Skizze der Parallele von Logik und Philosophiegeschichte

Aus Kais Hegelwerkstatt
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Überlegung zu Parallelen

Gewöhnlich wird vermutet (und von Hegel auch selbst gesagt), dass die Logik dem Verlaufe der Philosophiegeschichte folgen würde, und so wird etwa das reine Sein mit Parmenides und das Werden mit Heraklit parallelisiert (Quantität und/oder Maß wäre dann Pythagoras).

Meine These ist dabei, dass die Philosophigeschichte dabei von Hegel mindestens zweimal auf die Logik abgebildet wird:

  • (a) zum einen wird die antike Philosophie (bis zum Neuplatonismus) auf die gesamte Logik abgebildet
  • (b) zum anderen wird die Philosophie an Descartes bis Hegel auf den Abschnitt vom Fürsichsein bis zum subjektiven Begriff abgebildet (mit starken Einschränkungen/Bedenken ließe sich die parallele bis zur Gegenwartsphilosophie weiterführen bis zum ende der Logik).
  • (c) möglicherweise werden zudem noch weitere Philosophen/Philosophien wie sie thematisch passen, auch unabhängig von diesen beiden großen Linien, behandelt:
    • In der Kritik der Unmittelbarkeit der Daseinslogik findet zudem wahrscheinlich eine Jacobi Kritik statt, einzelne Begriffe darin, wie etwa "Dasein" selbst, sollen direkt von Jacobi entlehnt sein (das habe ich aus dem Buch im Akademieverlages zur Seinslogik).
    • Im Kapitel über das Absolute am Anfang der Wirklichkeit wird natürlich Spinoza mit behandelt, auch wenn dieser ansonsten in die 2. Sequenz an der Stelle nicht hineinpasst
  • (d) Es fällt auf, das so die für Hegel eminent wichtigen Vorgänger Fichte und Schelling bisher nicht auftauchen. Vermutlich gibt es also noch eine dritte (teilweise) Parallele, die Fichte, Schelling, Hegel (und evtl. weitere Zeitgenossen) einschließt. Fichte wäre dann vermutlich im 1.Abschnitt der Wesenslogik (insbesondere in deren 2.Kapitel), Schelling vermutlich im 2. und evtl.3.Kapitel (dann wäre mit dem Absoluten im 3.Abschnitt das von Schelling mitgemeint).

die Parallele zur Antiken Philosophie

  • Die Seinslogik, insbesondere zur Qualität, setzt sich mit der antiken, vorsokratischen Philosophie auseinander. Hegel liefert selbst in seinen Büchern und Logikvorlesungen hierzu diverse Parallelen. (Hösle ist in seinem Buch "Wahrheit und Geschichte" hat im zweiten "empirischen" Teil (dieser macht ca. 3/4 des Buches aus) en Detail auf der Höhe der damaligen tübinger philologischen Forschung für den Zeitraum von Parmenides bis Platon durchgegangen, diese könnte man auch auf parallelen zur Logik absuchen (es ist aber wahrscheinlich leichter, schneller und effizienter, stattdessen den 1.Band von Erdmanns Philosophiegechichte, Geldsetzer u.ä, zu konsultieren, auch für den Rest)).
  • Quantität und/oder Maß wären dann Pythagoras und die Pythaogorer (die Länge des Kapitels ergibt sich aus der vermehrten Bedeutung die das Thema im 2.Durchgang, s.u., bekommt).
  • die ersten beiden Teile der Wesenslogik entsprechen wahrscheinlich der Auseinandersetzung von Sokrates (Parallele mit Kant) mit dem Sophismus/Skeptizismus
  • Spinozas Absolutes (und evtl. die ganze Wirklichkeit) entspräche dann der Idee von Platon
  • mit der Begriffslogik wäre dann der Übergang zu Aristoteles gemacht
  • Objekt entspricht evtl. dem Hellenismus
  • die Neuplatoniker der Idee (zu den letzten beiden siehe http://hegel-system.de/de/d3331.htm )

