Jaeschke: Hegelhandbuch

Aus Kais Hegelwerkstatt
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Allgemeines

Ende 2003 ist das "Hegel-Handbuch (Leben - Werk - Schule)" von Walter Jaeschke (J.B. Metzler Verlag, 583 S., Gebunden, ISBN 3-476-01705-2) erschienen, seine 49,95 EUR sollten zumindest Hegelliebhabern das Geld wert sein.

Hier ist die ganze Kompetenz des Hegel Archives einmal zusammengefasst, alles wichtige, was sie zur Hegel Philologie, zur Entwicklung von Hegel, zur Einbettung von Hegels Werken und Positionen in die Diskussionen seiner Zeit usw. herausgefunden haben (und sonst in erster Linie verstreut in diversen Anmerkungsapparaten der sauteuren Hegel Werke und Artikeln der Hegel Studien steht), steht hier schön übersichtlich und komprimiert, zum Teil sogar in Erstveröffentlichung, auf ca. 550 engbedruckten, zweispaltigen Seiten (übrigens auf sehr schönem Papier und sehr schön gesetzt und gebunden, es ist also auch äusserlich ein schönes Buch).

Ein Probekapitel (die ersten 12 Seiten, enthält den biographischen Teil zu Stuttgart und Tübingen) kann hier als PDF heruntergeladen werden: http://www.metzlerverlag.de/buecher/leseproben/3-476-01705-2.pdf

Das Buch besteht grob aus 4 Teilen:

  • Hegels Leben (ca. 60 Seiten)
  • Hegels theoretische Entwicklung (bei weitem der dickste Teil des Buches, ca. 300 Seiten)
  • Hegels System (ca. 150 Seiten)
  • und am Ende ein kleiner Teil über die frühe Hegel Rezeption 1825-1848 (ca. 35 Seiten)

(wobei die hier so genannten Teile 2+3 im Inhaltsverzeichnis des Buches nominell nur einen Teil ausmachen, die Besprechung von Hegels Werken. Aber es ergibt sich sachlich und auch im Text ein natürlicher Einschnitt zwischen den Werken auf dem Weg hin zum reifen System und ab diesem).

zu Teil 1: Hegel Biographie

Der biographische Teil enthält viele Details, die sich bisher nirgends anders finden (oder die bisher, in verstreuten Passagen der Briefe u.ä. bisher nicht beachtet wurden), und dabei natürlich voller Hinweise auf die Quellen. Es ist auf voller Höhe der Forschung zu Hegels Leben und legt in einigen Punkten selbst die Messlatte höher.

Ich sehe dabei allerdings kleine Einschränkungen:

a) Ziel des Textes ist es erkennbar nicht, Hegels Biographie darzustellen, sondern all das zu ergänzen und zu korrigieren, was nach Ansicht Jaeschkes in den anderen Hegel Biographien fehlt oder falsch ist. Dadurch verliert sich Jaeschke des öfteren in ansonsten unwichtigen Details und führt so zu vielen Disproportionen in der Darstellung.

So ist dieser Teil nur für Fachleute, die solche anderen Darstellungen bereits kennen, interessant (man sollte also zumindest unsere Hegel.net Onlinebiographie unter http://hegel.net/en/hegelbio.htm vorher gelesen haben).

b) Die Besprechungen der entsprechenden Werke und die zugehörige geistige Entwicklung Hegels ist für den 2. Teil des Buches reserviert, was die Biographie selbst auch nicht gerade erhellender macht.

c) Die bahnbrechenden Forschungen von d'Hondt, Losurdo, Beyer etc. zum politischen Hegel werden von Jaeschke dem Namen nach zwar erwähnt, er geht aber eher nicht darauf ein, führt das Material eher nicht auf (ganz im Gegensatz zu der sonst unter (a) gennanten Tendenz) und spielt es, wo er es doch erwähnt, herunter nach dem Motto "nichts genaues weiss man nicht, weil alles so komplex". Es gibt keine Anzeichen, dass Jaeschke die Bücher von d'Hondt, Losurdo und Beyer gelesen hat, an einigen Stellen zeigen seine Bemerkungen eher das Gegenteil (oder dass er den Inhalt nicht zur Kenntnis genommen oder vergessen hat).

zum 2.Teil: Hegels Entwicklung

Der 2.Teil, zu Hegels Entwicklung, ist sehr interessant, er enthält wieder das geballte Wissen des Hegel Archivs und ihrer Forschungsergebnisse der letzten 30 Jahre. Daher ist dieser Teil der stärkste des ganzen Buches, nie zuvor lagen diese Forschungsergebnisse, die das "Weltniveau" definieren, in dieser Dichte und Genauigkeit vor.

In diesem Abschnitt ist eine Beschreibung und philologische Diskussion jeden Werkes zu finden, dass Hegel jemals geschrieben hat. So enthält der Abschnitt viele nützliche Hintergrundinformationen, die unserem Verständnis helfen. Zudem enthält der Abschnitt dabei auch Hinweise auf die zugehörigen Diskussionen zu Hegels Zeit, incl. solcher, die bisher übersehen wurde und dem wissenschaftlichen Fachpublikum (der Hegel Philologen) bisher nicht bekannt waren.

Auf der anderen Seite macht dieser strahlende Vorzug dieses Teiles (und auch des Buches als Ganzes) auch sein grösstes Problem aus: es gibt so viele Details, dass darüber das Gesamtbild verloren geht oder zumindest Disproportionen entstehen.

