Faschismus

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Vorbemerkung

Dieser Artikel gibt den Text meiner Mail vom 9.10.2000 auf Hegel-Ger zum Thema wieder: http://de.groups.yahoo.com/group/hegel-ger/message/28

Der neu hinzugefügte Punkt (zum Sozialdarwinismus) enthält noch eine wichtige Ergänzung. Des weitern habe ich, wie hier üblich, am Ende (eher unwichtige) weitere Links hinzugefügt und ein bisschen Generelles für eine Fotführung.

(zu überwindende) Probleme bei der Erarbeitung eines hegelianischen Faschismusbegriffes

Ein Begriff des Faschismus anzugeben, ist aus verschiedenen Gründen nicht so einfach:

  • zunächst einmal ist nicht eindeutig, wo die Grenzen des Gegenstandes "Nazis" sein sollen, denn es wird viel als Nazis (bzw. faschistisch) bezeichnet: Nazi bzw. Faschist ist zu einem Schimpfwort geworden, das auf alles, was Ähnlichkeiten mit Erscheinungen der Nazis hat (und Parallelen lassen sich ja beliebig entdecken) angewendet werden kann (dazu auch mehr bei der Behandlung von "political correctness"). Insbesondere werden so auch praktisch alle Diktaturen der Welt von jemandem als faschistisch bezeichnet.

Im folgenden konzentriere ich mich daher auf die "klassischen" Nazis der NSDAP insbesondere der Zeit von 1933-45.

  • zum anderen ist es schon bei dieser engsten Eingrenzung, je näher man hinsieht destso schwieriger, einen umfassenden Begriff im hegelianischen Sinne (also einen, der allen Besonderheiten gerecht wird ohne abstrakt zu werden, aus dem sich die Besonderheiten also entwicklen lassen) zu entwickeln, so unterschiedliche Erscheinungen finden sich hier.
  • zum Dritten sind "Faschismustheorien" selbst ideologisch überladen, da sie neben der Erklürung des Faschismusses (gebrauche ich jetzt mal i.S. einer neutrale Bezeichnung für die Nazi-Erscheinung selbst und ihre Ideologie) auch andere Zwecke verfolgen (Dennoch können sie richtig sein, logisch ist das nicht ausgeschlossen. Aber ein gesundes Misstrauen ist angebracht).

Von Links ("kommunistisch") und Rechts ("bürgerlich") wird versucht, dabei jeweils einerseits zu zeigen, dass die eigene Position nichts mit dem Nazitum zu tun hat, davon begrifflich völlig verschieden ist (der Begriff des Faschismus wird also dafür jeweils so gewählt), auf der anderen Seite wird versucht, den zu bekämpfenden Gegner (Kapitalismus/Westen im Falle der kommunistischen/östlichen Faschismusforschung, Kommunismus im Falle der westlichen Faschismusforschung) den Nazis möglichst ähnlich aussehebn zu lassen:

Bei den "bürgerlichen"/westlichen also die Kommunisten vor allem des "realexistierenden Sozialismus" in ihren Totalitarismustheorien (immerhin wird hier begrifflich zwischen Nazis, Kommunisten und Totalitarismus unterschieden. Aber es ist klar, dass dieser Begriff "phaenomenologisch" / äusserlich orientert ist und kein "Begriff" im hegelianischen Sinne ist).

Kommunisten stellen umgekehrt den Faschismus als höchste Stufe, Konsequenz, Erscheinungsform, Krisenform usw des Kapitalismus dar (Wahlweise auch noch in Radikalisierung stattdessen oder zusätzlich die Nazis als Konsequenz, Erscheinungsform o.ä. der (bürgerlichen) Demokratie, wie beim "Gegenstandpunkt".

(Bei beiden Begriffsbestimmungen fällt auf, dass man (ganz Orwellsch) damit eine Nähe des Faschismus zur eigenen Position dann nicht mehr denken kann und der Wille zum Schlechtmachen des aktuellen Gegners).