die Parallele zur neuzeitlichen Philosophie

  • Der Abschnitt vor dem (neuzeitlichen) Fürsichsein stünde für die vorneuzeitliche, "dogmatische" Philosophie in der Tradition der Antiken (insbesondere Aristoteles und Neuplatonisten) mit ihrer Betonung der Qualität. In diesem Durchgang würden sie also für die entsprechenden Philosophen in Mittelalter (und evt Renaissance) stehen. Dies würde auch erklären, warum Hegel diesen in seiner Philosophiegeschichte so einen geringen Platz einräumt, von der Quantität ähnlich wenig wie eben diese ersten 2 Kapitel gegenüber dem Rest der Logik.
  • Fürsichsein: Entdeckung des ichs: Renaissance, Barock (Descartes)
  • Quantität: der Barock interessiert sich für Zahlen und Mechanik, Newton, Leibniz, L'Homme machine etc.
  • Maß: Reintegration der Qualität und der Antiken Philosophie: Leibniz - integriert darin auch die Entdeckungen der neuen Zeit: Fürsichsein, Quantität (Der Abschnitt Fürsichsein, Quantität und Maß behandelt Themen von Leibniz (wieder ein Grund diese unter Fürsichsein zusammenzufassen), ebenso Identität, Unterschied, Grund)
  • Wesenslogik: Aufklärung, Skeptizisms, Kritizismus. Darin:
    • Identität / Unterschied: Aufklärung, sieht die Welt vernünftig (verständig), Systeme der deutschen Aufklärung, Wolff
    • Grund: will alles erklären, stellt alles unbegründete in Frage: die kritische Aufklärung (in Frankreich und England)
    • 2.Teil: Skeptizismus in allgemeinen, insbes. Kant (die ganze Wesenslogik, insbesondere aber natürlich der 2.Teil, ist der Auseinandersetzung mit der Kantschen Philosophie gewidmet. Hegel entwickelt auch seine Dialektik der Gegensätze in der Wesenslogik in der Nürnberger Zeit an der Darstellung der kantischen Antinomien).
      • Ding: Abstraktion der Aufklärung/Mathematisch/mechanistischen Weltbilder, in Bezug auf Kant naturlich das Ding an sich
      • Welt/Gesetz: auch Kant? Empirismus
      • Wesensverhältnis: Kants Antinomien?
    • Da wir noch immer philosophiegeschichtlich in der Phase der Skepsis/des Zweifels stecken, müsste die diesbezügliche Philosophienetwicklung bis zur Jetztzeit auf entsprechende logische Kategorien abgesucht werden, die dann hier zu ergänzen wären (möglicherweise ist das auch ein Grund, warum dieser Bereich in der hegelschen Fassung noch nicht "rund" ist/wirkt).
    • 3.Teil der Wesenslogik: hier bricht die Analogiekette ab, denn Spinoza wäre hier ein Anachronismus in der Zeitreihe. Spricht ansonsten dafür, dass hier Spinoza Rezeption/Renaissance in Deutschland (von Lessing bis Schelling?) gemeint sein könnte. Aber wie geht die Analogie dann mit dem 2. und 3.Kapitel weiter?
  • Begriffslogik, insbes. subj. Geist) wäre erstmal Hegel selbst
  • (zu einer möglichen Fortsetzung weiter unten)

4 Hauptthemen

Die Logik hätte damit 4 Hauptthemen (gemessen nach der Menge und Wichtigkeit des behandelten/abgedeckten Stoffes):

  • die Auseinandersetzung mit der alten vorsokratischen Philosophie (Seinslogik),
  • die Auseinandersetzung mit Leibniz (vom Fürsichsein bis zum Grund)
  • die Auseinandersetzung mit Kant (und Fichte/Schelling) (Wesenslogik)
  • die Auseinandersetzung mit Aristoteles (subj.Begriff)

