Völkerpsychologie

Aus Kais Hegelwerkstatt
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Anlass

Dem Buch von Peter Keiler (aus dem Umfeld der marxistisch orientierten "Kritischen Psychologie") "Feuerbach, Wygotski & Co. - Studien zur Grundlegung einer Psychologie des gesellschaftlichen Menschen" entnehme ich Hinweise auf eine "Völkerpsychologie" als wichtige unbekannte Quelle der russisch-marxistischen Psychologie von Leontjew, Vigotsky etc (Die ihrerseits wichtige Quelle der "kritischen Psychologie" ist).

Konzept

Die Völkerpsychologie, soweit ich sie bisher mit bekommen habe, hat nichts mit rechten Konzepten zu tun, wie man angesichts der heutigen Konotation mit dem Begriff Volk vermuten könnte. Man würde heute eher Sozialpsychologie sagen.

Das Konzept der "Völkerpsychologie" arbeitet mit dem hegelschen Terminus "Objektiver Geist", meint damit aber das, was Hegel unter "Objektiver Geist" UND unter "Absoluter Geist" fasst. Sie beschäftigt sich mit der Verbindung von "Subjektiven Geist" und so verstandenen "Objektiven Geist" in beide Richtungen, wie auch der Rückwirkungen dessen, was Hegel "absoluter Geist" nennt, auf das, was Hegel "objektiver Geist" nennt. Als solches hatte sie Einfluss auf die moderne Kulturtheorie, Sozialtheorie, Sozialpsychologie usw. Da ich mich mit diesen Fragen eh schon länger beschäftige, will ich mir das auch mal ansehen.

Protagonisten

Als Gründer des Konzeptes (um die Mitte des 19.Jahrhunderts) werden Heymann Steinthal und Moritz Lazarus genannt. Sie werden von den Zeitgenossen beide als herausragende Herbart-Schüler gesehen. Naturgemäss vermittelt ihr Konzept, dass im Gegensatz zu Herbart eher auf die Eigengesetzlichkeiten des Geistes eingeht, implizit die Herbartschen Konzepte mit denen von Hegel (So wie Erdmann in seiner Philosophiegechichte der Neuzeit auch schreibt, dass es unter der sehr unterschiedlichen Terminologie und offener Feindschaft der Hegelschule gegenüber - umgedreht deutlich weniger- viele versteckte Ähnlichkeiten zur Hegelschule in den Konzepten der Herbartschule gebe).

In der 2. Generation ist es der Psychologe Wilhelm Wundt [1] (von vielen als der Begründer der modernen Psychologie angesehen), der von 1900 bis 1910 eine 10 bändige "Völkerpsychologie" als "Kulturpsychologie der Völker" schrieb, die zwar auf die Vorarbeiten aufbaut, aber sich deutlich unterscheidet, weil er sich mehr explizit von Herbart absetzt, die Terminologie und Konzepte von Herbart nicht mehr zitiert/übernimmt, eben mit der Begründung der Eigengesetzlichkeit des Geistes. Leibniz ist aber auch für Wundt wichtig. Wundt studierte übrigens zumindest ein Semester unter dem stark hegelianisch beeinflussten Physiologen Johannes Müller in Berlin [2], vielleicht gibt es hier eine Verbindung.

Quellen

Die Völkerpsychologie selbst wird weniger auf Hegel oder Herder zurückgeführt, wie man angesichts der Namens annehmen könnte, sondern vor allem auf Herbart. Herbart wird von Erdmann in seiner Philosophiegeschichte der Neuzeit Schopenhauer gegenüber gestellt. Herbart geht widerum auf Leibniz zurück, der schon eine Art Theorie des Unbewussten (Seelenregungen, die so klein sind, dass sie unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle bleiben) besitzt. Mit Herbart sollte ich mich also ebenfalls beschäftigen (hatte ich für das kommende Sommersemester vorgesehen), vielleicht geht von da (und von der Naturphilosophie des frühen Schelling, die ebenfalls von Leibniz beinflusst ist) auch ein Weg von Hegel nach Leibniz und zurück (dazu ist auch, ohne Erwähnung von Herbart, H.H.Holz interessant).

Wirkung

Wichtige frühe Theoretiker der Soziologie, wie Durkheim und Simmel, haben Völkerpsychologie studiert.

