Die drei Seiten eines jeden Logischen in der Philosophiegeschichte

Aus Kais Hegelwerkstatt
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System - Geist - Absoluter Geist - Philosophie

Vorbemerkung

Hegel wendet "die 3 Seiten eines jeden Logischen" aus Enz. § 79-82‎ in seinen "drei Stellungen zur Objektivität" am Anfange seiner Enzyklopaedie an. Dieser Abschnitt bestand in der 1.Auflage nur aus 2-3 dürren Paragraphen und ist in der 2.Auflage von 1827 von Hegel zu dem derzeitigen kleinen Mini-Vorwort (oder Mini-Einführung) ausgebaut worden. Hösle baut daraus seinerseits dann im 1.Abschnitt seines Mammutwerkes "Wahrheit und Geschichte" ein Grundgerüst für ein Philosophiegeschichtsschema auf (das Iber in seinen "Prager Vorlesungen" positiv zitiert).

Im Folgenden gehe ich nicht auf die von Hegel dabei besprochenen konkreten Philosophien (etwa von Kant oder Jacobi) ein, sondern versuche nur - in Nachfolge von Hoesle ("Wahrheit und Geschichte") - ausgehend von den Gedanken von Hegel (und Hoesle) daraus einige Grundlinien zur Theorie der Philosophiegeschichte (und allgemein der Theorie-/Ideengeschichte) herauszuarbeiten (ohne dass ich dabei eigens Hoesles und/oder meine Gedanken dazu eigens kennzeichne).

1.Stellung

a) Solange es noch zu keinen festen Bestimmungen/Grenzfestlegungen kommt, befinden wir uns noch (individuel, wie in der Gechichte) im Bereich der philosophischen "Vorgeschichte", wir bemerken Widersprüche zwischen 2 Positionen nicht einmal.

b) Damit verwandt ist eine Position, die Unterschiede zwar unterscheidet und bemerkt, aber als "ist halt so" gegeneinander stehen laesst. (Solch eine Position hat auch kein grosses Interesse an genauer Unterscheidung und bringt eine solche daher wohl eher nicht hervor).

c) Der eigentliche Anfang für ein Fortschreiten ist also gemacht, wenn erstmals Grenzen gezogen, Unterschiede festgehalten werden. (Dies das Werk des "Verstandes" und Hegel sagt darum auch in seinem "Wastebook": "Der Verstand kann nicht geschenkt werden"). Erst von diesem Standpunkt an kann die Verwunderung (bei Paradoxen/Widersprüchen) eintreten, von der Aristoteles meint, sie sei der Anfang jeder Wissenschaft/Philosophie.

Diese Stellung heisst dogmatisch, insofern sie das Sein nimmt, wie es ist (bzw. meint es so zu nehmen) und sich keiner Irrtumsmöglichkeit bewusst ist. Nach Hoesle geht die Philosophiegechichte in Zyklen (einer Wendeltreppe) immer von einer dogmatischen Position über empirische/skeptische/kritische Positionen (s.u.) zu einer neuen Synthese, die dann ihrerseits wieder zu einem dogmatischen Ausgangspunkt eines neuen Zyklusses wird (Siehe dazu auch die Ausführungen ganz unten).

Hegel denkt spezifisch im Kontext seiner Zeit dabei an die Vor-Kantianischen Systeme seiner Jugend, speziell der Leibnizsschule (Woilf, Baumgarten etc und ihre Schüler), die in der deutschen Aufklärung (und noch zu Hegels Schulzeit) eine alles beherrschende Rolle spielten, weniger an Leibniz selbst und erst recht weniger an die Kirchlichen Dogmatik (die als Quelle für Philosophie zu Hegels Zeiten - Hegel ist hier noch in der Aufklärung sozialisisert- eher kein Thema mehr war).

