Hoesle

Aus Kais Hegelwerkstatt
Wechseln zu: Navigation, Suche

Nach Oben

Text

Siehe http://hegel.net/werkstatt/personen/hoesle/

Einen noch beseren Eindruck bekommt man hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Vittorio_H%C3%B6sle

Eine Zeitlang habe ich alle Bücher von Hoesle gesammelt und gelesen. Sein "Hegels System" habe ich gleich nach Erscheinen in unserer Uni in Nürnberg entdeckt, konnte aber zunächst nicht so viel damit anfangen, insbesondere wegen seiner ständigen Suche nach "Intersubjektivität" (das ist, soweit ich sehe, mehr eine Mode in einem bestimmten Bereich vor allem der deutschen zeitgenoessischen Philosophie, zwischen Appelt, Habermas und ein paar anderen, bei denen vermutlich Hoesle damit punkten wollte, weil es zu seiner Richung passte), auch wenn ich viele Einzelbeobachtungen gut fand. Ich habe noch 2 Anläufe gemacht. Später habe ich es besser begriffen.

Eine aktualisierte Einschätzung von "Hegels System" aus heutiger Sicht habe ich geschrieben unter Buecher#Vittorio_H.C3.B6sle_.22Hegels_System.22

Speziell sein Aufsatz http://hegel.net/werkstatt/personen/hoesle/moralische_reflexion.htm hat mich damals ziemlich beeinflusst.

Zumindest früher hat Hoesle viel geschrieben, in meiner Hegel-Bücherliste empfehle ich ja eine Reihe von Bücher von ihm: "Hegels System", "Wahrheit und Geschichte" (die Kritik der Philosophiegeschichtsschreibung und zugleich sein Modell wie das gehen könnte - diese ersten 150 Seiten sind die philosophisch ergiebigeren und interessanteren- sowie dann die Darstellung/Prüfung des Modells in der Praxis an der Entwicklung von Parmenides bis Plato auf den weiteren ca. 500 Seiten), "Moral und Politik" (insgesamt verfehlt und naiv, aber ein grosser Steinbruch interessanter Gedanken) und weitere.

Hoesles Vater Johannes Hoesle ist Sprachprofessor in Regensburg, dort eine lokale Berühmtheit. Hösle selbst kann 15 oder mehr Sprachen (was er in seinen Büchern etwas lästig dadurch demonstriert, das er Zitate generell nicht übersetzt, egal wie abwegig die Sprache), darunter deutsch, italienisch, französisch, spanisch, katalanisch, russisch, portugiesisch, altgriechisch, latein, norwegisch, hindi, sanskrit und noch eine Reihe weiterer. Er hat eine Unmenge gelesen (man meint, dass er garnichts anderes gemacht hat in seinem Leben), vor allem die ganzen lateinischen und griechischen Klassiker (wie Hegel auch), und generell die Philosophieklassiker bis Hegel, aber auch späteres. Ein Nachteil seiner Lektüre ist der Fokus auf den Uni-Betrieb, in den Geisteswissenschaften (von der Psychologie bis zur Soziologie und Ökonomie) orientiert er sich rein an dem an den heutigen Unis herrschenden "Kanon", vor allem im anglo-amerikanischen Bereich (Freud und Marx etwa kennt er von daher eigentlich nur von hören-sagen, das seine italienischen Intelektuellenkollegen so auf Marx stehen, kann er sich nur psychologisch und aus mangelnder Vertrautheit mit diesem Kanon erklären), was seinem Wissen IMHO teilweise ein etwas naives, schülermässiges und altkluges Aussehen gibt. Er ist eher konservativer Katholik und hat als solcher auch Herz und soziales Engagement - wobei er aber die Soziale Marktwirtschaft (im Sinne/Rahmen der katholischen Soziallehre) für die Antwort hält - (und ist, da in meiner Generation sozialisiert, er ist nur ca. 3 Jahre älter als ich, grün-ökologisch).

Da er aber deswegen gleichzeitig keine Werterelativist ist und Hegel (und allgemein der objektive Idealismus) als Begründung fuer nicht-relativistsiche Werte für ihn wichtig ist (er bezeichnet sich selbst nicht als Hegelianer, aber als "objektiven Idealist", will selbst eine neue Synthese schaffen, der Hegel des 21.Jahrhunderts werden) finden sich bei ihm viele sehr kritischen Äusserungen gegenüber dem derzeitigen Unibetrieb in der Philosophie.

