Literatur zur Naturphilosophie und zum subjektiven Geist

Aus Kais Hegelwerkstatt
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zur Naturphilosophie

Die Naturphilosophie ist als zweiter Anfang des Systems und als Grundlage und Gegenüber des Geistes, wie auch als Anwendungsfall und einer der Ableitungsgründe der Logik für das Gesamtverständnis unverzichtbar, wie überhaupt der letzte "Test" auf die Brauchbarkeit der Logik ihre "Anwendung" sein muss. Zudem gibt es inhaltliche Verbindungen zur Anthropologie, obj.Geist und Kunst.

von Hegel selbst

Neben den Jenaer System Entwürfen (JSE), dem Abschnitt über das naturwissenschaftliche Erkennen in der Phänomenologie und dem kurzen Abschnitt in der Nürnberger Enzyklopädie liegt hier nur der 2.Band von Hegels späterer Enzyklopädie vor, seinem veröffentlichtem Hauptwerk zur Naturphilosophie. Der allergrösste Teil davon besteht aus den philologisch sehr bedenklichen Zusätzen von Michelet.

Gerade hier wären also die Vorlesungen sehr nützlich. Band 16 der Vorlesungen bei Meiner gibt die Vorlesung zur Naturphilosophie von 1819/20 wieder (nicht klar, ob an der Münchner Unibibliothek verfügbar und noch nicht gelsesen).

Der Holländer Petry hat eine überall sehr gelobte 3 bändige Ausgabe dieser Natuphilosophie auf Englisch veröfentlicht, mit sehr vielen hilfreichen Anmerkungen. (Liegt an der Münchner Unibibliothek vor, habe sie bisher nur kurz überflogen).

Zu den genannten Gesamtübersichten gesellt sich bei der Naturphilosophie noch der sehr hilfreiche Text von Prof. Neuser in dem ansonsten problematischen Kommentarband zur Enzyklopaedie (stw 1477, Frankfurt 2000, ISBN 3-518-29077-0).

Hegelschüler

Der 2. Band von Michelets System behandelt umfangreich die Naturphilosophie. Da Michelet auch der Herausgeber des entsprechenden 2.Bandes von Hegels Enzyklopädie war, liest sich Michelets Werk zum Grossteil wie eine ausführlichere Version von Hegels Text (mit systematischer Einarbeitung der Zusätze), wobei sich Michelet bemüht, auf dem Stand der Wissenschaft seiner Zeit zu sein. Die logischen Strukturen werden bei Michelet recht klar, er stellt sie extra heraus. Die Polemik von Michelet gegen die Naturwissenschaften seiner Zeit (etwa dass es den Menschen schon immer gegeben haben muss) und seine teilweise formalistisch anmutenden Begrüdungen sind aber kritisch zu untersuchen, inwiefern man hier als Hegelianer in Fallen/Sackgassen hineinlaufen kann und es wäre daran zu überlegen, wie diese besser zu vermeiden sind.

Erdmann erwähnt lobend die Fortschritte, die Rosenkranz in der hegelianischen Naturphilosophie in dem entsprechenden Abschnitt seines Gesamtsystems von 1850 gemacht hat.

Rosenkranz selbst lobt (in seinem Buch "Hegels Naturphilosophie und die Bearbeitung derselben durch den italienischen Philosophen Augusto Vera, das verhätlnismässig leicht zugänglich ist und mir vorliegt) sehr die Darstellung und Weiterenwicklung durch den Italiener Vera, doch Veras Darstellungen liegen meines Wissens weder in deutsch noch in englisch vor.

Stark aufbauend auf Rosenkranz hat Noack in seiner Gesamtdarstellung von 1854 eine Naturphilosophie vorgelegt, die versucht diesen auf den aktuellen Stand der Naturwissenschaften weiterzuführen.

