Tu was du willst

Aus Kais Hegelwerkstatt
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Einführung in die Problemstellung: Was will ich (wirklich) ?

In unserer Gesellschaft ist (angeblich) jeder eines eigene Glückes Schmied. Jeder kann sich seine ganz eigenen Ziele setzen, niemand wird zu einem bestimmten Ziel (etwa einem bestimmten Beruf) gezwungen. Dies kann auch in Stress ausarten, ist man doch damit ganz alleine dafür verantwortlich, sich hier richtig zu entscheiden.

Nicht nur Jugendliche (spätestens bei der Berufswahl), sondern auch die Teilnehmer von Psychotherapien und Selbsverwirklichungskursen oder Kursen zur Besinnung auf die "eigentlichen" Lebensziele fragen sich also, was sie wirklich wollen (und da gibt es immer wieder aufs neue Zweifel: von der Midlife Crisis bis hin zum Blick zurück auf ein "verpfuschtes Leben" vom Totenbett aus).

(Der Walter Kaufmann Schüler Fritjof Bergmann, mit dem ich mich in anderem Zusammenhang gerade beschäftigen muss, formuliert das z.B. so: man soll sich überlegen, was man "wirklich, wirklich will" - worin bereits ein Misstrauen in das angedeutet ist, was man zunächst wohl auf die Frage nach dem, was man will, antworten würde)

Variante 1: Das "Über-Ich" loswerden

Wenn das, was man will, also problematisch ist, so gilt es das herauszufinden. Wenn dabei nicht von vornherein klar ist, ob denn das, was man "im Kopf hat" dem entspricht, was man will (weil dies etwa von Gesellschaft, Klasse, Religion, Tradition, Eltern, Schule usw. - freudianisch: vom "Über-Ich" her - vorgegeben ist), dann stellt sich die Frage, wie man dieses dann von dem, was man nicht will, unterscheidet.

Klassischerweise passiert dies also zunächst einmal durch eine Kritik der anderen Willensinhalte (die nicht von mir sind, die ich nicht wirklich will), Negation, Negative Freiheit:

Ich lasse mich dann nicht (mehr) durch meine Klassenvorurteile, durch den Zeitgeist, die aktuelle Mode, den gegenwärtigen "Konsumterror", die herrschende Religion, die Tradition, durch das was meine Eltern sagen, das was der Staat vorschreibt usw. einengen (Freudianisch: Negation des Über-Ichs) und beweise so meine (negative) Freiheit.

Dies der klassische Weg aller Jugendlichen, Rebellen, Linken, Aussteiger, Non-Konformisten usw. (und ein typischer Trick, wie insbesondere Jugendliche geködert werden: "du bist als Mitläufer, Ja-Sager, angepasst, nicht frei" - das ist mit den oben genannten Handwerkzeug einfach zu zeigen)

(Vgl. aber die rationelle Auflösung unter Über die Triebe)

Variante 2: Das "Es" loswerden

Es stellt sich die Frage, was dann übrig bleibt. Vielleicht meine natürlichen Bestimmungen (ich will trinken, essen, schlafen, mich bewegen, atmen usw). Aber auch hier könnte man natürlich umgekehrt fragen: will das wirklich ich? Ist das nicht nur mein Körper oder gar nur ein Trieb von vielen in mir, also bin ich da auch nicht bei mir, nicht bei meinem wirklichen Willen?

Also gilt es auch davon zu abstrahieren und mir beweisen, dass ich meinen Hunger, Durst etc überwinden kann, oder meine Ekel, meine Angst usw.

Der klassische Weg der Asketen, Yogis/Fakir, Soldaten/Krieger usw (zumindest an letzteren sieht man dann schon wieder, dass da auch nicht unbedingt etwas rauskommen muss, was "mir" dienlich ist).

(Vgl. aber die rationelle Auflösung unter Über die Triebe)

Ergebnis 1: die Totale Leere

Konsequent fortgesetzt bleibt dann ein ganz leerer, freier Wille zurück, der dann überhaupt nichts mehr will. (Das "tu was du willst" führt damit zu der Entdeckung: alles ich ist durch Inhalt bestimmt, wenn ich den weglasse, bleibt nichts mehr übrig. Dann werde ich durch nichts mehr bestimmt, und bin frei).

Das klassische Ergebnis insbesondere der Religionen indischen Ursprungs.

Kritik: eine Freiheit ohne einen Inhalt ist keine

Nun hat man dann Freiheit und keine Bestimmung mehr, die einen einengt, aber man ist so auch jeden den Inhalt los. Wenn Freiheit aber Selbstbestimmung ist, dann gehört aber eigentlich auch wieder ein Inhalt dazu. Wie also zum Inhalt kommen?

Die Lösung besteht auch hier letztlich darin, dass Freiheit und Inhalt nicht mehr als Gegensätze gedacht werden, sondern dass es eben darauf ankommt, sinvollen, vernünftigen Inhalt zum Inhalt seines Willens zu machen, den man dann zu verwirklichen trachtet.

Literaturhinweis

Populärwisenschaftlich hat das sehr schön klar verständlich, mit schönen Beispielen, Peter Bieri in "Das Handwerkzeug der Freiheit - die Entdeckung des eigenen Willens" in aller Ausführlichkeit durchgekaut (Karl Hanser Verlag, Muenchen Wien 2001. Als Taschenbuch im Fischer Taschenbuchverlag Frankfurt am Main 2003, EUR 13,90 ISBN 3-596-15647-5).

Es reicht allerdings der erste Teil, in dem bereits die richtige Deutung von Freiheit als Verwirklichung meines (von mir wegen seines vernünftigen Inhaltes gewollten) Willensinhaltes (ein Willen ist also an seinem Inhalt zu kritisieren).

Der zweite, sehr langatmige Teil handelt von der Abwehr der verrückten Vorstellung eines unbestimmten, willkürlichen Willens, was eigentlich nach dem am Ende des 1.Teils erreichten Erkenntnisstandes überflüssig ist (und daher von Hegel z.B. vorher abgehandelt wird). Der 3. Teil ist auch eher unwichtig.

Der Autor gibt zu jedem Kapitel ausführlich die Quellen an, aus denen er das hat. Bemerkenswert ist, dass er da praktisch nur moderne Autoren, in erster Linie des angelsächsischen Sprachraums aufführt. Dass seine Gedanken in fast vollständiger Übereinstimmung zu dem stehen, was Hegel in seiner Psychologie entwickelt, ist ihm anscheinend garnicht bekannt/bewusst.

Siehe auch