2.Stellung

a) Gerade das "Festzurren" der "Lehrmeinung" macht es leicht, "Übertretungen" zu entdecken. Der Grund für die spezifische Übertretung mag einfach Unkenntnis sein (dann wird die Übertretung erst von anderen entdeckt und angemahnt), spätestens aber wenn die dogmatische Seite die Übertretung anmahnt, muss man sich entscheiden, ob man an dem Neuen festhalten will.

Man wird also Gründe dafür haben, man hat etwas empirsch neues entdeckt, was sich im Rahmen des Dogmatismus nicht erklären lässt (etwa im Vorfeld der klassichen Kuhnschen "Paradigmenwechseln"), ein empirisches Ergebnis passt nicht oder lässt sich anders besser erklären, vielleicht fällt auch eine Inkonsistenzen / Argumentationsfehler im Dogmatischen auf oder man hat sonst einen Grund, an die Sachen anders heranzugehen.

Für das Neue mögen empirisch neue Erkenntnisse die Ursache sein (etwa Aufgrund verbesserter Messinstrumente oder aufgrund sonstiger neuer Umstände: Bekanntschaft mit neuen Ländern, veränderte Produktionsprozesse und Aufgrund veränderter Bedürfnisse, für die etwa Probleme gelöst werden müssen) oder auch das Erkennen von Denkfehlern/Beschränkungen im Bisherigen oder auch neue Konzeptionen, die aus neuen konzeptionellen Sichtweise stammen, als Ergebnis genialer Grenzüberschreitung (wie bei manchen Entdeckern, Forschern, Künstlern - man sollte sich diesen Entdeckungsprozess einmal anhand von Beispielen ansehen, um von ihm zu lernen, hier auch die Rolle für biographische Details). Alle 3 Aspekte gehören natürlich zusammen (neue Einzelkenntnisse, die im bisherigen nicht angemessen vorkommen, verlangen neue Erklärungen, in deren Verlauf auch die Beschränkungen der alten Theorie gesehen wird - oder umgekehrt).

Dies erklärt auch, warum in der Regel nicht einfach nur eine vereinzelte Entdeckung bzw. ein vereinzelter Philosoph, ein vereinzelter Künstler usw. auftritt, sondern diese mit einer ganzen Heerschaar von ähnlichen Leuten erscheinen, so dass das Ganze wie eine Welle, ein Trend, ein "Zeitgeist" erscheint: die neuen Erkenntnisse, etwa aufgrund der neuen Messinstrumente, sind allgemein, die neuen Produktionsumstände und neuen Bedürfnisse ebenfalls, so dass an vielen Stellen Leute anfangen, darüber nachzudenken. Dies die relative Berechtigung der "Basis-Überbau" Konzeption des Feuerbachkapitels in der Marx/Engelschen "Deutschen Ideologie und dann im "HistoMat". Problematisch wird es nur, wenn die als einzige oder wichtigste Begründung genommen wird, da in diesen Überlegungen der logisch/geltungsmässig entscheidende Grund - die Mangelhaftigkeit der vorherigen Konzeption und (der mindestens teilweise) inhaltlichen Überlegenheit der neuen Position - nicht berücksichtigt wird.).

Es muss also keineswegs eine empirisch neue Erkenntnis ("Empirismus") sein, sondern kann auch eine neue Konzeption sein, die die bisherige Dogmatische Theorie herausfordert (in der Regel werden ja, wie oben angedeutet, eh neue empirische Erkenntnisse eh über kurz oder lang in neue Konzeptionen überführt).

Eine solche Position ist also angetan, bestehenden Dogmen erschüttern. Dabei wird ein inhaltlicher Fortschritt erzielt. Diesen nicht zu kenne/zu berücksichtigen kann man der Dogmatik vorwerfen.