Erdmann hat keine spezielle Naturphilosophie dargelegt. In seinem Abriss des Gesamtsystems in den letzten Kapiteln seiner "Vorlesungen über das akademischen Leben und Studium" von 1858 hat er aber auch ein sehr gutes Kapitel zur Naturphilosophie geschrieben, dass ebenfalls auf Rosenkranz aufbaut. Erdmanns Logik enthält am Ende zudem einige sehr nützliche Hinweise zum Verhältnis von Logik und "Realphilosophie".

Zur Naturphilosophie haben einige Hegelianer noch Spezialgebiete behandelt, die ich erst noch einsehen muss.

Erdmann weist in seiner Philosophiegeschichte noch bzgl. Hegels Naturphilosophie auf den Einfluss von Schelling und den Schellingschülern Onken und Steffens hin, deren Werke zur Naturphilosophie so vielleicht auch zum Verständnis beitragen können. Selbiges gilt ebenfalls für das Werk Goethes.

offene Fragen/Aufgaben

Neben einer sinnvollen Rekonstruktion einer rationellen hegelschen Naturphilosophie ist im Hinblick auf den überfälligen Abgleich mit dem derzeit ereichten Wissenstand der Naturwissenschaften besonders wichtig, sich vorab klar zu machen, welche Rolle eine Naturphilosphie neben einer Naturwissenschaft hat. Ich habe dazu schon Anregungen verschickt, die Frage wäre in Zukunft noch verstärkt zu diskutieren.

Wichtige Grundfrage wäre hier noch, wie mit der geschichtlichen Dimension/Erklärung in der Natur umgegangen werden soll, sei es bei Darwin, sei es in Bezug auf Kosmos/Sonnensystem/Erdentstehung (durchaus typisch für die ganze Zunft ist dazu Annette Schlemms 1.Buch). Zumindest der belebten Natur wird man wohl eine Geschichte zugestehen. Hier wäre dann der Platz für Vernadsky. Über genetisch wirksame Prinzipien für die unbelebte Natur müsste man nachdenken (aber es wäre wahrscheinlich in der Tat konsequenter, wenn man schon eine "höher"-Enwicklung in der Natur zulässt, diese für die ganze Natur zuzulassen)

Die übrigen Punkte (Wellen, Periodensystem, Atomaufbau, Zellen, DNS, Quantenmechanik, Relativitättheorie) sollten keine prinzipiellen Schwierigkeiten aufwerfen und integrierbar sein (Relativitätstheorie in den 1.Teil, Zellen, DNS in den 3.Teil, Rest in den 2.Teil).

Unter http://hegelwerkstatt.de/index.php/Fachbuecher finden sich Hinweise auf einige Bücher, die auch fachfremden Laien einen Einstieg in die Naturwissenschaften und ihre Entwicklung geben können.

zum subjektiven Geist

von Hegel selbst

wird nur in Teilbereichen in der jenaer und nürnberger Zeit behandelt. Veröffentlicht nur (teilweise) in der Phänomenologie und ganz im 1.Teil (Subjektiver Geist) des 3.Bandes der Enzyklopädie.

Eine ähnliche Situation wie bei der Naturphilosophie: der eigentliche, zu Hegels Lebzeiten gedruckte und von ihm authorisierte Text der Enzyklopädie ist (zu) kurz, das meiste sind Zusätze, die der Herausgeber, Bouman, hinzugefügt hat.

Zum subjektiven Geist ist bei Meiner eine Vorlesungsmitschrift von Erdmann erschienen, die ich noch nicht ausgewertet habe, aber die sehr ausführlich ist und einen sehr guten Eindruck macht (liegt hier an der Uni München vor).

Insgesamt liegen noch eine ganze Reihe von Hegelvorlesungen zu dem Thema vor, die auch in dem Buch von Dirk Stedenroth "Hegels Philosophie des subjektiven Geistes. Ein komparatistischer Kommentar.", (Akademieverlag, Berlin, Oktober 2001, ISBN 3-05-003670-2 ) zumindest von der Gliederung her verglichen.

Hegelschüler

Alle 3 schon besonders hervorgehobenen Hegelianer (Erdmann, Michelet und Rosenkranz) haben eigene, ausführliche Werke zum subjektiven Geist geschrieben. Die Versionen von Rosenkranz und Michelet liegen mir vor und sind auch Online verfügbar, habe diese aber noch nicht näher eingesehen.