Insbesondere ist hier die notwendige Gewichtung zwischen Hauptwerken Hegels und weniger wichtigen Werken ernsthaft dadurch gestört, dass jedes noch so kleine Papier von Hegel erwähnt und kommentiert ist (so wird beispielsweise einer anonymen Theaterkritik Hegels in der damaligen "Berliner Schnellpost" 2 ganze Seiten gewidmet, nur weil hier einige Teile erst ganz neu gefunden wurden, das Interesse ist hier also teilweise rein mikroskopisch-philologischer Natur).

zum 3. Teil: Hegels System

In diesem Teil, der Hegels philosophischem Gedankengebäude gewidmet ist, empfinde ich den Fokus auf die vielen philologischen Informationen (wann schrieb/sprach Hegel zum ersten mal darüber, wie hat sich das entwickelt, etwa von einer Vorlesung zur nächsten, wann wurde das von wem unter welchen Umständen publiziert, wer reagierte wie darauf) besonders ablenkend, auf der anderen Seite finden sich auch hier wieder eine Fülle (philologischer) Informationen, die man sonst nirgends findet.

Die Besprechungen des Inhalts der hegelschen Philosophie, die in diesem 3. Teil ihren Platz hat, ist als solche natürlich seriös und fundiert und bietet Anregungen zum eignen Weiterdenken, verteidigen dabei Hegel gegen falsche Angriffe und setzen ihn auch in die Diskussionen seiner Zeit usw.

Das Problem ist hier nur, dass vor lauter philologischen Informationen der Raum für die eigentliche philosophische Diskussion (oder sind das falsche Erwartungen an ein "Hegel-Handbuch"?) viel zu klein bleibt, so dass Jaeschke hier nie in die Tiefe gehen kann (am ehesten noch in seinem ureigensten Fachgebiet, in dem er der weltweit führende Experte ist, der hegelschen Religionsphilosophie) und so teilweise mehr Fragen offen lässt, als er behandelt. Er behandelt also jeden wichtigen Teil des Systems, geht aber nicht immer in die Details, die ich mir wünschen würde.

Die Anzahl der Seiten, in denen er die jeweiligen Systemteile abhandelt (davon wie gesagt ca. zur Hälfte philologische Informationen) sagt genug:

  • Logik: 14 Seiten, davon:
    • Seinslogik: 4 Seiten
    • Wesenslogik: 6 Seiten
    • Begriffslogik: 4 Seiten
  • Naturphilosophie: 16 Seiten
  • Subjektiver Geist: 14 Seiten, davon:
    • Anthropologie: 3 Seiten
    • Phänomenologie: 3 Seiten
    • Psychologie: 8 Seiten
  • Objektiver Geist: 40 Seiten, davon
    • Abstraktes Recht: 4 Seiten
    • Moralität: 4 Seiten
    • Sittlichkeit
      • Familie: 1 Seite
      • bürgerliche Gesellschaft: 3 Seiten
      • Staat (ohne Weltgeschichte): 10 Seiten
      • Weltgeschichte: 18 Seiten
  • Absoluter Geist: ca. 80 Seiten

(Die oben erwähnte Webseite des Verlages zum Buch enthält auch das Inhaltsverzeichnis mit Seitenangaben als PDF).

Die inhaltliche Diskussion, wo sie denn stattfindet, behandelt oft wichtige Streitfragen in der aktuellen Hegelforschung, macht sich aber nicht die Mühe, den Inhalt einem Anfänger zu erklären.

Aus vielen Gründen ist das Buch daher nicht für Anfänger geeignet, sondern eher ein Nachschlagewerk und Forschungsbericht für Experten, und auch da liegt der Schwerpunkt eindeutig in der Philologie, nicht in der Philosophie.

zum 4. Teil: Hegelrezeption

Der letzte Teil ist der Diskussion der Hegel Rezeption in Hegels letzten Jahren und im Vormärz gewidmet, unter Einschluss einiger Linkshegelianer.

Die Linkshegelianer werden nur exemplarisch (und für den Kenner daher sehr unbefriedigend) anhand von Strauss "Das Leben Jesus", Bruno Bauers "Trompete" und von Feuerbach diskutiert (Zu Feuerbach hat Jaeschke, wie auch ein entsprechender Aufsatz von ihm in den Hegel Studien zeigt, eine besondere Sympathie, wobei er im Streit zwischen Hegel und Feuerbach aber am Ende dennoch eher für Hegel Partei ergreift).

Dies letztere ist ein interessantes Symptom bei Jaeschke, auf mich wirkt es so, als ob er sehr viel Energie darauf verwendet, seine eigene (vermutlich eher linke) Position so gut es geht zu verschleiern/im Dunklen zu lassen. So ist seine wirkliche Position, und wo sein "Herz" dran hängt, nicht sehr klar für mich ersichtlich. (Vielleicht ist er ja Hegelianer und/oder Marxist, traut sich aber nicht, das auszusprechen, da es in der heutigen deutschen Universitätskultur trotzt seines Wirkens immer noch nicht opportun ist, sich dazu zu bekennen?)

Dass er aber grosse Sympathien für Hegel hat, ist offensichtlich, insbesondere in seinen vielen Verteidigungen von Hegel gegen falsche Angriffe (und nicht zuletzt daran erkennbar, dass Jaeschke Hegel mehr oder weniger sein ganzes berufliches und wissenschaftliches Leben gewidmet hat).

Siehe auch

begeisterte Rezension durch Matthias Wolfes unter http://www.sehepunkte.historicum.net/2005/01/4933.html