Interessant ist dabei, welche Rolle bei Hegel, im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen, die antike Philosophie spielt, während seine philosophischen Zeitgenossen ab Kant (und auch schon vorher in der Aufklärung) maximal bis Descartes zurückblicken. Noch interessanter ist, dass Hegels Logik in die Wiederentdeckung/Restaurierung der aristotelischen Begriffslogik kulminiert (Duque betont zudem, dass auch das Prinzip der Wesenslogik, dass das Wesen erscheinen muss, also umgekehrt auch aus der Erscheinung abegeleitet werden kann, ein Grundprinzip der antiken griechischen Philosophie ist, dass in der Neuzeit spätestens im Gefolge von Kant, aber auch schon vorher bei Hume u.a. Skeptikern, verloren gegangen war. KF: Hegel muss hierzu also nicht nur Parallelen zur christlichen "Offenbarung" bemühen, sondern diese wäre ihrerseits in dieser antiken Tradition gegründet).

Hegel sucht hier also eine Synthese von Kant als dem Prinzip der neusten Philosophie und Aristoteles als dem zu bewahrenden Inhalt, in dem er durch Kant hindurch zu Aritsoteles gelangt.

Hegel steht hier also ähnlich da wie vor ihm Leibniz: auch dieser ist in seiner Zeit in seinem Aritstotels Bezug einzigartig (auch bei seinen Zeitgenossen hat man den vorher wirkungsmächtigen Aristotelismus der Scholastik zugunsten des Descarteschen neuen Prinzips als veraltet aufgegeben und sich nicht mehr damit befasst, wie später analog bei Kant) und auch Leibniz versucht, den Inhalt von Aristoteles mit den Prinzipien und Erkenntnissen der neuen Zeit (Newton, Descartes) zu vermitteln. Von daher ist es vielleicht kein Wunder, wenn die Auseinandersetzung mit Leibniz (bzw. dessen Themen) eine solch große Rolle in der WdL erhalten hat (und möglicherweise geben die eher kurzen und teilweise falsche Passagen zu Leibniz aus der von Michelet editierten Vorlesungen zur Philosophiegeschichte hier einen unrichtigeren/unvollständigen Eindruck, man müsste das mit den Editionen der Vorlesungsmanuscripte bei Meiner vergleichen).

Parallele bei Hegel

http://hegel-system.de/de/v3333332resultat.htm enthält eine Zusammenfassung Hegels von seiner Philosophiegeschichte.

Darin wird zum einen ebenfalls betont, dass es in der Philosophiegeschichten 2 Reihen gibt (a und b in der Auflistung oben, ohne dass dies mit der Logik in Verbindung gebracht wird).

Zweitens wird bei der Charakterisierung der Reihe (a) genau die unten von mir erschlossene Parallele zwischen antiker Philosophie und Logik gezogen (nur Platon wird dort dem "Allgemeinen" statt der Wirklichkeit zugeordnet).

Bei der Philosophie der Neuzeit findet in dem Text (wohl um die Doppelbelegung zu vermeiden) keine direkte Parallelisierung mit der Logik mehr statt. Naheliegend ist nur der Abschluss mit "Absolutem Wissen", "Wissenschaft" in Parallele mit Hegels System.

Nachdem die antike Philosophie schon bis zur Idee selbst gekommen war (und Hegel den 3.Teil der Idee belegt), bleibt für die Entwicklung der neuzeitlichen Philosophie (wenn man nicht, wie ich es oben vorschlage, die Logik nicht mehrfach "belegen" will) dann nur der 2.Teil der Idee übrig. Das Selbstbewusstsein/Ich der neuzeitliche Philosophie (von Descartes bis Kant) wäre dann das Prinzip des 2.Teil, Fichte das Prinzip des Guten/Willens, Schelling das Prinzip des Wahren/Erkennens.