Der österreichsche Herbarthianer Franz Exner (der dafür sorgte, dass in Österreich nur Herbarthianer zu Philosophieprofessoren berufen wurden, die Herbarthianer waren eh explizite Gegner von Hegel. Herbarth war übrigens der Vorgänger von Rosenkranz in Königsberg) hat in 2 Bänden ("Die Psychologie der Hegel'schen Schule" 1842, 1844) explizit Hegels Lehre vom subjektiven Geist kritisiert und dabei auch die Unterschiede in den genannten verschiedenen Schülerversionen aufgezeigt und kritisiert (Rosenkranz und Michelet antworten darauf in der jeweils folgenden Auflage ihrer Psychologien, Exner erwiedert darauf im 2.Band von 1844). Ich versuche die 2 Werke zu bekommen, die bisherigen Berichte lassen vermuten, dass Exner zumindest ein Verständnis der hegelschen Philosophie völlig abgeht, so dass er zwangsläufig zu gravierenden Missinterpretationen kommt.

Rosenkranz Werk ist als erstes erschienen, noch bevor der 3.Band der Enzyklopädie im Rahmen der Werkausgabe mit den Zusätzen erschien. Er will den Hegeltext nur näher erläutern, mit Beispielen auffüllen, so dass Vittorio Hösle in "Hegels System" urteilt, Rosenkranz hätte das Werk nur durch Hereinnahme von Material aus der zeitgenössischen Psychologie aufgebläht

Michelet hat in seiner Version die Phänomenologie entfernt, da diese ja schon als Anfang des Systems vorliege und stattdessen das dort behandelte Material auf die Anthropologie und Psychologie verteilt, wobei er generell (auch sonst in seinem System) versucht dabei alle (von ihm als solche wahrgenommene) inhaltliche Doubletten auszumerzen.

Die Werke von Erdmann zum Thema sollen am besten sein, er hat sich auch sein Leben lang am intensivsten mit dem Thema beschäftigt. Ich habe sein Werk in der 5.Auflage, aber bisher erst überflogen. Er erhält Hegels Grundarchitektur mit guten Gründen. Seine späteren "Psychologischen Briefe" waren zu ihrer Zeit ein Bestseller und sind auch bei http://books.google.com einsehbar, aber nur eine populäre Darstellung einiger Aspekte/Ergebnisse und nicht mit seinem wissenschaftlichen Werk zum subjektiven Geist zu verwechseln

Ich würde hier gern, wie auch in den anderen Gebieten zunächst einmal die Gliederungen/Inhaltsverzeichnisse vergleichen und die Details insbesondere wo Hegel erweitert wird oder wo es sich um besonders interessante oder strittige Themen handelt. Aufgrund der bisher vorliegenden Kritiken würde ich in diesem Feld Erdmann den eindeutigen Vorzug geben und seine Darstellung zugrunde legen.

Modernisierungen

Am 22.7.2007 habe ich in der theologisch-philosophischen Fachbibliothek der LMU München von Dipl.psych Werner Haisch "Versuch einer Neuformulierung von Hegels 'Anthropologie' auf dem Hintergrund der modernen psychologischen Wissenschaften", seine Dissertation von 1977 an der LMU München, entdeckt. Soweit ich sehen kann, ein sehr nützliches Werk, dass sich darum bemüht, zumindest Hegels Anthropologie (als ersten und Grundlegenden Teil der Lehre vom Subjektiven Geist) zu verstehen und dabei auf den neusten Stand (von 1977) zu bringen. Dabei bemüht es sich u.a. auch um eine Aufhebung der Psychoanalyse und des Behaviourismus sowie der modernen Naturwissenschaften, sofern sie den Menschen betreffen (es müsste dabei auch eine gute Grundlage abgeben, um die - erst Jahre nach diesem Werk entstandene - Kritische Psychologie von Klaus Holzkamp & co. mit zu integrieren). Dabei sehr, sehr klar formuliert. Er rezipiert dabei auch die oben erwähnten Werke, insbesondere Rosenkranz' Psychologie und Erdmanns psychologischen Werke. Erstaunlicherweise scheint dieses Werk in der ganzen Hegel-Literatur und Psychologischen-Literatur in den ganzen 30 Jahren seit Erscheinen bisher kaum rezipiert worden zu sein! (Dirk Stedenroth erwähnt Haisch zumindest 2 mal beiläufig in seinem Werk zu Hegels Lehre vom Subjektiven Geist, kann allerdings aufgrund seines, Stedenroths, philologischen Schwerpunktes Haisch kaum nutzen).