Kai (Metabemerkung): Die obigen Bemerkungen (zu 2a bis hierher) gehören streng genommen nicht hier herein, weil ich hier nicht den Standpunkt des Empirismus entwickle, sondern mich dafür interessiere, wie sich allgemein (in Einzelwissenschaften, Teilgebieten oder Einzelfragen) inhaltlich neue Standpunkte entwickeln.
Das ist zum einen im Interesse der bewussten Hervorbringung von Fortschritten eh eine interessante Forschungsfrage, zum anderen meine ich damit die Hoeslesche Position eines Überganges von Dogmatismus zum Empirismus auch erweitert zu haben: anstelle des Empirismus können auch andere inhaltlich bestimmte Gegensätze auftreten und die weitere konkrete Entwicklung ist dann auch von diesen Inhalten mit bestimmt (wie ja auch beim Empirismus nicht unwichtig ist, was denn da empirisch neues vorliegt: Experimente von Gallilei und Bacon, ein neues Himmelsmodell bei Kopernikus, der Darwinismus, Relativitätstheorie und Quantenphysik verdanken sich durchaus unterschiedlichen Herangehensweisen und haben jeweils unterschiedliche Auswirkungen auf die (Natur)philosophie gehabt). Insofern aber zumindest anfangs keineswegs entschieden ist, dass das neue Modell besser ist und in dem neuen alles wichtige alte aufgehoben ist, kann aus der Gegenüberstellung der beiden nicht komplett vereinbaren Modelle dennoch der weitere Übergang zum Skepitzismus und Kritizismus geschehen.

Passiert dies allgemein (wie oben besprochen), werden solche neuen Erkenntnisse das Vertrauen in die alte Dogmatik erschüttern und generell eine empirischen Standpunkt fördern.

(Notwendiger Preis der neu gewonnene Freiheit 1.sten Grades - bei den ursprünglichen Entdeckungen - und 2.Grades - bei der Verallgemeinerung zum Lob des Empirismus, wird sein, das die Konsistenz des alten dogmatischen Gebäudes aufgegeben werden muss, dieses wird am Ende zumindst in den Details vergessen werden. Hier kann es dadurch auch zu teilweisen formellen und inhaltlichen Rückschritten kommen).

b) Skepsis. Nimmt man beide Kritiken ernst (die Berechtigung der Dogmatik und der Mangel des Empirismus aus ihrer Sicht und umgekehrt die Berechtigung der Empirie und der Mangel der Dogmatik aus ihrer Sicht, so kommt man als Konsequenz zu einem "Weder -Noch", einer Skeptischen Position kommen, die sich konsequent zu einer grundsätzlichen Skepsis in die Fähigkeit die Wahrheit zu finden, steigern kann. (z.B. Sophistik, Postmoderne)

c) Kritik der Kritik: Wird die Skepsis auf sich selbst angewandt, so wird ihre eigene Grundlage in Frage gezogen und es kann daraus zumindest schon einmal negativ etwas Neues hervorscheinen (bzw. sich die Motivation nach einem solchen Übergang ergeben): Sokrates, Kant

3. Stellung

3a Die "Falsche Abzweigung"

Bevor wir auf "unsere" (bzw. Hegels) - für uns offensichtliche - Lösung kommen, ist es an der Zeit kurz 3 Stellungen darzustellen, mit denen man die weiter unten dargestellte Lösung verfehlt:

3a1.

a) Zum einen kann man natürlich einfach so (2a/b/c) weitermachen, ohne das zu Problem zu sehen bzw., wo man es sieht, es ignorieren. Das bleibt dann bei 2a/b.

b) Oder man kann gar diese Skepsis als wichtigen Fortschritt festhalten wollen und sich darum umgekehrt einer Auflösung explizit verweigern: das sind dann etwa die Postmodernen Stellungen, die schon so viele Philosophengenerationen hinter sich haben, dass sie mit der Zeit ihr Instrumentarium immer weiter ausgefeilt haben, um sich gegen jede ihrer Bestreitungen zu immunisieren (um den Preis, dass man dann von hier keinen immanenten weiteren Fortschritt - aus dieser Position heraus- erwarten kann).

3a2.

