Es ist töricht zu wähnen, irgendeine Philosophie gehe über ihre gegenwärtige Welt hinaus

Aus Kais Hegelwerkstatt
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Frage / Zitat

Hegel schreibt:

"Was das Individuum betrifft, so ist ohnehin jedes ein Sohn seiner Zeit; so ist auch die Philosophie ihre Zeit in Gedanken gefasst. Es ist ebenso töricht zu wähnen, irgendeine Philosophie gehe über ihre gegenwärtige Welt hinaus, als, ein Individuum überspringe seine Zeit, springe über Rhodus hinaus."

Was bedeutet das?

Antwort

Das Starke Behauptung daran ist "die Philosophie ist? ihre Zeit in Gedanken gefasst". In der Tat kann man das z.B. von der Descartesschen, Leibnizschen oder auch Hegelianischen Philosophie mit einigem Recht sagen.

Die Frage ist sodann, wo denn genau "ihre Zeit" anfängt und endet. Die meisten Hegelianer meinen, dass wir noch heute - was die von ihm aufgezeigten Grundprobleme angeht- immer noch in der Zeit leben, die Hegel zusammenfasst (und das auch solange weiter werden, bis wir die von ihm aufgezeigten Probleme lösen werden).

Ansonsten ist das Zitat ja einerseits eigentlich selbstverständlich: das wir uns irren koennen, das wir also nur dort die Wahrheit sagen, wo wir uns nicht irren, eine Beschränkung als etwas fixes/unüberwindliches nehemn, sie nicht überschreiten usw. ist selbstverstaendlich. Auf der anderne Seite ist aber klar, das dieser Einwand, um produktiv zu werden, ein inhaltlich begründeter sein muss (siehe dazu Unwissenheit und Skeptizismus). Von daher laesst sich aber das evtl. mangelhafte nur von einer überlegenen Position formulieren, bis dahin ist ja garnicht klar, worin denn die angeblichen, nur möglichen Maengel bestehen.

Wenn Hegel diesen Satz hier einflechtet, dann ist es weniger, weil er darauf hinweisen will, dass er als endliches Individuum Fehler machen kann (was selbstverständlich ist, so dass man es auch nicht immer extra dazu sagen muss), sondern weil der Satz immer nur unkritisch von seinen Gegnern gebraucht wird, denen immer sofort einleuchtet, dass alles was Hegel anders denkt als sie, bestimmt nur zeittypisches Vorurteil Hegels ist (oft ohne dann einen inhaltlichen Fehler bei Hegel nachweisen zu koennen), während sie selbst ihre Ansichten schon deshalb für über aller Kritik erhaben sehen, weil sie doch zu einer spätren Zeit leben (man könnte hingegen ja mit dem selben Recht aus der Abweichung zwischen Hegel und dem Kritiker heute auf die Möglichkeit schliessne, dass dann vielleicht der Kritiker heute selbst nur dem Zeitgeist aufsitzt und seine Zeit nicht überschreitet).

Aus dem letzteren kommt noch ein dritter, vielleicht paradoxer Aspekt: eben damit, dass wir darauf hinweisen, dass wir die nicht überwindbaren (was sich immer erst im Nachhinein herausstellt) Vorurteile (ebenso) unserer Zeit nicht überwidnen können, fordern wir uns auf, diese zu prüfen und überwinden so mehr Vorurteile, als wenn wir uns in bornierter Sicherheit wähnen (etwa im Sinne des Brechtschen Gedichts "Der Zweifler").

Lustig ist vielleicht noch, dass dieses Zitat gegen Hegel meist von den selben Leuten angeführt wird, die ansonsten Hegel immer dessen anklagen, dass er sich angeblich für den unfehlbaren Abschluss der Philosophiegeschichte wähne (was, wie man auch an dem obigen Zitat leicht sieht, nicht stimmt). (Kai)

Siehe auch