Begriff

Nun zu meinem vorläufigen Begriff der Nazis (ich benutze selbst seltener den Ausdruck "Faschismus", weil er einerseits vor allem durch die linken Faschismustheorien vorgepraegt ist, andererseits ich über die italienischen Faschisten noch zuwenig weiss, um sagen zu können, dass mein Nazi-Begriff angemessen auf sie passt, möglicherweise wird bei einer Beschäftigung mit den italienischen Faschisten mein Nazi-Begriff besser und dann ein "Faschismus"-Begriff, der beide Phaenomene angemessen ableitet).

Nazis als Radikale Kritiker der Moderne

a) Zunächst einmal sind Nazis radikale politische Kritiker der modernen Gesellschaft in praktisch allen Bereichen. Aus dieser negativen Stellung erklären sich die vielen geistigen Wurzeln und die vielen verschiedenen Erscheinungsformen innerhalb der Nazis wie auch ihre Berührungspunkte etwa auch zu Linksradikalen.

(Wobei der Nationalsozialismus in seiner Praxis gleichzeitig soziologisch gesehen ein ungemeiner Modernisierungsschub brachte, wie viele (Sozialwissenschaftler (meist aus der Tradition der Frankfurter Schule) mit Recht gezeigt haben. Das ist auch wichtig / konstituierend und wäre ebenfalls abzuleiten)

radikale Kritik des Geistes (Geist als Ursprung der Moderne)

Spezifisch Rechtsradikal sind sie durch zwei Besonderheiten:

b) Für Nazis ist einer der Punkte, der in ihre Kritik einbezogen ist, der Geist selbst (hier gibt es auch einen Berührungspunkt zur Esoterik-/Psychoszene mit ihrer Kritik des Verstandes). Mit den Erscheinungsformen des Geistes wird dieser selbst verdächtigt/kritisiert. Neonazis versuchen also, Vermittlungen ohne Geist zu finden (Rasse, Blut, Nation, Gene, Wille usw. statt zersetzendem Intelektualismus). Hier der Wurzel ihres Rassimusses, ihres Interesses an Nietzsche usw. In Nuce ist die ganze Nazibarbarei bereits hierauf zurückzuführen.

Exkurs: ähnlichkeiten zum orthodoxen Marxismus

Ähnlichkeiten zwischen den Nazis und dem "realexistierenden Sozialismus" (RES) wie sie nicht nur die Totalitarismustheorie feststellt, lassen sich hiermit begründen und es lassen sich umgekehrt auch die (wesentlichen!) Unterschiede erklären: auch der RES hat eine solche Doppelstruktur (allerdings fehlt ihm das 3.Element des Antisemitismus - zumindest als wesentliches-, s.u.): auch er basiert auf

a) einer z.T. radikalen Kritik der Moderne (Unterschied: allerdings ist hier zentral das Feld der Ökonomie, genauer eine sehr spezifische Kritik daran, was schon ein deutliche Unterschied ausmacht. Ausserdem ist es insofern hegelianischer als der Faschismus, weil der Kapitalismus bei ihm nicht einfach negiert oder gebändigt sondern aufgehoben werden soll)

und

b) gibt es auch bei ihm z.T. eine Entwertung des Geistes (insofern die Inhalte des Geistes als Produkt von Klassenstandpunkten usw angesehen werden). Die Barbarismen etwa des Stalinismus aber auch noch die kleineren Hässlichkeiten der späteren DDR sollten sich vor allem aus diesem 2.Punkt erklären lassen, der natürlich auch zu einer schlechten Theorie führte. Aber auch hier sind die Unterschiede gewaltig, denn der RES als Marxismus versteht sich vom Kern her als Erbe der Aufklärung und ist als solcher vom Kern/Anspruch her intelektuell/pro-Geistig. Ein über sich selbst aufgeklärter, hegelianischer Marxismus müsste also nicht unbedingt diese Fehler wiederholen.