Zum anderen kann man natürlich eine partielle Synthese/Aufhebung versuchen. Das ist teilweise ja auch philosophisches (und wissenschaftliches) Tagesgeschäft. Das ist erst einmal eine Position, die uns weiterbringt, auf der man aufbauen kann. Sofern aber die grossen "feindlichen Festungen" dabei ignoriert werden, sind die Lösungen nur selbst wieder - vielleicht ausgefeiltere, wichtigere - Teile des oben unter 2a dargestellten Pluralismus (wobei solche Positionen das Werk einer Gesamtsynthese erleichtern können, weil sie einzelne kleine Positionen schon vorab zusammenfassen).

Eine Position, die Hegels Philosophie restauriert (auch in neuem Lesart/neuem Gewand) würde dabei wohl zunächst einmal hier landen (da sich aus ihr zwar eine Reihe von alten mangelhaften Positionen erlediget haben oder leicht erledigen lassen, aber keineswegs alle - zudem müsste das jeweils explizit durchgeführt werden). Man dürfte sich also nicht damit begnügen, sondern müsste tatsächlich die Philosophiegeschichte seit Hegels Tod kritisch aufarbeiten/aufräumen.

3a3.

Schliesslich gibt es die Position, die ausgehend von der Skepsis unter 2b/c den Schluss zieht, dass dann die Synthesis auf anderem Wege als durch die Vernunft zu ziehen ist: die Anschauung oder Intuition (Jacobi), oder - im weiterne Verlauf - dann der ganze Weg zum Irrationalismus, den Lukacs ("Der Niedergang der Vernunft") aufführt und der in die Rassistische/Voelkische usw. Ideologie mündet (Wenn der Vernunft misstraut wird, muss ein anderes Kriterium gefunden werden: Gefühl, Tradition, Natur/Biologie/Rasse/Blut usw, die alle per Definition keiner rationellen Kontrolle/Kritik unterliegen)

3b Die Hegelsche Lösung

... ist uns hinreichend (zumindest als Form/Gestalt) bekannt (von Hegel her), es geht darum die Position zu entwickeln, in der der Gegenstand "von innen heraus" ganz verstanden ist, und als Konsequenz daraus ergibt sich dann auch, dass man dann weiss, wie die Einzelnen "Fakten" (sei es zur Stützung des alten Paradigmas oder des Neuen) und Theorien/Ansichten (etwa der vorherigen Stufen 2a/b/c) zum Gegenstand dazu gehören, wo sie ihn treffen und wo sie mangelhaft sind.

Dies wäre daher die befriedigende abschliessende Position eines Theoriezyklus.

3-> 1 der Übergang zum Dogmatismus

Im darauf folgenden, weiteren Verlauf kann dann diese Synthese der Ausgangspunkt für eine neue Dogmatik werden (in der Regel in veränderter, etwa popularisierter Form, Beispiel Leibniz -> Wolff, wahrscheinlich kann man das generell vom Übergang von den Schöpfern auf ihre Schüler sagen, siehe auch etwa der Übergang von Hegel zu seinen Schülern oder von Marx - bei dem selbst viel von Hegel nur implizit erschliessbar ist und/oder verloren ging- auf seine) und der Zyklus beginnt von neuem.

Während die Schüler durch das Bewusstsein der Grösse ihrer Vorgänger ganz erschlagen sind, diese sich also einerseits deren Lösungen (und der Überlegenheit dieser Lösung) bewusst sind und versuchen zu reproduzieren, aber andererseits gerade deswegen nur partielle, eher graduelle Fortschritte machen (etwa die Anwendung auf weitere Gebiete, Verfeinerung von Details), gehört daher anscheinend zur Entdeckung/Anwendung von grundlegend Neuem (s. 2a) auch, dass man das Konsistenzkriterum mit dem bisherigen zumindest zeitweise nicht verfolgt (was natürlich am leichtesten ist, wenn man die alte Position nicht oder nur ungenügend kennt), dann lassen sich qualitativ grössere Sprünge machen (Rosenkranz, die Junghegelianer und Marx sind Beispiele dafür unter den Hegelschülern).

siehe auch

zu den Drei Seiten

zur Philosopiegeschichte