimus

Die (teilweise auf diesen basierenden) Gegenposition bieten die Aufklärung und der englische Empirismus und Skeptizismus.

Kant

Kant entwicklet diesen Skeptizismus weiter, auch in Kritik insbesondere an der - von ihm teilwiese missverstandenen- Leibnizschen Tradition.

Fichte, Schelling

Fichte und Schelling entwickeln Kant weiter und setzen sich dabei, wie oben schon angedeutet, auch mit den früheren Systemen insbes. von Spinoza und Leibniz auseinander.

Aufklärungskritik, Romantik

Demgegenüber wird die (oben weggelassene) Aufklärungskritik in Positionen wie der Hammanns, Jakobis und der aufkommenden Romantik zu Hegels Berliner Zeit dann wirkungsmächtig u.a. in Hegels Gegenspielern in Berlin, Schleiermacher (nicht nur im religiösen Feld) und Savigny (nicht nur im juristischen und politischen Feld).

Hegels Philosophie als Synthese

Hegels Philosophie ist der gelungene Versuch, alle diese Tendenzen in einem System aufzuheben.

Gegen die vereinfachende Philosophiegeschichtsschreibung

Mir geht es mit den obigen Ausführungen vor allem darum, zu zeigen, dass die übliche philosophiegeschichtliche Interpretation Hegels aus der Linie Kant -> Fichte -> Schelling -> Hegel stark verkürzt ist (sie lässt wichtige Figuren wie etwa Jacobi weg, sie berücksichtigt zuwenig, dass die Genannten selbst auf die Philosophie vor Kant zurückgreifen und sie berücksichtigt nicht, dass Hegel gleichberechtigt/gleichzeitig mit den Philosophen der Antike, der Zeit von Descarte bis Mendelsohn und der Zeit von Kant bis Schelling in Dialog steht) und in der heutigen Forschung nicht mehr aufrechterhalten wird (natürlich auch, weil die Kant-, Fichte und Schellingforscher es nicht gerne sehen, wenn ihre "Schützlinge" nur als Vorläufer Hegels rezipiert werden).

Philosophiegeschichtsschreibung der Hegelschule dazu

Zur Philosophiegeschichte von Descartes bis Hegel (und noch etwas danach) sind in der Philosophiegeschichtsschreibung aus der Hegelschule des 19.Jahrhunderts vor allem die Werke von Michelet, Feuerbach (nur von Bacon bis Leibniz und Bayle) und Erdmann (dessen 7bändiges Werk zu dem Thema das Beste und gründlichste ist) hervorgegangen.