Ergänzung 2006. Sozialdarwinismus

c) Spezifisch Faschistisch ist in dem Anti-Geistlichen Schwerpunkt weiterhin die Betonung des Sozialdarwinismus als ergänzende und zugleich widersprüchliche Komponente des Faschismus. Wenn man vom Geist weg will, landet man notwendig bei Natur. Da ist man dann im 19.Jahrhundert auf den Darwinismus gekommen.

Der Orthodoxe Marxismus hat dies hegelianisch in einen Fortschritt zu Geist/Vernunft hin eingebettet, der Faschismus hingegen orientiert sich dagegen an der Übertragung des Darwinusmus auf die Gesellschaft im Sozialdarwinismus (ein Verbindungsglied hier ist auch Nietzsche, der einen ähnlichen Weg zurücklegt).

Ironisch hierbei ist, dass die Gründe, die viele der Anhänger eigentlich einmal für ihre Kritik der Moderne hatten, ihre schlechtere Konkurenzsituation im sich entwicklenden Kapitalismus, hier dann auf einmal, ideologisch verbrämt (Darwin entwickelte seine Theorie u.a. in Fortführung von Gedanken von Malthus), auf neuer Ebene wieder auftauchen. Das ist ein Grund, warum man dann in der Praxis durchaus wieder Erscheinungsformen sieht, die konform zu oder gar Radikaliserungen des Kapitalismus/bürgerlicher Gesellschaft waren. Will man aber den Faschismus in seiner ganzen Widersprüchlichkeit verstehen, so sind die Widersprüche unter der Oberfläche festzuhalten.

(Nebenbei: es liesse sich historisch/empirisch mit Todd zeigen, dass dieser Sozialdarwinismus teilweise aus England kommt, und es liessen sich auch aufzeigen wie diese Gedanke, auch über Theosophie -> östereichschen Theosophen -> nach Österreich und Deutschland gekommen sind und Hitler direkt beeinflusst haben - zu letzterem siehe das sehr gute Buch von Brigitte Hamann: "Hitler in Wien". Dies aber eher von historisch/empirischen als von begrifflichen Interesse).

Antisemitismus als schlechte Abstraktion

d) Als spezifische Synthese von a+b (und c) ist der Antisemitismus der Nazis zu sehen. In ihm haben sie in schlechtester Abstraktion den Grund aller Probleme gesehen, alles was sie kritisiert haben, haben sie als "jüdisch", als Erscheinungsform/Ausdruck/Konsequenz des "Judentums" angesehen (welches umgekehrt so gefasst/definiert wird. Nach Hitler ist "Judentum" kein "biologisch-rassistischer" Begriff (aber auch kein religiöser), siehe etwa seine Rede zur Eröffnung der Ausstellung zur "Entarteten Kunst").

Umgekehrt war diese Abstraktion daher auch der Kitt, der alle unterschiedlichen Standpunkte der Nazis zusammengehalten hat.

weiteres

  • Von Hoesle gibt es eine Analyse zum Faschismus im weiteren Sinen, die diesen ebenfalls als Reaktion auf die Moderne versteht. Er behandelt dabei den Faschismus aber eher als philosophisches Problem (weil er sich wohl auch auf die faschistischen Schriftsteller / Philosophen beschränkt, genauer ihre Theorien) und zeigt Verständnis für das Anliegen. Aber er zeigt auch klar auf, dass dieser Ansatz theoretisch falsch und zum Scheitern verurteilt ist (insofern vielleicht eine gute auch implizite Kritik: http://hegel.net/werkstatt/personen/hoesle/moralische_reflexion.htm
  • Von Rohrmoser (ja, der rechte Professor, der zumindest Mahler ein Stück weit auf seinen Weg nach Rechts gebracht hat) gibt es ein Buch "Deutschlands Tragödie - Der geistige Weg in den Nationalsozialismus", (Olzog Verlag, München 2002), das den oben zu Nietzsche angedeuteten Weg bei Nietzsche, Spengler, Jünger und Heidegger nachzeichnet.

Eine umfassenderer Begriff des Faschismus müsste natürlich aufzeigen, wie die verschiedenen Aspekte, die die anderen Theorien erklären, daraus umfassender abgeleitet werden können.

Siehe auch