Nützlich ist auch, dass Hoesle jemand ist, der sehr an Wahrheit interessiert ist und er auch praktisch etwas ändern will, kein l'art pour l'art macht, man kann darum sehr gut mit ihm argumentieren.

Sehr fleissig und solide, ehrlich (auch in seinen Veröffentlichungen), sind seine Veröffentlichungen nützlich wegen der generellen (zu meisten Teilen Hegelkompatiblen) philosophischen Grundrichtung und der vielen Anwendung dieser Gedanken auf 100te von Einzelthemen. Enthalten auch sonst viele nützliche Gedanken. Es fehlt aber noch der grosse Wurf, das, weswegen man ihn in Erinnerung behalten müsste.

Charachteristisch ist auch, dass er sich als politischer Philosoph bezeichnet, er an der Lösung ethischer Fragen wie Hunger, Armut, Ökologie brennend interessiert ist, und er dafür einen neuen Objektiven Idealismus als Grundlage schaffen will, er es aber bisher noch nicht zu einer neuen Logik gebracht hat, sondern nur mit "Moral und Politik" zu einem Umschreiben des hegelschen Geistes zu einem Sollen hin (in Details wie immer viel nützliches, aber von der Grundarchitektur her, wie ich meine, schlechter als bei Hegel). Die folgenden vielen Links sollen nicht sugerieren, dass das Werk so besonders wichtig ist, ist eher eines der Werke von ihm, welches mir weniger wichtig ist, wo seine Fehler mehr durchscheinen:

http://web.archive.org/web/20021127163429/http://www.humanistische-union.de/hu/nummer163/091.htm ).

Seit einigen Jahren ist er mit einer Koreanerin verheiratet, Vater von Zwillinge, seitdem hat er weniger Zeit. Zudem ist er in furchtbar vielen Gesellschaften, Vereinigungen, Tagungen, bei der UNO usw., was seine Produktivität (was das Veröffentlichen von Artikeln und Büchern angeht) stark einschränkt. Auch wenn er immer noch offiziell Direktor des katholischen Forschungsinstitutes in Hannover ist, an dem Rike Schick ihre Doktor-Arbeit geschrieben hat, so doziert er jetzt nur an der Loyoloa-Universität in Chicago (Chicago ist DIE Hochburg des US Katholizismus)..

Hoesle ist persönlich freundlich und bescheiden/unprätentiös. Liest schnell, hat eine sehr schnelle Auffassungsgabe. Er antwortet teilweise innerhalb von Minuten auf Emails (Was bei anderen Philosophieprofessoren, gerade im Bereich Hegel, ganz und gar unüblich ist). Er sieht meinem offiziellem Treiben (hegel.net, hegelwerkstatt.de usw), soweit ich sehe, wohlwollend gegenüber und hatte für alle (wenige) Texte, die ich ihm bisher gezeigt habe, freundliche Worte, hat aber leider keine Zeit für mehr.

was soll man von Hösle mal lesen? (an einen Brieffreund)

Kai: Die 3 Hauptwerke von Hoesle sind:

  • Wahrheit und Geschichte (die ersten 200 Seiten zur Theorie der Geschichtsphilosophie, Kritik der gängigen Vorstellungen dazu, sind am wichtigsten, die restlichen 500 Seiten ein Versuch die Philosophiegechichte von Parmenides bis Plato neu zu schreiben, ausgehend von Hegels Vorlesungen einerseits, dem neusten Stand der philologischen Forschung, speziel in der Tuebinger Schule, andererseits)
  • "Hegels System". Das Buch ist vor allem ein guter Steinbruch für Einschätzungen zu älteren Hegelbüchern und einzelnen Gebieten insbesondere der Realphiloophie. In der Logik weniger brauchbar, ebenso keine Einführung oder Gesamtdarstellung (also nichts, was man einem Einsteiger in die Hand drücken sollte). Siehe dazu meine aktuelle Einschaetzung unter Buecher#Vittorio_H.C3.B6sle_.22Hegels_System.22 Selbstanzeige und Inhaltsverzeichnis unter http://hegelwerkstatt.de/personen/hoesle/hegels_system.htm
  • "Moral und Politik" (s.o.). Insgesamt eher nicht überzeugend, aber gut als Steinbruch nutzbar, insbesondere zu Themen die andere Hegelianer / Marxisten noch nicht so beackert haben, sowie als zusätzliches Material und Anregung. Insbesondere nützlich in dieser Hinsicht sind Kapitel 1 (Geschichte der politischen Philosophie/Ethik/Moral), 4 (in etwa: Subjektiver Geist) und 6 (6.1 Staat und 6.2 Geschichte).