Die benutzten Kategorien in dem Abschnitt ließen aber auch auf eine Ausweitung des Bereichs der Logik, auf die "projeziert" wird in die ganze Begriffslogik (wg. der Rede der Subjektivität) oder auch in die Wesenslogik (Inneres und Äußeres, Wirklichkeit) möglich erscheinen (möglicherweise zieht hier Hegel selbst mehrere Parallelen).

Zugabe: eine mögliche Verlängerung der 2.Parallele in die Nachhegelsche Philosophie

  • Objekt könnte evtl. die naturalistische, materialistische, szientistische, positivistische und utilitaristische Philosophie sein, die das 19.Jahrhundert zu gutem Teil bestimmt
  • Idee:
    • hier könnte das Prinzip des Lebens für die Romantik stehen mit ihrer Kritik der Aufklärung auch aus ganzheitlichen Gesichtspunkten. Hegel wäre ja so verstanden auch ein Teil der Romantik, nur dass er auch hier wieder das Prinzip der Aufklärung darin integriert. Die Romantik und Lebensphilosophie im weitesten Sinne ist die Gegen-/Komplementärströmung zu der o.g. positivistisch-materialistischen Strömung. Sie lässt sich mindestens bis in die Nazizeit verfolgen.
    • In der Nachkriegszeit kommen beide Strömungen in der Frankfurter Schule zusammen und führen zum Postmodernismus. Ob dieser in einer der weiteren Ausführungen der Idee enthalten ist, wäre die Frage. Evtl. in seiner Selbstreferentialität und Methodenbewußtsein in der absoluten Idee. In Wirklichkeit wäre aber auch hier dann einiges umzuschreiben und zu erweitern wollte man dieses neue alles hier mit abbilden.

Bei dieser Fortschreibung gibt es allerdings 3 schwerwiegende Probleme:

  • rein sachlich gibt es einen Bruch (der noch in de, Text zur Begriffslogik ausführlich Thema sein wird) zwischen subjektiven Geist und den nachfolgenden Objekt und Idee. Man könnte mit einem gewissen Recht argumentieren, dass diese nicht mehr die Logik, sondern das Verhältnis der Logik zur Welt behandeln. Da aber mit Aristoteles und Hegel auch Abschlüsse der jeweiligen Philosophiegeschichte erreicht wurden, ab der die Philosophie dann deswegen anders betrieben werden musste (und sich zudem die Parallele für die Nacharistotelische Philosophie wahrscheinlich durchführen lässt), wäre dies kein wirklicher Einwand (zudem: wen ich zeigen kann, dass in der Tat Objekt und Idee in die Logik gehören, dann gehören konsequenterweise auch ihre Parallelen in die Philosophiegeschichte)
  • zum zweiten kann Hegel wohl kaum die Nachhegelianische Philosophie beim Schreiben selbst im Blickfeld gehabt haben. Allenfalls wird er erste Ausläufer, etwa die Lebensphilosophie und den Positivismus/Utilitarismus gesehen haben. Auch dies muss aber kein grundlegender Einwand sein, es könnte ja sein, das Hegel auch hier besser war, als er wusste. Ähnlich wie in der Naturphilosophie hätte er hier anhand der logischen Strukturen etwas vorgeahnt (es wäre dann aber noch eine extra Untersuchung zu erklären, wie es zu dieser Parallele kommt, speziell in diesem letzten Teil).
  • zum dritten besteht natürlich die Gefahr, dass ich meine jetzigen Konzeption der Philosophiegeschichte auf Hegels Logik hier zurück projiziere. Beide Teile können dabei nicht den Beweid er jeweiligen Richtigkeit der jeweils anderen Sequenz ergeben, sondern die mögliche Parallele hätte nur einen gewissen heuristischen Wert (der auch etwa zu Umstellungen hier und in der Wesenslogik führen könnte). Hierzu wäre es nützlich, den Grund für diese Parallelen näher zu bedenken.

siehe auch