Lazarus war "akademischer Lehrer Simmels" [Köhnke 2003 S. xi, vgl. auch S. xv, xxi, xxii]). In den meisten Simmel-Biographien wird zumindest erwähnt, dass Simmel "Völkerpsychologie" studiert hat.

Eckhardt 1997 erwähnt für Wundts Völkerpsychologie bedeutende Einflüsse u.a. auf die US amerikanischen Soziologen Ch.H. Judd [s.105] und G.H. Mead [S.107-109], auf den Anthropologen Franz Boas [S.109-110] und den Historiker Karl Lamprecht [S.111-112]).

Laucken 1998 schreibt S.88/89: "Wygotski war einer der vielen später berühmt gewordenen jungen Wissenschaftler, die zeitweise bei Wundt in Leipzig studiert und hospitiert haben (andere sind z.B. Bechterew, Boas, Durkheim, Malinowski, G.H. Mead, Sapir, W.I. Thomas, Whorf)."

Weitere Einzelheiten findet man, wenn man nach den oben genannten Personen im Internet sucht, mit "Völkerpsychologie" oder Wundt bzw. Lazarus als zweitem Suchwort.

Vieles, was in heutigen Büchern ihnen zugeschrieben wird, lässt sich auf die Völkerpsychologie zurück führen (wird teilweise bei Köhnke und Eckhardt - und in Bezug auf die marxistische Psychologie bei Keiler - explizit angesprochen). Die Völkerpsychologie ist insofern in der Ideengeschichte ein wichtiges "Missing Link" zwischen dem 19.Jahrhundert (bis hinunter zu Leibniz, Hegel und Herbart) und dem 20.Jahrhundert.

Einschätzung und Ausblick

Die Völkerpsychologie scheint im Moment wiederentdeckt zu werden. Bei Meiner ist 2003 ein Sammelband der grundlegenden Aufsätze von Lazarus (einem der Gründer der Disziplin) erschienen (s.u. Köhnke 2003), herausgegeben und kommentiert von Koehnke, einem der besten Kenner der Ideengeschichte des 19.Jahrhunderts in Deutschland (hat auch ein sehr materialreiches Buch "Aufstieg .. des Neo-Kantianismus" geschrieben, das mir ebenfalls vorliegt. Ich glaube dort bei Koehnke eine gewisse Sympathie fuer den Hegelianismus zwischen den Zeilen lesen zu koennen).

Die Konzepte der Völkerpsychologie und Hegelsche Konzepte passen sehr gut zusammen und ergänzen sich gut. Befruchtend für gegenseitige Interpretation sind vor allem die Ausführungen in den oben genannten Richtungen der Beziehungen von subj., obj. und abs. Geist untereinander (ich gehe davon aus, dass die "Wahrheit" der verschiedenen Dreiteilungen, speziell im Geist, ihr "Prozess" ist, der aber in Hegels Enzyklopädie aus Platzmangel und in den Einzelvorlesungen aus Themenbeschränkung eher angedeutet als ausgeführt wird). Von den Konzepten der "Völkerpsychologie" aus kann man zudem eine Brücke schlagen zu Freud und kritischer Psychologie einerseits, den modernen Sozial- und Kulturtheorien andererseits, und so später eine Aktualisierung von Hegel mit kritischer Integration späterer Konzepte erleichtern.

Literatur

(liegen mir alle vor)

  • Georg Eckardt (Hrsg): "Völkerpsychologie - Versuch einer Neuentdeckung" (enthält eine ausführliche Einleitung von Eckardt und einen Grundlagentext von Lazarus und Steinthal aus dem 1.Band ihrer Zeitschrift für Völkerpsychologie, sowie 3 Grundlagentexte von Wundt), 1997 Psychologische VerlagsUnion, Weinheim, ISBN 3-621-27359-X , Taschenbuch, 283 Seiten. (Eckardt 1997)
  • Uwe Laucken: "Sozialpsychologie : Geschichte, Hauptströmungen, Tendenzen", Oldenburg 1998, ISBN 3-8142-0619-3, 445 s. Volltext online unter http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/publikationen/bisverlag/lausoz98/inhalt.htm (Laucken 1998)
  • Moritz Lazarus: "Grundzüge der Völkerpsychologie und Kulturwissenschaft", "Herausgegeben, mit einer Einleitung und Anmerkungen versehen von Klaus Christian Köhnke", 2003 Felix Meiner Verlag, Hamburg, ISBN 3-7873-1632-9, gebunden, 299 S. (Köhnke 2003)

Weblinks zum Thema