Siehe dazu vor allem die Bemerkungen zum Buch in der Mitte des oberen Teil dieses Artikels.

Ich habe seinerzeit zum Buch in der alten Hegelwerkstatt geschrieben:

"Hösles Neuentwurf von Hegels Objektivem Geist, basierend auf seiner Kritik daran in [Hoesles Buch] "Hegels System" und den vielen kleineren Artikeln die er dazu in Taschenbüchern im Beck Verlag veröffentlichte). Wie üblich bei Hösle sehr dicht, mit vielen interessante Einzelüberlegungen, kann mich aber insgesamt nicht überzeugen.

Architektonisch gefällt mir Hegels Werk besser (Argumente dazu z.B. bei Bautz und Peperzak). Inhaltlich fehlt z.B. eine ernsthafte Beschäftigung mit dem Marxismus, der nur sehr äußerlich rezipiert wird, so dass dieser nicht aufgehoben werden kann. Außerdem habe ich manchmal (auch in "Hoesles "Hegels System") den Eindruck, dass Hösle erst ein Ergebnis hat und erst dann die Begründung sucht, seine Ziele sind daher öfters nicht genügend kritisch abgesichert, was er teilweise auch offen ausspricht, was ihn widerum erfrischend ehrlich erscheinen laesst. Einige Einschätzungen wirken recht naiv oder wirklichkeitsfremd."

Hier ein Auszug aus dem Vorwort und ein ausführliches Inhaltsverzeichnis: http://phaidon.philo.at/~zeidler/vhoesle3.htm#MuP

Andere Bücher von Hoesle beschäftigen sich mit Spezialthemen, bemerkenswert ist, wenn man sich fuer das Thema interessiert noch seine Studie zur Entwicklung der griechischen Tragödie "Die Vollendung der Tragödie im Spätwerk des Sophokles". Das 3. Buch, welches bei Iber von Hoesle zitert wird (neben HS und WuG), "Die Aufgabe der Philosophie" o.ä., ist eine vernichtende (und teilweise sehr berechtigte) Kritik der Gegenwartsphilosophie, u.a. als nicht wissenschaftlich.

Am wichtigsten ist von den ganzen genannten und ungenannten Werken Hoesles fuer mich in erster Linie "Hegels System", und auch das wäre eher fuer eine systematische Sichtung der Realphilosophie sinnvoll.

(Nebenbei: zum reinfinden in Hegel ist "Hegels System" absolut ungeeignet. Ich habe das Buch auch über die letzten 15 Jahre 3-4 mal durchgegangen bevor ich damit etwas anfangen konnten, die ersten 2-3 male habe ich es mir im Abstand von 1-2 Jahren jeweils hoffnungsvoll aus der Uni geholt und war jedesmal doch wieder enttäuscht. Wie gesagt, es ist erst gut, wenn du unabhängig vom Buch ein Verständnis und Überblick hast und dann das Buch als Ergänzung nimmst, dann stellst du fest, das dort zu vielen Einzelthemen (insbesondere der Realphilosophie) nützliche Gedanken/Fragen und Infos drin stehen. Falls du das Buch vor vielen Jahren gelesen hast und inzwischen ein Verständnis insbesondere auch der Realphilosophie aufgebaut hast, das du damals noch nicht hattest, dann wird es sich für dich lohnen, nun nochmal in das Buch hineinzuschauen, evtl. auch einfach nur ganz gezielt nach bestimmten Problemen/Fragen der Realphilosophie (aber ausgerechnet zu Marx wirst du da natürlich nicht so hilfreiches finden).