offene Fragen/Aufgaben

Offene Fragen hier wären für mich vor allem der Umgang mit der Psychoanalyse in ihren vielen Ausformungen und generell den vielen psychologischen Theorien und Therapien des 20. Jahrhunderts. Stichwort hier ist natürlich das Unbewusste.

Hösle schreibt dazu in "Hegels System", man könne das Unbewusste da lokalisieren, wo Hegel von dem kontakt zwischen Mutter und Embrio spricht. Die Hypnose ("animalischer Magnetismus", "Messmerismus"), die ja bei Freud am Anfang der Theorieentwicklung stand, ist ja auch da angesiedelt. Hartmans "Philosophie des Unbewussten" ist hingegen vermutlich nicht hilfreich, höchstens hilft sie evtl. sich klar zu werden, was eine solche Integration ins System anrichten mag.

Die marxistische Psychologie (wie auch Naturphilosphie/-wissenschaft) mag durch ihren indirekten Aufbau auf Hegel auch Bereiche/Einsichten haben, die es aufzuheben git, sollte dazu durchgesehen werden (bei der Natur ist das leichter, weil da der "dialektische Materialismus" sich ganz sachgerecht auf die Natur und ihre Entwicklung (Dialektik) konzentrieren konnte, während im Bereich des Geistes die Betonung des "Materialismus" teilweise nervt, ablenkt und zu falschen Akzenten führt).

Lew Semjonowitsch Wygotski wird da empfohlen, konnte mich aber noch nicht begeistern (habe mir jetzt aber 2 Werke von Peter Keiler zu ihm bestellt, die helfen sollen). Die "kritische Psychologie" koennte aehnlich sein, ich hoffe aber, das es da mehr zu holen gibt. Hatte mich mal vor 25 Jahren damit beschäftigt. Nun habe ich neu die wichtigsten Werke von Holzkamp bestellt, mal sehen. Holzkamps Hauptwerk, "Grundlegung der Psychologie", ist inzwischen angekommen und macht garkeinen so schlechten Eindruck, da liesse sich evtl. etwas mit machen.

Update vom 24.7.2007: ein Grossteil der hier erwähnten "offenen Fragen" wird in dem oben erwähnten (siehe "Modernisierungen") Buch von Werner Haisch versucht zu beantworten.

Generell wird von Gesellschaftskritikern in der Psychologie, sei es aus der marxistischen Ecke (Wie bei Holzkamp), sei es aus der Psychoanalyse/Psychotherapie oder Kombinationen (Reich, Frankfurter Schule) die Anpassung des Individuums an die Gesellschaft zum Thema der Kritik gemacht, während umgekehrt viele modernen Psychologen eine Anpassung an die Anforderungen der Umwelt/Gesellschaft geradezu als Ziel einer gelungenen Therapie und Kennzeichen geistiger Gesundheit annehmen. Dieses Verhältnis ist bei Hegel nicht explizit Thema. Wollte man das Thema aufnehmen, stellt sich die Frage, wo es ins System aufzunehmen wäre. Mögliche Orte könnten sein: die Phänomenologie, die Psychologie, die Moral oder ein Abschnitt in der Sittlichkeit (etwa am Ende des abstrakten Rechts oder Parallel zum Gerichtswesen in der Bürgerlichen Gesellschaft, oder als Zusatz zu jedem der 3 Abschnitte der Sittlichkeit).

siehe auch